Ulrike Weckel und Greg Sax diskutieren über die US-Präsidentschaftswahl. FOTO: SEG
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Ulrike Weckel und Greg Sax diskutieren über die US-Präsidentschaftswahl. FOTO: SEG

"Die Spaltung wird nicht aufhören"

  • vonSebastian Schmidt
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In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch haben die USA den Präsidenten gewählt. Wen sie ins Amt votiert haben, steht noch nicht fest. Donald Trump und Joe Biden liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Die JLU-Professorin Ulrike Weckel und ihr Mann Greg Sax haben eine starke Verbindung zu den USA. Sie sprechen über die Zitterpartie.

Prof. Ulrike Weckel, Dr. Greg Sax, wie haben Sie in der Wahlnacht geschlafen?

Greg Sax: Ich habe gut geschlafen.

Ulrike Weckel: Ich überhaupt nicht. Greg hat nicht das Bedürfnis, die ganze Zeit neue Informationen und Zwischenstände zu bekommen. Ich schon. Ich habe die Nacht über mit Kopfhörern im Bett gelegen und Deutschland Funk gehört.

Sind Sie vom aktuellen Kopf-an-Kopf-Rennen überrascht?

Sax: Die Ergebnisse der Umfragen waren ja bereits knapp. Aber ich hatte Hoffnung, auch wenn ich in Sachen Politik eigentlich Pessimist bin.

Weckel: Ich habe mir nicht vorstellen können, dass so viele Amerikaner akzeptieren, dass man sie offen anlügt. Bei der letzten Wahl gab es diese Schmierenkampagne gegen Clinton, aber diesmal?

Von Deutschland aus sieht man die wirtschaftliche Rezession und die Tausenden Corona-Toten. Trotzdem wählen viele Menschen erneut Trump. Haben Sie eine Erklärung?

Sax: Ich glaube, es liegt daran, woher die Menschen in den Vereinigten Staaten ihre Informationen bekommen. Eine Quelle sind die Qualitätsnachrichten. Die andere sind sehr radikale Nachrichten, wie zum Beispiel Fox News. Viele Trump-Wähler bekommen von dem Chaos, das Trump anrichtet, daher über ihre Kanäle überhaupt nichts mit. Deswegen streiten die Amerikaner auch nicht über die Konsequenzen von Tatsachen, sondern über die Tatsachen selbst.

Es wird oft gesagt, dass die amerikanische Gesellschaft tief gespalten ist. Haben Sie davon selbst etwas gespürt?

Weckel: Diese Spaltung verläuft in Amerika sogar durch viele Familien. Durch unseren Freundeskreis aber nicht. Keiner unserer Freunde würde jemals Trump wählen.

Sax: Mit denen wären wir dann nicht befreundet.

Denken Sie, dieser Konflikt in der Gesellschaft könnte mit einem Sieg von Biden heilen?

Sax: Nein. Der Konflikt hat ja nicht mit Trump begonnen. Er hat mit Ronald Reagan begonnen. Und er wird auch nicht mit Trump aufhören.

Hat das Zwei-Parteien- System in den USA eine Mitschuld an der Spaltung?

Weckel: Die zwei Parteien sind mittlerweile stark ideologisiert und betrachten die gegnerische Partei weniger als Rivalen denn als bedrohlichen Feind. Die Wahlentscheidung erfolgt weniger nach konkreten politischen Inhalten als bei uns. Wir können uns zwischen mehreren Parteien entscheiden. Von einer Wahl zur anderen die Partei zu wechseln, käme unter diesen Umständen für viele Amerikaner einem Verrat gleich.

Ausschlaggebend für die Wahl sind die "Swing-States". Also die Bundesstaaten, bei denen die beiden Parteien keine feste Mehrheit haben.

Weckel: Wir vergleichen das deutsche Wahlsystem oft mit dem amerikanischen. Aber in Amerika zählt die Stimme von dem einen nicht so viel wie die von jemand anderem. Wenn du nicht in einem "Swing-State" wohnst, ist deine Stimme viel weniger wert. In manchen Saaten etwa kann eine College-Studentin entscheiden, ob sie dort wählt oder in ihrem Heimatort. Und da überlegt sie natürlich, wo ihre Stimme mehr Gewicht hat.

Sax: Das ist deine Theorie. Ich glaube nicht, dass viele das System so genau verstehen. Ich habe einen Doktor und bin mir trotzdem unsicher, ob ich das Wahlsystem richtig verstanden habe.

Es wird in den deutschen Medien mehr über Trump als über Biden geredet. Was halten Sie denn von Biden?

Sax: Ich mag Biden nicht. Aber es geht bei dieser Wahl um so viel, dass viele Menschen Biden wählen, auch wenn sie nicht von ihm als Kandidat überzeugt sind. Es geht darum, Trump zu verhindern. Bei dieser Wahl dreht sich alles nur um ihn. Sowohl für seine Wähler als auch für die Wähler von Biden.

Was passiert, wenn Biden tatsächlich gewinnt?

Sax: Es wird endlich einen vernünftigeren Umgang mit der Covid-19-Pandemie geben. Darüber hinaus weiß ich es nicht. Es kommt natürlich auch darauf an, wer den Senat gewinnt, und was Biden dann tatsächlich politisch durchsetzen kann. Aber Biden steht auf der Seite der Konzerne und des alteingesessenem Partei-apparats der Demokraten. Ich erwarte keine tief greifenden Veränderungen von ihm.

Weckel: Es ist ja nicht einmal klar, ob Trump einfach geht, wenn er die Wahl verliert.

Er hat sich bereits zum Sieger erklärt.

Weckel: Ja. Die republikanische Partei hat verstanden, dass ihre Politik nicht dem entspricht, was eine Mehrheit der Bevölkerung will. Deswegen benutzen sie Richter und Wählerunterdrückung, um an der Macht zu bleiben. In der Bundesrepublik, wo die Parteien zu Koalitionen gezwungen sind, wäre so etwas nicht möglich. Und so eine Unverfrorenheit halte ich in der politischen Kultur der Bundesrepublik auch für ausgeschlossen.

Sax: Die Republikaner haben Amy Coney Barrett noch schnell an den obersten Gerichtshof gebracht, weil es schon den Plan gab, das Wahlergebnis gegebenenfalls anzufechten. Das hat Ulrike richtig geschockt. Ich komme aus den USA. Mich überrascht das Versagen des politischen Systems nicht.

Und was passiert, wenn Trump gewinnt?

Sax: Er wird noch extremer.

Weckel: Wie meinst du das?

Sax: Alles, was er bisher gemacht hat, wird er noch extremer machen. Er ist ein Soziopath.

Sie sind also froh, gerade in Gießen zu sein?

Sax: Ich bin nicht gerade gerne in Gießen. Aber ich bin auch froh, nicht in Amerika zu sein.

Weckel (lacht): Es ist ihm etwas langweilig hier.

Sax: Ja. Hier ist es mir langweilig, aber drüben ist es verrückt.

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