Gebärdendolmetscher

Sprache der Stille: Was eine Gebärdendolmetscherin in Gießen erlebt

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Gehörlose Menschen leben in der Stille. Doch sie haben Anspruch auf Teilhabe in der Gesellschaft. Das funktioniert aber nur, weil es Menschen wie Theresia Möbus aus Gießen gibt.

Ein Mann steht im Seltersweg und möchte wissen, wie er zum Rathaus kommt. Er spricht aber nicht, sondern stellt seine Fragen mittels Notizzettel und Gesten. Viele Passanten gehen vorüber, sie fühlen sich belästigt oder unangenehm berührt. Diejenigen, die verstehen, dass sie es mit einem Gehörlosen zu tun haben, werden laut. Sie stellen sich neben den Fragenden, weisen wedelnd in die entsprechende Richtung und schreien: Geradeaus, dann zweimal rechts und dann an der Ampel links. Das ist gut gemeint, nützt aber nichts. Theresia Möbus kennt solche Szenen nur zu gut.

Die Gebärdendolmetscherin weiß, wie schwer es Gehörlose haben – im Alltag, bei Behördengängen, bei Veranstaltungen. Die Eltern der 66-Jährigen waren taub. Der Vater kam gehörlos zur Welt, die Mutter konnte nach einer Scharlacherkrankung im Alter von neun Jahren nichts mehr hören. Beide waren während des Nationalsozialismus in Konzentrationslagern interniert. Eine schwere Bürde. Auch für die Familie. Theresia war schon als Kind Übersetzerin in allen Lebenslagen, sie musste immer mit und den Eltern helfen, den (ebenfalls hörenden) Brüdern blieb diese Aufgabe weitgehend erspart. "Ein Mädchenschicksal", sagt die zierliche Frau und lächelt. Vor vielen Jahren hat sie diese Fähigkeit schließlich ausgebaut und zum Beruf gemacht.

Möbus hat 1993 im Auftrag des Landeswohlfahrtsverbands und des Landesverbandes der Gehörlosen eine Beratungsstelle in Marburg aufgebaut, in deren Mittelpunkt die Integration Gehörloser ins Arbeitsleben stand. Das war damals hessenweit Neuland, Möbus hat zu dieser Zeit viel Pionierarbeit geleistet. 2002 wurde die Gebärdensprache als vollwertige, eigene Sprache anerkannt. Jedes Land hat seine eigene Gebärdensprache, sogar Dialekte gibt es. Die Anerkennung der Deutschen Gebärdensprache (DGS) war ein wichtiger Meilenstein, denn früher hat man Gehörlose dazu gezwungen, von den Lippen abzulesen, weil man glaubte, dass sie nur dadurch die Lautsprache erlernen und einen Zugang in die Welt der Hörenden finden könnten. Das hat sich zum Glück geändert, und spätestens nach der Behindertenrechtskonvention von 2008 muss Gehörlosen im öffentlichen Raum die Möglichkeit zur Teilhabe gegeben werden. Das bedeutet Aufträge für Theresia Möbus und ihre Kollegen: Bei städtischen Veranstaltungen wie dem Neujahrsempfang oder der Seniorenmesse, bei Betriebsversammlungen oder Gesprächen mit dem Arbeitgeber, bei Arztbesuchen oder Behördengängen sind sie dabei, wenn sie angefordert werden.

Es gibt auch viele technische Hilfsmittel: Angefangen von Cochlea-Implantaten bis hin zu visuellen (Lichtklingel) und taktilen (Vibrationswecker) Signalen. Dennoch, weiß Möbus, fühlen sich Gehörlose häufig isoliert. Sie sind in Gesellschaft unsicher und skeptisch, weil sie nicht alles mitbekommen. Sind sie dagegen im Kreise ebenfalls Gehörloser, vollzieht sich ein rasanter Wandel, denn das ist vertrautes Terrain. "Da ist was los, die quatschen, lachen und scherzen um die Wette". Möbus weiß, wovon sie spricht, denn sie hat ihr Leben lang Veranstaltungen der Gehörlosenverbände besucht. "Eigentlich wollte ich als junge Erwachsene nichts mehr damit zu tun haben, denn ich war als Kind oft überfordert mit meiner Rolle", erinnert sich Möbus. Doch nachdem sie bei einer großen Veranstaltung mit über 500 Gästen unvermittelt für eine erkrankte Gebärdendolmetscherin eingesprungen war und großen Erfolg hatte, schmiss sie ihren Job als Einzelhandelskauffrau hin und absolvierte die Ausbildung. Heute ist Möbus als selbstständige Gebärdendolmetscherin tätig, unter anderem hält sie für die Verwaltung des Landkreises Beratungsstunden ab.

In ihrem Berufsalltag hat sie schon viel erlebt: Brillante und schlechte Redner, Referenten, die Unsinn erzählen oder unsympathisch sind. Das spielt bei der Übersetzung keine Rolle, eine Gebärdendolmetscherin bewertet oder kommentiert nicht. Sie gestikuliert, hat eine faszinierende Mimik und unterstreicht Positionen mir ihrer Körperhaltung. Aber ein Profi zeigt niemals, was er davon hält. Ein Pokerface unter der Mimik. Hat sie nicht trotzdem schon einmal die Contenance verloren? Eigentlich nicht. Aber es gibt Ausnahmen. Kürzlich hat sie bei der Trauerfeier eines ehemaligen Kunden, den sie lange begleitet hat, die Emotionen nicht zurückhalten können. Echte Tränen kommen in der Gebärdensprache nicht vor. Aber ihre Arbeit bringt zwangsläufig große Nähe zu den Menschen mit sich. Gehörlose und jene, die ihre Sprache können, sind gute Beobachter, ihnen entgeht so schnell nichts. Sie haben feine Sensoren für Stimmungen und Gefühle – oft viel mehr als jene, die angeblich "alle ihre Sinne beisammen" haben.

Was macht man denn nun mit dem gehörlosen Mann im Seltersweg? Möbus gibt Tipps: Stellen Sie sich vor ihn und schauen Sie ihn an. Sprechen Sie deutlich, aber verziehen sie dabei den Mund nicht übertrieben, das macht das Ablesen schwieriger. Sprechen Sie nicht zu schnell. Trauen Sie sich, zu gestikulieren. "Damit haben die Menschen in Deutschland Probleme", weiß Möbus. Hier ist alles kontrolliert und reduziert. Dabei machen die flinken Hände eine Sprache reicher. (Fotos: Schepp)

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