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Eine Spur des Anlagenrings für Räder reservieren. Mit dieser Forderung erntet Heiner Monheim von seinem Gießener Publikum Applaus.

"Sonntagsradler" überzeugen

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Gießen (kw). Seit 30 Jahren sind die Grünen in Gießen fast durchgängig am Ruder, die Oberbürgermeisterin ist häufig auf dem Sattel zu sehen, "und trotzdem kriegen wir das mit dem Radverkehr einfach nicht hin". Diese Klage eines Zuhörers wurde mit Beifall bedacht bei einem Vortrag des Verkehrsexperten Heiner Monheim zum Auftakt der Ausstellung "Radlust" im Rathaus. Der Geograf appellierte an alle, nicht nachzulassen im Bemühen um eine wirkliche Verkehrswende. Nicht nur der Klimawandel und die täglichen Staus, auch die E-Bikes eröffneten neue Chancen.

Der 73-Jährige hat sich als Professor in Trier, Geschäftsführer des Instituts für Raumentwicklung und Kommunikation raumkom sowie Mitbegründer des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs ADFC und des Verkehrsclubs Deutschland VCD seit Jahrzehnten für bessere Bedingungen für Radler einsetzt. Die aktuell rasant zunehmende Radnutzung sei keineswegs ein völlig neues Phänomen, verdeutlichte Monheim vor rund 30 Interessierten anhand eines historischen Rückblicks. Bis in die 1950er-Jahre sei das Rad das meistgenutzte Fahrzeug gewesen, das - etwa beim Schichtwechsel großer Fabriken - selbstverständlich die Straßen dominiert habe.

Was hat das Rad seitdem "an den Rand gedrängt"? Unter anderem Massenmotorisierung, das höhere Tempo der Autos, aber auch ein Bewusstseinswandel. Trommelte in den 1970er-Jahren etwa die FDP für Radwege, so seien ab der Grünen-Gründung 1980 alle anderen Parteien zunächst auf Distanz zu diesem "Öko-Thema" gegangen, so Monheim. Die Werbung für Fahrräder habe zu wenig Emotionen angesprochen. Dort setzt die Ausstellung an, die er mit Studierenden konzipiert hat (siehe Kasten).

80 Prozent der Haushalte in Deutschland besitzen mindestens ein Fahrrad. Ziel müsse sein, bisherige "Sonntagsradler" zu "Alltagsradlern" zu machen. Dieses Klientel fühle sich im Stadtverkehr oft unsicher. Sie brauche breitere Streifen, meist bisher von Autos genutzte Flächen, in Gießen am besten eine ganze Spur des Anlagenrings - Applaus im Publikum. Wichtig sei ein durchgängiges, gut ausgeschildertes Netz an Fahrradstraßen. "Bei einer Wasserleitung nützt es ja auch nichts, nur an einer Stelle mal zehn Meter zu verlegen."

Der Trend zum motorisierten Fahrrad ermögliche das Pendeln zur Arbeit auch auf längeren Strecken, meinte der 73-Jährige. Die Politik nehme beispielsweise die Forderung nach sicheren Abstellmöglichkeiten ernster, wenn es um teure E-Bikes geht. Bis zu 65 Prozent Radverkehranteil seien möglich. Bund, Land und Kommunen müssten ein Vielfaches der derzeitigen Ausgaben für den Radverkehr einplanen. Vorbilder seien etwa die Niederlande und Dänemark.

Die grundsätzliche Bereitschaft der Stadt, bessere Bedingungen für Radler zu schaffen, unterstrich eingangs Bürgermeister Peter Neidel (CDU), neben der Grünen-Stadtverordneten Christiane Janetzky-Klein, der einzige Vertreter der Stadtregierung. Die städtische Koordinatorin Katja Bürckstümmer kündigte eine Beteiligung der Stadt am Leihradsystem der Hochschulen an und erntete Beifall, als sie einräumte: In Gießen "könnte noch viel mehr gehen" als bisher.

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