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Auf der Spur des Schorgrabens

  • Karola Schepp
    vonKarola Schepp
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Hein Heckroths Bild "Ostanlage in Gießen" hat Thomas Schmitz-Albohn kürzlich an dieser Stelle vorgestellt. Das Werk aus der Gemäldesammlung des Alten Schlosses, gemalt 1924, zeigt mit einer Allee und dem ehemaligen Schorgraben ein Stück des alten Gießens. Doch was damit geschehen ist, darüber gibt es unterschiedliche Ansichten.

Fast 100 Jahre ist es her, dass Hein Heckroth - Gießens einziger Oscar-Preisträger und als Maler und Bühnenbildner berühmt geworden - seine Staffelei an der Ostanlage aufgestellt haben muss. Denn 1924 hat er mit seinem Gemälde "Ostanlage in Gießen" die Szenerie dort eingefangen. Das Bild befindet sich in der Gemäldesammlung des Alten Schlosses und zeigt eindrucksvoll, wie schön die Gegend zwischen dem Botanischen Garten und der Ostanlage schon damals gewesen ist.

Zwischen Recherche und Erinnerung

Die von Heckroth gemalte Allee führte im Bereich des heutigen Parks an der Ostanlage zwischen Berliner Platz und der Senckenbergstraße am Bo-tanischen Garten vorbei. Im Bild ist, rechts neben der Allee, auch ein Graben zu sehen, auf den Thomas Schmitz-Albohn bei der Vorstellung des Bildes in dieser Zeitung kürzlich besonderes Augenmerk gerichtet hatte. Dabei handele es sich um den Schorgraben, der einst auf der Linie des alten Festungsgrabens um die Innenstadt herum verlief, berichtete er und vermutete, gestützt auf Recherchen des früheren Stadtarchivars Dr. Ludwig Brake, dass der Graben schon bald nach Entstehung des Gemäldes verschwunden sein müsse, denn in den Zwanziger- und Dreißigerjahren seien Rohre verlegt und alles zugeschüttet worden.

Diese Darstellung hat Peter Eschke, unter anderem als Vorsitzender der Bürgerinitiative Historische Mitte Gießen stets hochinteressiert an Bildern und Berichten aus Alt-Gießen, auf den Plan gerufen. Denn er, Jahrgang 1949, erinnert sich, dass der Schorgraben in der Ostanlage in seiner Kindheit noch nicht zugeschüttet war. "In meinen frühesten Erinnerungen aus den 50er Jahren war der Graben noch so beschaffen, wie ihn Hein Heckroth gemalt hat: Brücken in der Diezstraße und der Senckenbergstraße." Zwischen Senckenbergstraße und Richtung Landgrafenstraße habe zur Stadt hin eine Mauer gestanden und zur Anlage hin eine recht steile Böschung. "Meine Eltern haben mir bei Spaziergängen immer wieder eingeschärft, nicht zu dicht an die Böschungsoberkante zu gehen", erinnert sich Eschke. Sein Fazit: Der Schorgraben müsse in diesem Bereich erst nach dem Zweiten Weltkrieg verrohrt worden sein. Zudem könne man auf Hein Heckroths Bild zwischen den Bäumen den dunklen Durchlass einer der Brücken erkennen.

Nach Recherchen des früheren Stadtarchivars Brake lief der Schorgraben (auch Schoorgraben, Ringgraben oder die Schor genannt) auf der Linie des ehemaligen Festungsgrabens um die Innenstadt herum. In Bereich der Ostanlage gab es Übergänge an der Senckenbergstraße und an der Diezstraße. Die Schor sei schon ab dem Beginn des 20. Jahrhunderts nach und nach zugeschüttet worden, hat Brake erforscht, und - entgegen der Erinnerungen Eschkes - in den Zwanziger- und Dreißigerjahren "verdolt" worden, der Wasserlauf also röhrenförmig zur Untertunnelung eingefasst worden. Hier lassen sich also Historiker-Recherche und persönliche Erinnerung nicht in Einklang bringen.

Brake hat in seiner Korrespondenz mit Schmitz-Albohn aber auch noch auf eine weitere Besonderheit im Heckroth-Gemälde von der Ostanlage aufmerksam gemacht, die an dieser Stelle erwähnt werden soll. Im Bildhintergrund könnten seiner Ansicht nach rechts das Oktroi-Häuschen (die ehemaligen Stadtzoll-Stuben) an der Neuen Bäue und daneben das Gebäude der ehemaligen Bürgermeisterei sichtbar sein. Letzteres habe den Krieg nicht überdauert und sich an der Ecke Südanlage/Gartenstraße (Berliner Platz) befunden.

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