Marina Frenk ist ein Multitalent. Die 34-Jährige ist Schauspielerin, Musikerin und Autorin FOTO: DANIELEWICZ
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Marina Frenk ist ein Multitalent. Die 34-Jährige ist Schauspielerin, Musikerin und Autorin FOTO: DANIELEWICZ

Spiel mit der Wahrheit

  • Karola Schepp
    vonKarola Schepp
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Mit ihrem Debütroman "Ewig her und gar nicht wahr" hat Marina Frenk das boomende Genre der Migrantenromane auf ein neues Level gehoben. Damit ist die 1993 mit ihrer Familie aus Moldawien ins Ruhrgebiet ausgereiste Schauspielerin und Musikerin morgen zu Gast im Literarischen Zentrum. Die Lesung ist längst ausverkauft. Im Interview erzählt die Autorin daher vorab von ihrem Buch.

Bei einer virtuellen Lesung aus ihrem Debütroman "Ewig her und gar nicht wahr" trägt Marina Frenk eine grellgrüne Schwimmbrille. Das passt gleich doppelt: Schließlich liefert die Autorin mit ihrem autofiktionalen Erstling literarische "Tauchgänge" in die Welt von Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten und sich in einem anderen Land nicht wirklich angekommen fühlen. Zudem spielt im Prolog des Buchs, das von den Feuilletons wegen seines frischen Tons und seines tiefen Verständnisses gelobt wird, ein grünes Plastikkrokodil eine Rolle. An dem hält sich Frenks Alter Ego Kira fest, als sie als kleines Mädchen am Strand des Schwarzen Meeres beinahe verloren geht.

Sie haben das Thema Migration und die Suche nach der eigenen Identität schon in einem Hörspiel und auf der Bühne thematisiert. Warum haben Sie nun darüber einen Roman geschrieben?

Die Themen hatte ich schon länger an Bord. Es hat sich alles entwickelt. Es war mir schon vor ein paar Jahren klar, dass es eigentlich ein Buch werden sollte. Wie die Geschichte konkret aussehen würde, war aber nicht von Anfang an sicher.

Der Roman ist autofiktional. Da liegt die Frage nahe, wie viel die Figur Kira und die Autorin Marina miteinander gemeinsam haben. Aber ist das überhaupt entscheidend?

Für den Leser ist das nicht wirklich wichtig, solange die Geschichte funktioniert. Ich habe vieles aus dem Buch so oder ähnlich selbst erlebt, aber wenn ich eine Autobiografie hätte schreiben wollen, dann hätte ich das auch getan.

Der Titel spielt damit. Man weiß eben nicht, was wirklich wahr ist und was nicht. Warum haben Sie diesen Titel gewählt?

Am Anfang kamen unterschiedliche Titel in Betracht, etwa "Der Mensch gewöhnt sich an alles". Wir haben uns am Ende so entschieden, weil es die Übersetzung eines russischen Sprichwortes ist, das sich auf die Sowjetunion bezieht. Die ist, metaphorisch gesagt, eben "Ewig her und gar nicht wahr". Der Titel passt zu der Art und Weise, wie ich die Geschichte erzählt habe. Dass man eben nie sicher weiß, ob etwas passiert ist oder nicht. So wie auch Kira in ihrem Kopf nicht mehr hinterherkommt, was Realität ist und was nicht, ob die Vergangenheit ihrer Vorfahren tatsächlich so stattgefunden hat oder anders. Es gab am Anfang auch noch eine Zukunftsebene. Doch das wurde beim Lektorat zu Traumvisionen umgearbeitet.

"Ewig her und gar nicht wahr" ist kein Migrationsroman im ausschließlichen Sinne. Es geht in mehreren Erzählsträngen auch um die Entwicklung der Malerin Kira im heutigen Berlin, um die Abnabelung von ihrer Familie, um Probleme in ihrer sprach- und berührungslosen Beziehung zu dem Journalisten Marc. Thema sind auch ihre Gefühle als Mutter.

Welcher Aspekt war für Sie beim Schreiben die größte Herausforderung?

Ich fand alle Jetzt-Passagen am schwierigsten. Diese bilden den stabilen Strang für den Leser, um sich orientieren zu können. Die Vergangenheitspassagen haben mir am meisten Spaß gemacht. Da konnte ich mir ausmalen, wie die Geschichten der Vorfahren, die auch Kira nicht kennt, hätten aussehen können.

Marina Frenk ist 1993, da war sie gerade sieben Jahre alt, als sogenannter Kontingentflüchtling mit ihrer jüdisch-russischen Familie aus Moldawien ins Ruhrgebiet ausgereist. In Moldawien sprach man da plötzlich wieder Rumänisch und nicht mehr Frenks Muttersprache Russisch. Die Sowjetunion war Vergangenheit.

Wie haben Sie recherchiert? Bei der eigenen Familiengeschichte ist das sicher nicht immer ganz unproblematisch.

Ich habe mich an den Fitzeln, die ich wusste, festgehalten. Davon bin ich ausgegangen und habe sehr viel weitererfunden. Es leben nicht mehr viele Familienmitglieder, die ich hätte fragen können. Aber diese Lücken waren für mich spannend, und auch für die Figur Kira Liebermann, die verstehen will, wo ihre geografischen und kulturellen Wurzeln sind. Sie fühlt sich zu nichts zugehörig. Sie ist beruflich und familiär in einer Krise, auch was die Migrationsgeschichte angeht. Diese Lücken aufzufüllen, hat Spaß gemacht, diese große Freiheit, etwas zu erfinden, und damit zu sagen: Nun ist die Geschichte erzählt.

Das Ankommen und Sichfremdfühlen haben Sie am eigenen Leib erfahren. Wie erinnern Sie sich an Ihre erste Zeit in Deutschland?

Wir sind hier angekommen, haben die Sprache gelernt. Es war der klassische schwierige Migrantenstart.

Wäre es für Sie eine Option, wegzugehen, einen Neustart zu wagen?

Dafür kann es natürlich unterschiedliche Gründe geben. Aber im Moment fühle ich mich hier sehr zu Hause. Ich könnte auch mein Leben lang bleiben.

Warum ist die Suche nach den Wurzeln so wichtig - gerade für Menschen, die aus einem anderen Land oder Kulturkreis kommen?

Man ist einfach jeden Tag mit etwas konfrontiert, das fehlt. Wenn der Rest der Familie in anderen Ländern lebt, stellt sich ganz automatisch die Frage: Warum ist das passiert? Was war der Ausgangspunkt? Für Kiras Geschichte im Buch ist das der Zusammenbruch der Sowjetunion. Wenn sie von diesem Punkt aus zurückgeht auf der Suche nach den Wurzeln ihrer russisch-jüdischen Familie, dann hat sich im Zweiten Weltkrieg entschieden, ob es jemals eine Kira geben wird. Hätten die Großeltern nicht überlebt, gäbe es auch sie nicht. Das ist die Frage nach sich selbst: Warum gibt es mich? Und woher komme ich?

Ich-Erzählerin Kira im Roman hat ein schlechtes Gewissen, weil sie im sicheren Berlin ihren Befindlichkeiten nachspürt, es aber andernorts Menschen gibt, die aktuell auf der Flucht sind und denen es viel schlimmer geht.

Wie geht es Ihnen selbst, wenn Sie Bilder von Lagern wie Moria sehen oder von Flüchtlingen in Schlauchbooten?

Das sind Gedanken, die mir und vielen anderen durch den Kopf gehen. Weil es uns in der Sicherheit, in der wir leben, selbst noch in Corona-Zeiten vergleichsweise besser geht. Man kann nichts dafür. Jeder ist der, der er ist. Aber es ist merkwürdig, dass man in Corona-Zeiten als Erstes Grenzen dichtmacht und Solidarität auf Menschen in der Nähe bezieht, aber nicht auf die, die quasi nicht dazugehörig sind. Das Verhältnis von Befindlichkeiten und existenziellen Problemen - diese Frage stellen sich viele.

Haben Migranten überhaupt die Chance, sich angekommen zu fühlen? Oder bleiben sie immer das, was Sie im Buch DDON nennen: Definitiver Depp ohne Nationalität?

Das ist wohl eine total individuelle Entscheidung. Ankommen kann man auch auf unterschiedliche Weise: an einem Ort, in einem Familienmodell, in einem Beruf als Fixpunkt. In Kiras Fall geht es erst mal überhaupt um das Feststellen, dass sie sich als DDON fühlt.

Marina Frenk hat in den letzten Monaten noch einmal einen entscheidenden Einschnitt erlebt: die durch Corona erzwungende Pause. Ihr sind als freischaffende Schauspielerin und Musikerin mehrfach Auftrittsmöglichkeiten weggebrochen. Auch eine Lesung zur Leipziger Buchmesse konnte nur im Netz stattfinden.

Wie haben Sie diese Zeit genutzt? Sie haben wohl mit einem zweiten Roman angefangen?

Ich habe das, was ging, einfach weitergeschrieben. Das kann ich nicht pushen. Ich kann ja nicht sagen, jetzt ist Corona, also schreibe ich einen zweiten Roman. Ansonsten ging es mir wie allen Künstlern. Es ist viel Arbeit weggefallen. Stücke sind ausgefallen, Honorare wurden nicht gezahlt. Spielen war wirklich das Allerschwierigste. Ich war ganz froh, dass ich ausgerechnet zu dieser Zeit am Roman gearbeitet habe, obwohl es eigentlich der denkbar schlechteste Zeitpunkt ist.

Es gibt viel Lob für Ihren Debütroman. Ist das Druck oder eher Motivation?

Vor allem habe ich mich gefreut, dass das überhaupt gesehen wird und ich einen Verlag gefunden habe. Ich habe nicht Schreiben studiert, bin kein Literat. Auch wenn mich Schreiben schon immer interessiert hat und ich das wahnsinnig gerne mache. Druck bringt nichts, auch wenn ich mir den mache.

Momentan passiert vieles im virtuellen Raum. Was bedeutet es Ihnen, nun wieder live vor Publikum lesen zu können?

Ich war gerade in München, habe dort den Förderpreis der Vera-Doppelfeld-Stiftung bekommen. Es war nett, wieder mit Menschen ins Gespräch zu kommen über das, was man geschrieben hat. Ich habe noch bis Dezember mehrere Lesungen, und das freut mich sehr. Man wünscht sich ja, auch aus dem Kämmerlein herauszukommen.

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