Spielzeit der Superlativen

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Im optimistisch bunten Outfit präsentiert sich der neue Spielplan des Stadttheaters. Darin enthalten sind ganz im Sinne der "res publica" jede Menge Superlativen: mehrere Uraufführungen, deutsche Erstaufführungen und besonders im Schauspiel brandaktuelle Texte.

Ein "Bombardement der Superlativen" präsentierte das Stadttheaterteam um Intendantin Cathérine Miville bei der Vorstellung der neuen Spielzeit 2019/20. Unter dem Schlagwort "res publica" – um zum einen das Theater als öffentliche Angelegenheit in den Fokus zu rücken, zum anderen um an die demokratischen Anfänge des Landes vor 100 Jahren zu erinnern – deckt der Spielplan nicht nur die vielfältigen Fragen der Zeit ab, sondern bietet auch "so viel Gegenwart wie noch nie", freut sich Chefdramaturg Harald Wolff. Mit ihm stellten auch die Schauspieldramaturgen Carola Schiefke und Björn Mehlig, Operndirektor Oliver Graf, Ballettdirektor Tarek Assam und Abdul M. Kunze für das Kinder- und Jugendtheater das Programm vor, das die Theaterbesucher ab Ende August erwarten können.

Von "Tyll" bis Bowies "Lazarus"

Mit "Tyll", einem Schauspiel nach dem gleichnamigen Roman von Daniel Kehlmann, startet die Spielzeit am 31. August. Mario Portmann wird die "Geschichte von Schalk und Größenwahn" inszenieren und mit der deutschen Zweitaufführung zeigen, was passieren kann, wenn Clowns an die Macht kommen. Wer sich im Kino über "Der Vorname" amüsiert hat, kann das zugrundeliegende Stück von Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellière ab 12. Oktober auch im Großen Haus sehen. Cathérine Miville inszeniert das Kammerspiel und Familientreffen, das aus dem Ruder läuft, als der angehende Vater verkündet, seinen Sohn ausgerechnet "Adolphe" nennen zu wollen. "100 Songs" von Roland Schimmelpfennig ist ab 16. November, kurz nach seiner deutschen Erstaufführung, in Gießen zu sehen. "Panikherz"-Regisseur Jan Langenheim wird die Hymne an das Leben" inszenieren.

Nachdem am 18. Januar 2020 Molières Komödie "Tartuffe" im Großen Haus von Komödienfachmann Thomas Goritzki auf die Bühne gebracht wird, wartet mit dem Musical "Lazarus", das Pop-Ikone David Bowie kurz vor seinem Tod schrieb, ein echter Knaller auf das Publikum. Das Musical nach dem Roman "The man who fell to earth" von Enda Walsh ist randvoll gespickt mit Bowie-Klassikern und besticht durch seine abgründige poetische Sprache. Es inszeniert Katharina Ramser. Als deutsche Erstaufführung wird "Erinnya" von Clemens J. Setz, in dem ein Headset im schlimmsten Alexa-Überwachungsstil einen Depressiven durchs Leben führen soll, am 25. April 2020 von Titus Georgi in Szene gesetzt.

Brandaktuelles im taT

Auf der Studiobühne steht Gegenwartsdramatik an erster Stelle: Die Schauspieladaption "Nichts, was uns passiert" über den viel diskutierten #metoo-Roman von Bettina Wilpert wird am 29. August uraufgeführt. Unter dem Titel "Happiness is a warm gun" unterzieht die ATW-Performancegruppe Skart das radikalfeministische Scum-Manifest der Warhol-Attentäterin Valerie Solanas einem Update. "Tankstelle für Verlierer" ist ein Heimatabend über den DDR-Liedermacher Gerard Gundermann mit jeder Menge Gießen-Bezügen und dem "Rio Reiser"-Dreamteam Christian Lugerth und Sascha Bendiks. Eine Uraufführung ist auch "Snakedriver" von Christina Kettering und Markolf Naujoks (Regie, Musik, Bühne), eine Mischung aus Live-Comic, Gothic- und Milieustudie. Martin Gärtner wird mit "Antigone" nach 85 Gießener Vorstellungen von "König Ödipus" eine weitere Neudichtung von Bodo Wartke als Soloabend auf die taT-Bühne bringen. Mit Lisa Schettels Abschlussprojekt über Scham, Katharina Sendfelds ATW-Abschlussarbeit mit Kostümen für "Tyll" und dem Doppelpass-Projekt "house of german angst" der Performancegruppe Skart wird die Zusammenarbeit des Stadttheaters mit der freien Szene weiter vorangetrieben.

Drei Schwätzer kapern die Oper

Nachdem mit Rossinis Oper "Der Barbier von Sevilla" am 14. September quasi das Prequel des Da-Ponte-Zyklus’ erzählt wird, erobern am 26. Oktober doch tatsächlich Gießens "Drei Schwätzer" das Stadttheater. Aus Offenbachs Operette "Die Schwätzer", mit einem laut Miville "grässlich lächerlichen Libretto" haben die Gießener "etwas gemacht", nämlich eine Revue mit Highlights aus dem Schaffen des Komponisten, in der Gießens drei Schwätzer Titelrollen übernehmen. Mit "Glaube. Liebe. Abschied" (Inszenierung: Wolfgang Hofmann) werden kurz vor Weihnachten Francis Poulencs Drama "Die menschliche Stimme" und Kantaten von Johann Sebastian Bach im Sinne der "Mala Vita"-Tradition vereint. Engelbert Humperdincks Märchenoper "Hänsel und Gretel" ist am 16. Februar als konzertante Aufführung unter dem Dirigat Michael Hof- stetters zu erleben, der auch die Aufführung des Oratoriums "Saul" von Georg Friedrich Händel (28. März) leiten wird. Die Intendantin wird Charles Wuorinens Oper "Brokeback Mountain" inszenieren (16. Mai 2020), in der zwei Viehzüchter ihre Liebe zueinander entdecken und die schon in der Filmversion ein breites Publikum beeindruckt hatte.

Die Musik kommt auch in der taT-Studiobühne zu ihrem Recht. Dort kann man die Kammeroper "Das Tagebuch der Anne Frank" von Grigori Frid mit dem früheren Generalmusikdirektor Herbert Gietzen als musikalischem Leiter erleben oder auch das Musical "Krach bei Bach" mit dem Kinder- und Jugendchor.

"Rebellen" im Tanztheater

Im Tanztheater beginnt die Saison am 29. September mit einem dreiteiligen Tanzabend über "Rebellen", Anderssein und Widerspenstigkeit von Tarek Assam, Asun Noales und Jörg Mannes. Es folgt am 8. Februar im Großen Haus Assams Tanzabend zu "Don Juan" aus Sicht der Frauen. Die weißrussische Choreografin Olga Labovkina nimmt sich für "Jagen" Arthur Millers "Hexenjagd" vor, Thomas Noone thematisiert mit "Personal Trigger" die mediale Reizüberflutung und eröffnet zugleich damit die Tanzart 2020. "Auftaucher" und "Carmen", das die TanzArt in diesem Jahr starten wird, sind als Wiederaufnahmen geplant.

Von der Arche und echtem Gemüse

Nicht fehlen darf am Stadttheater auch ein reichhaltiges Theaterangebot für Kinder und Jugendliche. Als Familienstück zur Weihnachtszeit hat am 25. November Ulrich Hubs "An der Arche um acht" Premiere. Schauspieler Lukas Goldbach wird die Geschichte über Freundschaft mit Musik, Slapstick und turbulentem Tiefgang inszenieren. Lukas Noll, der sich in dieser Spielzeit aus der Elternzeit zurückmeldet, ist für die Bühne verantwortlich. Mit echtem Gemüse wird Puppenspieler Andreas Mihan sein Gemüsetheater "Das Totenerweckungssüppchen" für alle ab vier Jahre kredenzen, "Moby Dick" ist als Stückentwicklung für alle ab zehn Jahre zu erleben, Patrick Schimanski unterstützt mit der Stückentwicklung "Eigentum verpflichtet...Eigentum vernichtet? Eine Einmischung" die weltweiten Klimaproteste von Jugendlichen.

Das komplette Programm findet man im Spielzeitheft. Die bunt-gestreiften Hefte werden ab Montag in der Region verteilt und an den üblichen Auslagestellen in Stadt und Land zu finden sein – und natürlich auch im Großen Haus und dem Haus der Karten.

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