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Die Sorgen der (Ver-)Mieter

  • vonOliver Schepp
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Frau Walker, was sind die größten Sorgen der Vermieter?

Walker: Für viele der von uns vertretenen privaten Kleinvermieter ist es ein Problem, dass das, was sie in das Mietverhältnis einbringen, nicht richtig gewürdigt wird. Natürlich ist es wichtig, dass der Mieter pünktlich zahlt. Aber gerade, was das Würdigen angeht, gibt es Probleme.

Was meinen Sie konkret?

Walker: In vielen Fällen verhalten sich die Mieter nicht angemessen. Sie ziehen zum Beispiel offiziell mit zwei Personen ein und drei Tage später sind es fünf. Oder sie kommen plötzlich mit zwei Hunden an, ohne das vorher abgeklärt zu haben. Wenn das in einem Objekt geschieht, in dem der Vermieter selber wohnt, fühlt er sich in seinem eigenen Zuhause nicht mehr wohl. Dann kommen oft Zweifel auf, ob er überhaupt noch vermieten soll. Ich kenne Kommunen im Speckgürtel, wo sich leer stehende Wohnungen aneinanderreihen, weil Vermieter sich das nicht mehr antun wollen. Dabei ist es doch nicht unanständig, Eigentum zu haben und zu vermieten. Damit wird eine soziale Aufgabe erfüllt.

Kaisers: Frau Walker malt ein ziemlich schwarzes Bild von Mietern. Sicherlich gibt es einige, die sich nicht an Regeln halten. Allerdings werden uns nicht nur atmosphärische Probleme zugetragen, sondern ganz handfeste. Das kann zum Beispiel eine Abrechnung sein, die nicht stimmt. Die meisten Probleme haben wir tatsächlich bei Mieterverhältnissen, bei denen der Vermieter auch im Haus wohnt.

Woran liegt das?

Kaisers: Diese Mietverhältnisse beginnen oft freundschaftlich. Irgendwann gibt es aber einen Punkt, an dem es kippt. Das kann eine Kleinigkeit sein. Das führt manchmal zu Konfrontationen, die nicht mehr in den Griff zu kriegen sind.

Walker: Das stimmt. Es ist ein Fehler, wenn die Parteien glauben, man habe ein freundschaftliches Verhältnis, nur weil man unter einem Dach wohnt. Wenn überhaupt, muss solch ein Verhältnis über Jahre wachsen. Ansonsten ist der Mietvertrag ein ganz normaler Vertrag, in dem es Regeln gibt. Und daran müssen sich die Parteien halten.

Kaisers: Leider nehmen die Vermieter dabei oft den Herr-im-Haus-Standpunkt ein. Es wird nicht auf Augenhöhe kommuniziert, die Vermieter lassen den Pascha raushängen.

Walker: Aber man ist doch kein Pascha, wenn man das einfordert, was vertraglich festgelegt ist.

Kaisers: Es kommt aber darauf an, wie man es macht.

Walker: Richtig. Der Ton macht die Musik.

Kaisers: Es stimmt aber auch, dass die Mieter nicht immer unschuldig sind. Der Ton, mit dem sie etwas vorbringen, ist nicht immer angemessen.

Haben Differenzen zugenommen?

Walker: In den letzten zehn Jahren hat sich unsere Mitgliederzahl um etwa 35 Prozent erhöht. Natürlich auch, weil Gießen gewachsen ist. Aber ja, auch, weil Differenzen zugenommen haben. Ich weiß, dass es gute Mietverhältnisse gibt. Aber unser Alltag ist bestimmt von Problemfällen.

Kaisers: Der Arzt sieht nur Kranke. Wir sehen auch nur die konfliktträchtigen Mietverhältnisse, die zu uns kommen. Aber es stimmt, die Mietverhältnisse werden schwieriger.

Was sind Ihrer Meinung nach die größten Probleme auf dem Gießener Wohnungsmarkt?

Kaisers: Vor allem der Mangel an bezahlbarem Wohnraum. Und der Druck auf dem Wohnungsmarkt steigt. Es gibt eine gewisse Verdrängung, Gießen ist Studentenstadt. Mieter haben außerdem Angst vor Eigenbedarfskündigungen.

Walker: Aber gerade in diesem Bereich hat es in der Rechtsprechung viele mieterfreundliche Entscheidungen gegeben. Nehmen Sie das Beispiel der vierköpfigen Familie, die zur Miete auf 56 Quadratmeter wohnte. Sie hat sich eine Eigentumswohnung gekauft und der Mieterin wegen Eigenbedarf gekündigt. Die Familie konnte aber nicht in ihr Eigentum einziehen, weil die 84-jährige Mieterin schon 40 Jahre in der Wohnung wohnte und dement war.

Kaisers: Warum kauft die Familie auch eine Wohnung, die vermietet ist? Es ist doch klar, dass man auf die Interessen der Bewohner Rücksicht nehmen muss.

Walker: Also entschuldigen Sie mal. Ich finde es zwar gut, dass der Bundesgerichtshof zur genauen Einzelfallprüfung gemahnt hat. Aber in diesem Fall muss es doch eine Lösung geben, zum Beispiel eine Umsiedlung im Quartier. Es muss doch möglich sein, dass ein Käufer in sein neues Eigentum ziehen kann. Andernfalls führt das dazu, dass Vermieter irgendwann gar nicht mehr langfristig an ältere Menschen vermieten.

Wir waren gerade bei den Problemen auf dem Gießener Wohnungsmarkt.

Kaisers: Der Mangel führt zu höheren Preisen. Der Mietanstieg ist statistisch nachweisbar. Hinzukommen noch teils erhebliche Kostensteigerungen durch Modernisierungen.

Walker: Preise richten sich immer nach Angebot und Nachfrage. Wenn die Nachfrage groß ist, und das ist sie in Gießen, dann steigen auch die Preise. Ob sie wirklich so stark steigen, wie es immer dargestellt wird, wage ich aber zu bezweifeln.

Das Wirtschaftsministerium hat vor wenigen Wochen Zahlen veröffentlicht. Demnach liegt die durchschnittliche Miete in Gießen bei 9,70 Euro pro Quadratmeter. Vor zehn Jahren waren es noch 6 Euro. Das ist ein Anstieg von knapp 62 Prozent.

Walker: An diesen Zahlen habe ich so meine Zweifel. Von den 44 000 Wohnungen in Gießen sind ja alleine schon 7000 im Bestand der Wohnbau. Hinzukommen noch ein paar kleinere Genossenschaften. Die Preise der Privatvermietungen sind so außerdem gar nicht nachzuweisen. Viele Wohnungen gehen unter der Hand weg. Ein alleiniger Blick auf die Inserate bildet das tatsächliche Angebot also nicht ab. Außerdem ist statistisch nachgewiesen, dass die Mieten von Haus-und-Grund-Mitgliedern bundesweit mindestens drei Prozent unter den ortsüblichen Mieten liegen. Hinzu kommt, dass Gießen die einzige Unistadt in Hessen ist, die von der Landesregierung sowohl von den Kappungs- als auch der Mietpreisbremse ausgenommen worden ist. Also muss ich davon ausgehen, dass das Gefährdungspotenzial bei uns geringer ist.

Kaisers: Diese Mär des armen Vermieters, der sich bescheiden gibt, kann ich so nicht teilen. Ich denke schon, dass die Statistik eine Aussage hat. Selbst wenn man die Neubaumieten herausrechnet, ist der Anstieg beachtlich. Wir haben uns zudem außerordentlich geärgert, dass die Landesregierung zur Entscheidung gekommen ist, dass Gießen nicht in der Bestandsmietendeckelung bleibt. Bei den Sozialwohnungen ist die Stadt noch vor zwei Jahren in den Kreis aufgenommen worden, auf dem offiziell ein "angespannter Wohnungsmarkt" herrscht. Das passt doch nicht zusammen. Wir gehen davon aus, dass das Gutachten auf veralteten Statistiken und Daten beruht.

Wie stehen Sie generell zu Instrumenten wie der Mietpreisbremse?

Walker: Eine Mietpreisbremse oder ein Mietendeckel führen dazu, dass weniger modernisiert und weniger instand gesetzt wird. Vielleicht wird der eine oder andere Kleinvermieter sein Objekt sogar verkaufen, weil es sich nicht mehr lohnt. Und wer wird es ihm abkaufen? Die großen Unternehmen.

Kaisers: Das ist eine ideologische Sicht. Die gleiche Argumentation wurde jahrelang beim Mindestlohn gefahren. Damals hieß es, der Mindestlohn würde die Möglichkeiten von Unternehmen stark einschränken. Als er dann tatsächlich eingeführt worden ist, hat es diese Schreckensszenarien nicht gegeben.

Also halten Sie einen Mietendeckel für sinnvoll?

Kaisers: Wir haben eine soziale Marktwirtschaft. Wenn darin ein Markt aus den Fugen gerät, muss man Begrenzungen einziehen. Gerade bei so einem wichtigen Gut wie Wohnraum.

Welche Rolle spielen große Konzerne wie Vonovia auf dem Gießener Markt?

Kaisers: Eine untergeordnete. Zum Glück. Denn das, was wir damit erleben, ist schlichtweg inakzeptabel. Der Umgang mit den Mietern ist teilweise unverschämt. Das darf in Gießen nicht Praxis werden.

Walker: Umso wichtiger ist es, die privaten Kleinvermieter zu stärken. Sie sind doch die Vermieter, die sich jeder wünscht.

Sehen Sie das auch so, Herr Kaisers?

Kaisers: Ja, sicherlich. Der Umgang zwischen Kleinvermieter und Mieter ist immer positiv zu sehen gegenüber der Anonymität der Großen.

Wie bewerten sie in Gießen den Mix aus Sozial- und hochpreisigen Wohnungen?

Kaisers: Durch die Nachverdichtung sind in den vergangenen Jahren viele hochpreisige Wohnungen auf den Markt gekommen. Bei den Sozialwohnungen ist das anders. Auch wenn die Stadt mit den geplanten 400 Sozialwohnungen große Anstrengungen unternommen hat, reicht das nicht aus. Dem Wohnraumversorgungskonzept nach müssten es mindestens doppelt so viele sein.

Walker: Man muss auch schauen, dass das Leben im Landkreis attraktiver wird. Wir haben viele Vermieter im Umland, die selbst eine gute instand gehaltene Wohnung nicht vermietet bekommen.

Kaisers: Das stimmt. Die Landkreisgemeinden haben jahrelang ihre schwierige Kundschaft bei der Gießener Wohnbau abgeladen. Die Kommunen haben selbst keine einzige Sozialwohnung gebaut. Das ist zum Glück durch eine neue Regelung der Stadt vorbei. Endlich hat man im Landkreis angefangen, Sozialwohnungen zu bauen. Das muss fortgesetzt werden. Es muss auch erstrebenswerte Lebensmittelpunkte in den Nachbargemeinden geben. FOTO: SCHEPP

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