Beliebte Anlaufstellen und für manche ein Lichtblick sind die Gießener Supermärkte, die bis spätabends geöffnet haben.
+
Beliebte Anlaufstellen und für manche ein Lichtblick sind die Gießener Supermärkte, die bis spätabends geöffnet haben.

Spinat statt Spontankauf

  • Karen Werner
    vonKaren Werner
    schließen

Gießen (kw). Zwischen Kneipe und Disco ein Schokoriegel, zwei Flaschen Betthupferl-Bier oder Milch zum Kaffee, zu dem man spontan Freunde zu sich nach Hause eingeladen hat: Zu meinen Studienzeiten stillte man derartige nächtliche Bedürfnisse an der "Tanke" in der Frankfurter Straße. Inzwischen haben einige Gießener Supermärkte bis 22 Uhr abends geöffnet. Dort geht es aber höchstens am Rande um plötzliche Gelüste auf Alkohol, Chips, Süßes oder Zigaretten. Zumindest ist das so bei meinem Zehn-Minuten-Besuch kurz vor Ladenschluss an einem ganz normalen Dienstag.

Verstohlener Blick in fremde Körbe

Im Laden geht es belebt zu, doch überhaupt nicht hektisch. Die Kunden wirken "gechillt", das Personal ist hier sowieso immer guter Stimmung. Das liegt wohl am Marktleiter, der freundlich grüßt während er Möhren nachfüllt. Denn frisches Gemüse liegt auch um diese Tageszeit in vielen Einkaufswagen. Zum Beispiel bei dem studentisch anmutenden Paar, das vor dem Kühlregal die Liste durchgeht: "Fehlt nur noch Tiefkühlspinat..."

Die einen machen ganz alltägliche Besorgungen, vielleicht auf dem Heimweg vom Abendessen im Lokal oder vom Sonnenuntergangsspaziergang. Für andere scheint der Supermarktbesuch in erster Linie ein Mittel gegen Einsamkeit oder Langeweile zu sein. Ein etwas zerzauster älterer Mann schlendert müßig durch die Gänge und packt hier und da etwas ein, das nicht so schnell verdirbt. Nudeln. Eine Dose Bohnen. Ein eingeschweißtes Stück Käse.

Verrückt, wie viele Sorten man jeweils zur Auswahl hat, sogar in diesem vergleichsweise überschaubaren Laden. Ein Viertel würde auch reichen, denke ich und bemerke gleich darauf: Es müsste natürlich genau das im Regal übrig bleiben, was ich selbst bevorzuge. Beim verstohlenen Blick in fremde Körbe staune ich mal wieder darüber, was andere Leute so essen. Ob sie diese Zutaten beim Kochen irgendwie kombinieren werden? Genauso - das wird mir manchmal sehr bewusst, zum Beispiel wenn ich einen Kollegen treffe - beurteilen andere meinen Einkauf. Wegen der Zehn-Minuten-Vorgabe beschränkt er sich heute allerdings auf Paprikaschoten und Joghurt. Unverfänglich, fast schon zu vorbildlich gesund. Peinlich werden kann es etwa in der Drogerie. Ach was, Kondome, ich spreche von Antischuppenshampoo oder Inkontinezeinlagen.

Fünf vor zehn, auf zur Kasse. Die junge Frau vor mir legt Bio-Blumenerde, ein Kilogramm Zucker, einen Pack Schokokekse und einen Pfandzettel aufs Förderband. Der Mann hinter mir zwei Dosen Thunfisch, zwei Flaschen Maracuja-Nektar, eine Flasche Wasser, eine Tüte Spätzle, Fix-Pulver für Käsespätzle, zweimal Wurstaufschnitt.

Am Wochenende wird es indes nicht ausschließlich derart bürgerlich-häuslich zugehen. Am Freitag und Samstag wacht auch mal ein Sicherheitsdienstmitarbeiter am Ausgang. Dann werden die Kassierer immer wieder den Satz in ihr Mikrofon sprechen, den ich heute nicht gehört habe: "Bitte den Spirituosen-Schrank aufschließen."

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare