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Szene aus dem Theaterstück "Ein-Satz". FOTO: WEGST

Sprache und Identität

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Gießen(dkl). Die Kleine-Fächer-Woche der Justus-Liebig-Universität brachte am Freitagabend noch sprachliche Besonderheiten zu Gehör. Im Hermann-Levi-Saal des Rathauses zeigten zunächst Studierende ein kleines Theaterstück, bevor mit zwei Größen der kroatischen Literatur Gespräche und Lesungen folgten.

Zu den an der JLU unterrichteten slawischen Sprachen gehören Kroatisch, Russisch, Ukrainisch und Polnisch. Studenten dieser Fächer hatten kleine Texte geschrieben, die vom Thema Sprache und Identität handelten und die sie szenisch mit einfachen Mitteln umsetzten. Das bedeutet "Sprachen lernen durch Theater spielen", erklärt Petra Gveric-Katana, Lektorin Bosnisch, Kroatisch und Serbisch.

Die selbst verfassten Texte waren anspruchsvoll, ja lyrisch, was eine szenische Umsetzung nicht gerade einfach machte. Hilfsmittel waren eine Sitzbank und ein Rollkoffer, die das Verreisen symbolisierten. Es wurden Fragen gestellt und Forderungen formuliert wie: Fluchen muss Pflichtfach in der Schule werden. Fast alle Beteiligten deklamierten in der Sprache, die sie lernen, darunter auch Englisch. Eine von ihnen hatte ihren heimatlichen Dialekt gewählt. Im breitesten Mittelhessisch samt rollendem R erzählte sich vom Garten, von Kohlköpfen und wie Großmutter daraus Sauerkraut machte. Das konnten Menschen, die den Dialekt einigermaßen im Ohr hatten, gerade noch verstehen, aber die anderen? Warum waren nur die slawischen Texte in Leinwandprojektion auf Deutsch nachlesbar? Auch der mittelhessische hätte übersetzt werden müssen.

Die Aufführung dauerte 20 Minuten; nach einer Umbaupause begann das Podiumsgespräch mit Ivana Sajko, das auf Englisch geführt wurde. Sajko ist eine mehrfach preisgekrönte Schriftstellerin und Dramatikerin aus Kroatien, die in Berlin lebt. Eine Adaption ihres Romans "Rio Bar" war 2019 im Gießener Stadttheater aufgeführt worden; auch bei dieser Gelegenheit gab es eine Lesung mit anschließendem Gespräch, damals moderiert von ihrer Übersetzerin Alida Bremer.

Die Hauptfrage galt im aktuellen Uni-Zusammenhang der Sprache, in der Sajko sich zu Hause fühle. Sie habe im Laufe der Zeit gemerkt, dass sie sich auch im Englischen heimisch fühle. Sie schreibe mittlerweile auch auf Englisch, was sie selbst ins Kroatische übersetze. Eine neue Erfahrung, wie sie berichtet. Auf Deutsch schreiben, nein, das ginge (noch?) nicht. Thema war auch ihr neues Buch "Familienroman", das demnächst erscheint und für das sie erstmals eine männliche Erzählposition gewählt habe. Sie habe einfach etwas Neues ausprobieren müssen, sagt sie.

In Kooperation mit dem Literarischen Zentrum folgte danach eine Lesung von Kristian Novak aus seinem Roman "Zigauner, aber der Schönste". Er ist Professor am Institut für Germanistik der Universität Rijeka/Kroatien und beschäftigt sich in seiner literarischen und wissenschaftlichen Arbeit mit den Themen Minderheitspositionen und -sprachen, Dialekte, kulturelle Konflikte und Begegnungen.

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