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Der 31-jährige Roberto aus Darmstadt (l.) hatte am Samstagabend wohl die weiteste Anreise. Marco Auernigg (2.v.r.) und das Team vom "Café Nachtlicht" haben nicht nur einen Kaffee für ihn - sondern immer auch ein offenes Ohr. FOTO: CSK

Café Nachtlicht

Sorgenlos durch die Nacht

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Im "Café Nachtlicht" finden ab sofort nicht nur Menschen mit psychischen Problemen jeden Samstagabend jemanden, mit dem sie ungezwungen ins Gespräch kommen können.

Der Kaffee darf ruhig auch gut schmecken. "Wir wollen hier ja etwas Cooles eröffnen", stellt Olga Herzenberg direkt mal klar. Die 32-jährige Ehrenamtlerin feiert am Samstag eine Premiere. Kurz nach 20 Uhr in der Ludwigstraße: Seit zwei Stunden ist Gießen um einen Treffpunkt reicher. Im "Café Nachtlicht" wird ab sofort einmal pro Woche die Nacht zum Tag.

Seine Wurzeln hat es beim Sozialpsychiatrischen Dienst des Landkreises. Im Freiwilligenzentrum von Stadt und Kreis finden aber nicht nur Menschen mit psychischen Problemen, für die an Wochenenden bisher kein Angebot existierte, jemanden zum Reden. Das neue Café ist für alle da. "Mit gutem Kaffee und coolen Getränken", wie Teammitglied Herzenberg betont.

Zu den ersten Gästen zählt ein 68-Jähriger. Zehn Jahre lebe er schon auf der Straße, berichtet der Mann. Über die Arbeiterwohlfahrt habe er von der Initiative gehört. Obdachlose fänden hier einen Ort, wo sie im Warmen sitzen und mit anderen ins Gespräch kommen könnten. Außerdem gebe es viele "Leute, denen abends die Decke auf den Kopf fällt". In der Kneipe oder der Bar nebenan reiche das Geld aber nur für einen Kaffee. Irgendwann, nach drei, vier Stunden ohne weitere Bestellung, werde der Gastwirt ungehalten. "Und dann? wachsen Aggressionen oder dumme Ideen."

Echte Herzensangelegenheit

Im "Café Nachtlicht" warten Getränke und Snacks zum Selbstkostenpreis. Und Menschen wie Uwe Lindner. Für das, was der gebürtige Kölner zu erzählen hat, reichen die acht Stunden Öffnungszeit vorne und hinten nicht. Diverse Umzüge zwischen dem Rheinland, Kiel, Berlin und Bayern, ein Berufsunfall mit folgender Schwerbehinderung, Drogen - und schließlich sogar eine Zeit im Knast. "Ich war selber sehr tief unten", sagt der 58-jährige Lindner. Am Ende habe er irgendwie einen Weg aus dem Sumpf gefunden. Heute sei er "glücklich" und empfinde das "Café Nachtlicht" als "echte Herzenssache". Deshalb gehört er zum 35-köpfigen Team.

15 Freiwillige hatten die Initiatoren Marco Auernigg und Sönke Müller ursprünglich gesucht. Dass sich so viel mehr meldeten, habe ihn überrascht, so Auernigg, der Psychiatriekoordinator des Landkreises. Genau wie Müller, dem Geschäftsführer des Freiwilligenzentrums, steht ihm die Freude ins Gesicht geschrieben. "Sehr heterogen" sei die Gruppe. Eine zweitägige Schulung hat sie auf ihr Engagement vorbereitet und nebenbei zusammengeschweißt. Im Zwei-Schichten-System sind fortan immer drei Ehrenamtliche in dem Café, das jeden Samstag von 18 bis 2 Uhr geöffnet ist.

Jeden Samstag von 18 bis 2 Uhr

Wenn das "Nachtlicht" erlischt, möchte Roberto aus Darmstadt wieder zu Hause sein. Durch Zufall hat es ihn hierher verschlagen. Mit einem basketballbegeisterten Freund hat er sich auf den Weg nach Gießen gemacht. Statt die 46ers gegen Bonn zu verfolgen, beschloss der 31-Jährige, durch die Stadt zu streifen. Nun sitzt er an der Theke im Freiwilligenzentrum und erzählt seine Geschichte. Auch er ist obdachlos, wegen einer kleinen Hütte zum Übernachten gab es neulich großen Ärger. Roberto zeigt Bilder auf dem Smartphone. Dann sagt er das, was doch alle längst wissen: "Ich bin total sauer!"

Gleich nebenan spricht ein 23-Jähriger mit Inga und Lukas über Gott und die Welt - und über seine Psychotherapie. "Ein mega gutes Projekt" sei das "Nachtlicht", meint er. Länger möchte man gar nicht stören. Zu angeregt wirkt das Gespräch, zu viel gibt es zu reden. Auernigg sind noch zwei Dinge wichtig. Die Idee fuße auf dem "Konzept Anstand". Kein Alkohol und keine Drogen, gilt deshalb. Und das Café diene der Prävention, nicht der Intervention. Wer krank sei, werde ermutigt, sich Hilfe zu holen.

Kurz vor 22 Uhr. Gleich ist Halbzeit. "Darf ich noch einen Satz sagen?", fragt der 68-jährige Obdachlose. Na klar, nur zu. "Das Ganze hier ist für mich eine Form der Förderung des Fortbestandes des menschlichen Menschseins. Bitte schreiben Sie das."

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