Spektakel müssen sein und werden begeistert gefeiert

Spektakel müssen sein! Diese habsburgische Devise - Maria Theresia zugeschrieben, aber auch ihrem Sohn Joseph II. (Peter Shaffer, "Amadeus") - macht sich seit Samstagabend das Stadttheater zu eigen, indem es zur Spielzeiteröffnung in Konzept und Regie von Thomas Goritzki "Die Göttliche Komödie" nach Dante Alighieri präsentiert

Spektakel müssen sein! Diese habsburgische Devise - Maria Theresia zugeschrieben, aber auch ihrem Sohn Joseph II. (Peter Shaffer, "Amadeus") - macht sich seit Samstagabend das Stadttheater zu eigen, indem es zur Spielzeiteröffnung in Konzept und Regie von Thomas Goritzki "Die Göttliche Komödie" nach Dante Alighieri präsentiert. Ein stilles, staunendes Auditorium verfolgte schier atemlos das spektakuläre Geschehen, applaudierte nach den Akten anhaltend und entlud seine Begeisterung am Ende in kräftigem Beifall, der sich - selten genug - beim Erscheinen des Leitungsteams in wahre Ovationen wandelte.

Dantes "Göttliche Komödie", eine fast 15 000 Verse umfassende Dichtung des frühen 14. Jahrhunderts, stellt genuin keinen Theaterstoff dar, und nur einige marginale Zeilen aus dem 30. Höllen-Gesang fanden bisher den Weg auf die Bühnenbretter, als Giacomo Puccini jenseits aller triefigen Tragödie in heiter-abgeklärtem Spätwerk - Verdis "Falstaff" nacheifernd? - den florentinischen Obererbschleicher Gianni Schicchi die geldgierige Sippe des Buoso Donati düpieren ließ: "Ade Firenze!"

Auch Dante hatte Florenz den Rücken zu kehren, als man ihn 1302 aus politischen Gründen in die Verbannung jagte, eine Schmach, die er nie verkraftete, die er sich aber mit seiner "Commedia", die erst Mitte des 16. Jahrhunderts eine "Divina" wurde, im wahrsten Sinne "von der Seele" schrieb, dabei als Grundmotiv in seinen Jenseits-Vorstellungen von Hölle, Fegefeuer und Paradies die Minne zur unerreichten Beatrice verwendend.

Begriffe sind zu klären. Wir verbinden heute im Deutschen mit Komödie heiteres Theater, verbinden es mit Boulevard, mit Ku-Damm, Feydeau, Camoletti und - aus gegebenem Anlass - mit Michael Frayn. Schon in Frankreich ist dies anders, wo mit der Comédie-Française das nationale Theater in seiner Gesamtheit gemeint ist, und auch die spanische Comedia bezieht ernste Inhalte mit ein. So geraten wir bei Dantes "Commedia" rasch auf die falsche Fährte, wenn wir auf wohlfeile Lacher hoffen. "Divina" lässt auf Welten schließen, die in die Sphäre des Glaubens gehören, wie sie sich in den drei Teilen "Inferno", "Purgatorio" und "Paradiso" manifestieren.

Nun hat Bearbeiter und Regisseur Thomas Goritzki im Vorfeld auf sich bezogen mit dem Begriff des Agnostikers kokettiert, und doch musste er sich bei der Beschäftigung mit dem Stoff auf eine These einlassen, die Thornton Wilder einmal ganz schlicht formulierte: "Etwas gibt es da tief im Innern eines jeden Menschen, das unsterblich ist." Goritzki erkennt aber in vollem Umfang auch das Diesseitige in Dantes Text, seine schonungslose Abrechnung mit korrumpierten Machthabern, mit scheinheiligen Geistlichen und obszönen Spießern, und er erkennt vor allem, dass sich dies alles aus dem Mittelalter bis ins Heute erhalten hat.

Dazu nutzt Goritzki den gesamten Apparat, den das Theater zu bieten hat; "spartenübergreifend" würde das dürre pressetext-taugliche Stichwort hierzu lauten, doch träfe es nicht im Ansatz den Charakter eben jenes "Spektakels", das wahrlich auf der Bühne eines vermeintlichen "Provinz"-Theaters dann doch ganz nahe bei einem "Großen Welttheater" à la Calderon oder Hofmannsthal anzusiedeln ist.

Freilich erscheint im Zusammenwirken von Schauspiel, Tanz, Opernensemble, Chören und symphonischem Orchester manches lose assoziativ, aber die Fantasie anregend sind Goritzkis Angebote allemal, der auch keine platten Schwarz-weiß-Interpretationen zulässt, sondern gerade die Problematik des Paradiesischen gnadenlos darlegt. Und so zischelte es in der achten Parkettreihe auch: "Das Fegefeuer war schöner."

Hier zeigt sich Theater in seiner ganzen Unmittelbarkeit, die es weit über aktuellen technischen Firlefanz heraushebt; da stehen Menschen an der Rampe, die allesamt - ja verwenden wir ruhig die Klischees - ihre Haut zu Markte tragen und sich ihre Seele aus dem Leib schreien. Und die in Rängen und Parkett schont der Regisseur nicht: Sie haben Längen zu erleiden, die ans Unerträgliche reichen, sich gar in einem kurzen "Buh" entladen. Details zu schildern, hieße den Gesamteindruck, wenn nicht zu verfälschen, dann ihn doch zu verengen. Auf diesen Dante-Abend muss man sich vorbehaltlos einlassen, sich mit ihm beschäftigen und sicherlich noch lange darüber nachdenken und diskutieren.

Zu Goritzkis Inszenierung steuerte Tarek Assam die expressive Choreografie hinzu und Heiko Mönnich die Ausstattung, die sich ebenso einfach wie variabel, auch durch Video-Projektionen unterstützt (Video: Martin Pryzybilla), darbot.

Herbert Gietzen dirigierte das Philharmonische Orchester, das Mahler, Strauß jun. oder Tschaikowsky wirkungsvoll interpretierte und eigentlich, dem Konzept folgend, aus hochgefahrenem Graben spielen sollte, Martin Gärtner (Kinder und Jugend) und Jan Hoffmann waren für die präzisen Chöre verantwortlich.

Chorisches Sprechen war auch ein Markenzeichen des Schauspielensembles: Anne-Kathrin Abel, Frerk Brockmeyer, Isaak Dentler, Christian Fries, Rainer Hustedt, Roman Kurtz, Kyra Lippler, Harald Pfeiffer, Petra Soltau, Benjamin Strecker, Antje Tiné und Carolin Weber. Es tanzten Carine Auberger, Morgane de Toef, Antonia Heß, Susan McDonald, Svende Obrocki, Magdalena Stoyanova, Marian Anton, Eoin Mac Donncha, Sven Gettkant, Victor Villareal Solis und Paul Zeplichal; mit Schubert-Liedern waren Odilia Vandercruysse und Matthias Ludwig dabei.

Man sollte nicht auf den letzten Drücker zu den Vorstellungen kommen, denn zuvor schließen Dante und Vergil auf dem Theatervorplatz ihren Pakt, und es fällt ein ("Start"-)Schuss.

Hans-Peter Gumtz

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare