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Dolmetscher vor Gericht sind vereidigt und haben eine besondere Qualifikation. Für Laiendolmetscher liegen die Hürden niedriger, ihr Arbeit ist gleichwohl sehr hilfreich. SYMBOLFOTO: DPA

Sprachbarrieren überwinden

Die größte Hürde bei der Integration von Zugewanderten dürfte die Sprache darstellen. Ein Programm mit Laiendolmetschern schafft hier seit einiger Zeit Abhilfe in Gießen.

Geht es um Behördengänge und der damit verbundenen Bürokratie, mit all ihren Anträgen, Formularen und »Anhängen XY«, dann verliert auch ein hier im Land geborener Mensch schnell mal den Überblick. Was erledige ich wo, welche Möglichkeiten habe ich, wer kann mir helfen?

Für Zugezogene aus anderen Ländern sind diese Fragen wichtig, aber oft genug ist die Sprache eine Barriere. Sie benötigen die Hilfe von Dolmetschern. Speziell auch dann, wenn sie aus ihrem Heimatland fliehen mussten und daher zusätzlich psychisch und emotional angeschlagen sind.

Diese Unterstützung kommt nun seit Ende 2020 in Form von ehrenamtlichen Laiendolmetschern. 25 von ihnen stellen ihre Dienste aktuell der Stadt Gießen und ihrem Büro für Integration zur Verfügung. Nach einer dreitägigen Schulung hatten sie sich dafür qualifiziert. Sie haben einen Migrationshintergrund und sprechen neben fließend Deutsch auch die Sprachen Arabisch, Persisch, Tigrinya, Somali, Kurdisch, Türkisch, Englisch, Spanisch, Französisch, Russisch, Urdu, Paschto, Dari, Aserbaidschanisch. Ihre Arbeit wird im Rahmen des Landesprogramms »WIR« des Hessischen Ministeriums für Soziales und Integration gefördert. Laien seien für die Arbeit völlig ausreichend.

Auch bei Vereinen gefragt

»Es bedarf nicht immer in jeder Situation staatlich geprüfte Dolmetscher. Das ist nur vor Gericht oder der Ausländerbehörde zum Beispiel notwendig«, erläutert Stadträtin Astrid Eibelshäuser. Dennoch könne die Stadtverwaltung nicht immer auf hauseigene Mitarbeiter und ihre Sprachkenntnisse setzen. Schließlich beherrschen viele von ihnen ohnehin nicht die dringend gesuchten Sprachkenntnisse für Arabisch, Somali, Farsi (Persisch) oder Tigrinya (Eritrea). »Das ist aber auch gar nicht notwendig, schließlich bietet Gießen als Studentenstadt eine Fülle sprachkundiger Bürger, die gerne helfen wollen«, so Eibelshäuser.

Koordiniert wird das WIR-Programm im Büro für Integration von Sinem Özkan, die bisher eine positive Bilanz mit ihren Übersetzern ziehen kann. Das sei schon direkt bei den Bewerbungen für das Programm losgegangen. Özkan war angenehm überrascht, dass sich mehr als 30 Menschen zwischen 18 und 60 Jahren bei ihr meldeten. Neben dem Gefühl, etwas Gutes zu tun, erhalten die Männer und Frauen lediglich eine Ehrenamtspauschale pro Einsatz und pro Klient. Doch zunächst galt es die Voraussetzungen des hessischen Ministeriums zu erfüllen. Dazu gehört etwa eine Fortbildung, wo etwa das deutsche Bildungssystem thematisiert wurde. Danach konnten 25 von ihnen von Organisationen wie Frauenhäusern, Kitas oder etwa Beratungsstellen für Integration angefragt werden.

Auch Vereine nehmen die Dienste der Laiendolmetscher an. Dabei werden sie beim Übersetzen oft mit tragischen Lebensschicksalen von Menschen konfrontiert, die Krieg und Gewalt auf ihren Fluchtrouten erlebt haben. »Darunter sind schwere Behinderungen oder traurige Lebensgeschichten. Daher bekommen unsere Laiendolmetscher auch spezielle Kurse, um damit besser umgehen lernen zu können«, erklärt Sinem Özkan.

Schweigepflicht und Datenschutz

Eibelshäuser ergänzt, dass es in dem Ehrenamt nicht um Sozialarbeit gehe. »Zur eigenen Rolle gehört nur Sprachmittlung und Übersetzung. Es geht nicht darum Menschen auf ihrem Lebensweg zu begleiten. Es ist dennoch ein Laiensystem auf hohem Niveau«, betont die Stadträtin. Zudem unterliegen die Übersetzungen der Schweigepflicht und sind unter Beachtung des Datenschutzes zu behandeln. All das lernen die Laiendolmetscher vor Beginn ihrer wichtigen Arbeit. Sprache ist schließlich ein wichtiger Baustein zur Integration. Die Stadt Gießen möchte ihren Pool an ehrenamtlichen Dolmetschern noch weiter ausbauen.

Die Stadt Gießen möchte ihren Pool an ehrenamtlichen Dolmetschern weiter ausbauen. Wer sich dafür interessiert, kann sich beim Büro für Integration unter der E-Mail integration@giessen.de oder Telefon 06 41/306-10 83 melden. (Emanuel Zylla)

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