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Den Totempfahl hat Wilhelm Gail im Jahre 1910 offenbar regulär erworben und dem Museum gestiftet. FOTO: SCHEPP

Spannende Spurensuche

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Gießen(gl). Zum Ausklang der Ausstellung "Wieso, weshalb, warum - Fragen an die Ethnografische Sammlung" drehte sich am vergangenen Donnerstagabend ein Vortrag der Ethnologin Angela Weber um eines der als besonders kostbar angesehenen Objekte der Sammlung: den im Jahre 1910 von Zigarrenfabrikant Wilhelm Gail gestifteten Totempfahl. Das knapp zwei Meter hohe Beispiel indigener Schnitzkunst aus Nordamerika war Teil der Ausstellung, in der es auch um Fragen danach ging, wie sensibel mit dem Sammlungsbestand umgegangen werden muss.

Aus Nordamerika mitgebracht

Eines vorweg: Bei dem von Wilhelm Gail aus Nordamerika mitgebrachten Totempfahl handelt es sich wohl um ein eigens zum Verkauf gefertigtes Modell, also kein Original, das in einem Laden angeboten wurde und damit nicht an die indigene Bevölkerung zurückgegeben werden müsste. Anders ist das aber mit weiteren Beständen aus der Sammlung, die Wilhelm Gail aus Nordamerika nach Gießen gebracht hatte, darunter etwa ein Skalp und eine Tonscherbe aus einem Indianergrab.

Die Marburger Ethnologin, die maßgeblich an der Zusammenstellung der Ausstellung beteiligt war, ließ die Zuhörer miterleben, wie sie die Informationen zum Totempfahl und dem Weg, den er von Nordamerika nach Gießen genommen hat, zusammengetragen hat.

Damit demonstrierte sie auch, dass das Credo von Museumsleiterin Katharina Weick-Joch, wonach hinter jedem einzelnen Objekt eine spannende Geschichte zu entdecken ist, wohlbegründet ist. Denn das, was Weber an Fotografien, Dokumenten und Hintergrundinformationen präsentierte, gab nicht nur Einblick in die Kultur der Indianer, sondern auch in die Familiengeschichte Gail und den Werdegang der Sammlung. "Familien- und Kolonialgeschichte verschränken sich", brachte es Weber auf den Punkt.

Der 1854 in Gießen geborene Zigarrenfabrikant Karl Wilhelm Ferdinand Gail reiste mehrfach, wie bei reichen Familien der Zeit üblich, in die Vereinigten Staaten, wo er 1883 Minna Mahla, die Tochter eines Chemiefabrikanten aus Chicago und Cousine seiner Schwägerin, heiratete. Neben Geschäftlichem - die Familie Gail unterhielt bereits ein Partnerwerk in Nordamerika - erstand er vermutlich bei einer weiteren Reise nach Nordamerika im Jahr 1910, auf der er auch seinen Sohn Georg Gail traf, diverse Objekte für seine ethnologische Sammlung und das auf seine Schenkung von 1904 hin gegründete Gießener Museum.

Die Vorstellung, nach dem Schwund der indigenen Bevölkerung durch Epidemien infolge des Goldrauschs, müsse man Belege ihrer Kultur retten, habe dabei sicher auch eine Rolle gespielt, mutmaßt die Ethnologin. Doch ein Kaufbeleg für den Totempfahl findet sich nicht in den Unterlagen.

Insgesamt 72 Objekte der Tlingit, eines Indianerstamms an der nördlichen Westküste Nordamerikas, brachte Gail nach Gießen mit. Das meiste ging im Zweiten Weltkrieg verloren.

Der Totempfahl sei vermutlich von Edmund Calder, einem Schnitzer vom Stamm der Haida, zum Verkauf gefertigt worden, ist sich Weber sicher. Die Haida sind ein Indianervolk in Kanada. Ihr Siedlungsgebiet erstreckt sich über einige Küstenregionen British Columbias und des südöstlichen Alaskas. Weber hat deren Schnitzkunst mit dem Gießener Totempfahl verglichen und zu weiteren Forschungszwecken mit einem Kollegen aus den USA Kontakt aufgenommen, der zu einem ähnlichen Schluss kommt.

Clan-Geschichte verwendet

Wer auch immer den Pfahl geschnitzt habe, so Weber, habe dafür eine komplette Clan-Geschichte verwendet. Grizzly und Frosch symbolisierten Reichtum, der Seagrizzly, eine Mischung aus Bär und Orka, die Arbeit im Walfang, und auch Adler, Rabe und Hai lassen sich auf dem hölzernen Pfahl erkennen - der nach dem Ende der Ausstellung im Oberhessischen Museum wohl nun wieder in dessen Depot wandert.

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