Die Sprache ist lebendig

Giessen, Joga, ich buk Kuchen: Schreibt man diese Wörter so gemäß dem Duden? Oder diese Worte gemäß des Dudens? Mathilde Hennig weiß Rat. Oft gibt es mehrere Möglichkeiten, die als »richtig« gelten. Das kann sich aber wieder ändern.

Ich backte einen Kuchen. Moment – muss das nicht richtig heißen: »Ich buk einen Kuchen«? Wer regelmäßig Texte schreibt, kennt die Grübeleien sowie die Suche nach der richtigen Form. Und das ist auch gut so, findet Prof. Mathilde Hennig von der Justus-Liebig-Universität. Es zeige, dass sich Sprache unaufhaltsam entwickelt. Wie ihre Anwender eben auch. Die Zweifelsfälle der deutschen Sprache sind Hennigs Forschungsgebiet. Für den Duden-Verlag hat sie sich auf die Suche nach Antworten gemacht und sie im »Wörterbuch der sprachlichen Zweifelsfälle« niedergeschrieben. Dass die zahlreichen Sprachanwendern Kopfschmerzen bereiten, beweisen unter anderem die rund 70 Anrufe, die die Sprachberatung des Duden täglich annimmt.

Dativ als Mobbing-Opfer

Zurück zum Anfangsbeispiel. »Beide Formen sind möglich«, sagt die Germanistin. Die Erklärung dafür wird überkorrekte Bürger eher kleine Brötchen backen lassen. Sprache ist kein starres System, sondern ein »Gebrauchsgegenstand«. Das Verb »backen« zeigt, dass sich sowohl die schwache Vergangenheitsform »backte« als auch die starke Vergangenheitsform »buk« im Sprachgebrauch etabliert haben. »Ein ausdrückliches Richtig und Falsch kann deshalb eigentlich nicht formuliert werden«, sagt Prof. Hennig. Natürlich gibt es Regeln, die sich nachweislich bewährt haben. Dennoch bleiben auch die flexibel.

Erst seit Neuestem Bestandteil der amtlichen neuen Rechtschreibung ist das große »Eszett«. Viele Gießener wissen: Schon seit zehn Jahren wurde das Zeichen in den internationalen Standard-Unicode aufgenommen. Seitdem sieht man den Namen unserer Stadt mitunter mit diesem Großbuchstaben. Aber nicht mehr im Reisepass: Nach langem Hin und Her entschied die Stadtverwaltung sich hier für die Schreibweise »Giessen«, um die Lesbarkeit im Ausland zu gewährleisten. Mancher Bürger hatte immer wieder erklären müssen, dass sein Wohnort nicht »Gieben« heißt.

Der Sprachkritiker Bastian Sick hat bereits vor einigen Jahren des Genitivs Tod prophezeit. Mörder sollte der Dativ sein. Inzwischen sind Sicks Werke vergilbt, und seine Kolumne »Zwiebelfisch« setzt Geruch an. Der Genitiv lebt indessen munter weiter und gefährdet seinerseits den Dativ. Denn die Gesellschaft neigt dazu, »über-zu-genitivieren«, weiß die Expertin. »Häufig wird der Genitiv inzwischen auch dort angewendet, wo er gar nicht hingehört.« Etwa nach der Präposition »gemä?. Der Dativ ist zu einer Art Mobbing-Opfer geworden, zumal er gemeinhin als »bäuerlich« gilt.

Die Grammatik behandelt den Fall allerdings wie den Nominativ, Genitiv und Akkusativ auch: aufgabenbezogen. »Im Deutschen gibt es viele Wortarten, die einen bestimmten grammatischen Fall fordern«, sagt Prof. Hennig. Zum Beispiel »wegen«: Theoretisch muss dahinter der Genitiv stehen, also »wegen des Unwetters«. Manchmal kann aber auch der Dativ stimmen, etwa in der kurzen Nachricht »wegen Geschäften verreist«. »Diese Ausnahmen haben uns während der Forschungszeit für das Wörterbuch lange beschäftigt«, so die Professorin.

Fazit: Im Zweifel sollte scheinbar jeder auf sein Sprachgefühl vertrauen. Oder muss es »anscheinend« heißen? Auch das ist ein Zweifelsfall. Die Lösung steht im Kasten.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare