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Gertraud Evers kennt sich aus mit den Abgründen der menschlichen Seele.

Sprung in die Lahn initiierte Thriller

  • VonBarbara Czernek
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Gießen (bac). Mord oder Suizid? Das ist die Frage, die bei dem Psychothriller »Frau im Fluss« von Gertraud Evers gestellt wird. Die Antwort darauf blieb die Autorin dem Publikum schuldig bei ihrer Lesung im Rahmen des Krimifestivals am Sonntagvormittag im Netanya-Saal.

Einer guten Tradition folgend endet am ersten Sonntag des Krimifestivals immer auch die Reihe »Eine(r) liest«, sodass diese Veranstaltung zugleich auch der Abschluss der Reihe für 2021 war. Veranstalter Uwe Lischper dankte sich daher auch dem treuen Publikum und gab der Hoffnung Ausdruck, dass diese Reihe, die vor allem durch die Förderung durch das Kulturamt möglich sei, auch im kommenden Jahr unter dem neuen Oberbürgermeister fortgeführt werden kann.

Gertraud Evers, gebürtige Wienerin und Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapeutin, lebt und arbeitet seit vielen Jahren in Gießen. Sie kennt die menschlichen Gratwanderungen und deren Abgründe. Mit diesem Hintergrund verfasste sie ihren Roman vor rund 20 Jahren, der den Leser jedoch noch weiter zurückversetzt und zwar in das Jahr 1988: ein Jahr vor dem Mauerfall und der Euro ist auch noch in weiter Ferne. Eine Zeit, die nah und doch schon so weit weg ist.

Erlebnis aus dem Jahr 1988

Die Grundkonstellation scheint simpel: Eine Frau, Mella, beobachtet, wie eine Frau von der Friedensbrücke in die Donau fällt. Ihr stellt sich die Frage: war es Selbstmord oder Mord und sie beginnt zu recherchieren. Dabei muss sie sich ihrer eigenen, selbstgezimmerten Realität stellen.

Die Idee zu der Grundkonstellation lieferte der Autorin eine wahre Begebenheit in Gießen. Evers sah einmal, wie sich eine Person von der Rodheimer Brücke in die Lahn stürzte. Dieses Erlebnis liegt der Story zu Grunde. Sie verlegte die Geschichte von Gießen nach Wien und entwickelte daraus einen komplexen Psychothriller. Im Gegensatz zu der »Who-done-it-Frage« eines Krimis legte sie den Fokus auf zwei Protagonisten, die irgendwie in das Geschehen verstrickt sind. Je nachdem wie es ausgeht, können die agierenden Personen Opfer oder Täter sein. Genau diese Spannung löste sie nicht auf und ließ die Zuhörer am Sonntag im Unklaren. Und das ganz bewusst. Das unterscheide die Geschichte von einem Krimi und mache sie zu einem Thriller, so liege hier eine stetige Bedrohung immer in der Luft. Das Alltägliche, die vertraute Sicherheit werde stark erschüttert, erläuterte Evers.

Mit ihren ruhigen, wohlüberlegten Worten nahm sie das Publikum mit und führte es geschickt durch die Erzählung, indem sie die einzelnen Textpassagen mit Zusammenfassungen verknüpfte, ohne zu viel zu verraten. Ein lohnenswerter Vormittag.

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