Andrea Schaubach und…
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Andrea Schaubach und…

Sorge um Kinder in gestressten Familien

  • Christine Steines
    vonChristine Steines
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Gießen (cg). "Wir sind da! Und wir können helfen." Das sagt Tabea Hinkel sehr eindringlich. Kinder in Not können sich an den Allgemeinen sozialen Dienst (ASD) des Jugendamtes wenden (Tel. 0641/306-0, Bereitschaftsdienst tagsüber, sonst 306-2371 und 306-2381). Wenn zu Hause etwas nicht stimmt, kann man dagegen etwas tun, auch jetzt in der Corona-Krise, verdeutlicht die 27-jährige Sozialarbeiterin. "Wir alle machen uns Sorgen", ergänzt ihre Kollegin Andrea Schaubach. Denn man brauche nicht viel Vorstellungsvermögen, um sich auszumalen, wie hoch der Stresspegel in den Familien derzeit ist.

Das gelte für Familien, die dem Jugendamt bekannt seien und für die es bereits einen Schutzplan gebe, das gelte aber auch für alle anderen, die unter den derzeitigen Ausnahmebedingungen ihren Alltag stemmen müssten. Homeoffice plus Kinderbetreuung sei schwierig, die Freizeitgestaltung und das zwangsläufige "Aufeinanderglucken" ebenfalls. Auch Konflikte mit Teenagern drohten jetzt häufiger zu eskalieren.

Normalerweise bekommen Beratungsstellen oder das Jugendamt über Kitas und Schulen mit, wenn Kinder und Jugendliche zu Hause Schwierigkeiten haben. Lehrer und Sozialarbeiter können sich einschalten, wenn die ihnen anvertrauten Kinder Hilfe brauchen. Derzeit gibt es diese Möglichkeit nicht, niemand weiß, was sich hinter verschlossenen Türen abspielt. Das macht den Fachfrauen des Jugendamts Kummer. "Man hat dabei ein sehr ungutes Bauchgefühl", beschreibt Hinkel. Schon jetzt ist ihnen und ihren Kolleginnen klar, dass es nach der Krise viel zu tun geben wird. "Wenn die Kitas und Schulen öffnen, werden die Kinder nach und nach zu erzählen beginnen, was sie in dieser Zeit erlebt haben", vermutet Schaubach. Darauf müsse man vorbereitet sein - was angesichts der ohnehin dünnen Personaldecke eine große Herausforderung sein werde.

Der soziale Dienst des Jugendamtes hat eine Wächterfunktion in der Stadt; es besteht eine enge Kooperation mit den Erziehungsberatungsstellen, dem Kinderschutzbund sowie Sozialarbeitern und Kinder- und Jugendtherapeuten.

Hilfe, keine Strafe

Aufgabe der Behörde ist es, Hilfen zur Erziehung zu geben, die Familien bei Schwierigkeiten zu unterstützen und notfalls zu intervenieren. Dabei kann es sich um häusliche Gewalt, Misshandlung, sexuellen oder emotionalen Missbrauch, Verwahrlosung und anderes mehr handeln. Grundsätzlich kann sich jeder an das Jugendamt wenden: Sowohl Kinder und Jugendliche selbst als auch Eltern und Erziehungsberechtigte. Auch Nachbarn oder Verwandte sollten sich an den ASD wenden, wenn sie beobachten, dass einem Kind Leid widerfährt. Es gehe niemals um eine Einmischung in Privatangelegenheiten, sondern um die Verantwortung den Kindern gegenüber. Wenn Leib und Leben des Kindes bedroht sind oder wenn es das Kind selbst wünscht, nimmt das Jugendamt es aus der Familie und bringt es auf einem Pflegeplatz unter. In den letzten Wochen hat es eine solche Inobhutnahme gegeben. Experten in ganz Deutschland befürchten, dass die Zahl dieser Maßnahmen zunimmt, je länger die Pandemie anhält.

Die Hilfe des ASD ist derzeit nur unter erschwerten Bedingungen möglich. Am Telefon lassen sich nicht alle Probleme erörtern, deshalb arrangieren die Sozialarbeiterinnen auch Termine im oder vor dem Rathaus. Schaubach: "Wir sind mit Ratsuchenden auch schon mal ein Stück spazieren gegangen - mit Abstand natürlich." Wie schwierig es ist, Familie und Job unter einen Hut zu bekommen, wissen die Frauen übrigens auch aus eigener Erfahrung, Auch sie müssen ihren Dienst im Rathaus, Kinderbetreuung und Homeoffice koordinieren. Leicht gemacht wird ihnen das nicht, denn ihr Job gilt nicht als systemrelevant. Würde man Kinder in Not dazu befragen, sähe die Antwort darauf sicher anders aus. FOTOS: pm

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