Die Sonne leuchtet immer noch

  • VonDagmar Klein
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Das Fußbodenmosaik im Foyer des Landgraf-Ludwigs-Gymnasiums hat Kunstlehrer Markus Lepper kürzlich als Werk von Bernd Krimmel identifiziert. Der Künstler, viele Jahre Leiter der Mathildenhöhe, ist kurz vor Heiligabend verstorben. Die Nachricht vom Wiederauffinden des Sonnenmosaiks sei noch ein kleiner Lichtblick für ihn gewesen, berichtet sein Sohn.

Manchmal geschehen noch Wunder. Kunstwerke tauchen wieder auf oder können erstmals einem Künstler zugeordnet werden. So geschehen bei dem Fußbodenmosaik in der Eingangshalle des Landgraf-Ludwigs-Gymnasiums. Es stammt von dem Darmstädter Bernd Krimmel, der noch weitere Werke für Gießen schuf.

Im Dezember 2019 berichtete die Gießener Allgemeine über das frisch gedruckte Werkverzeichnis zu Kunst am Bau von Bernd Krimmel aus den Jahren 1953-1981. Darin sind auch fünf Werke an vier Orten in Gießen aufgeführt, die teils noch existieren (Hygiene-Institut), teils ein- gehaust (Ricarda-Huch-Schule) oder wegen Gebäudeabriss verschwunden (Uni-Chirurgie) sind. Ein Wandmosaik an der Außenwand des LLG wurde abgeschlagen, ein anderes existiert noch, allerdings in bedauerlich reparaturbedürftigem Zustand.

Bernd Krimmel (1926-2020) war einer der meistbeschäftigten Kunst-am-Bau-Künstler Hessens. Seine Spezialität waren Wandmosaike aus Glas, aber auch Reliefs, Sgrafitto und Malerei auf Resopal gehörten zu seinem Spektrum. Ein Teil der Arbeiten ist figurativ gestaltet, anderes grafisch-abstrakt. Oft hat er Aufgabe und Funktion des jeweiligen Gebäudes in seine Gestaltung thematisch einfließen lassen.

Fünf Werke an vier Orten in Gießen

Tobias Krimmel hat sich um den Verbleib der Kunst-am-Bau-Werke seines Vaters gekümmert, hat dessen Akten gesichtet und durch die damaligen Architektur-Fotografien eine Vorstellung von den Werken und ihrem Umfeld erhalten. Die meisten Orte hat er persönlich besucht, bei einigen verließ er sich auf die Kooperation mit Ortsansässigen, so auch in Gießen. Seine Erfahrungen zum Umgang mit den Kunst-am-Bau-Werken waren höchst unterschiedlich, wie er im Gespräch sagte, sie reichen von schockierender Missachtung bis zu neuer Wertschätzung, was sich in der Wiederfreilegung oder sogar Neuanbringung einiger Wandbilder zeigte.

Nun also die Wiederent- deckung des verschollen geglaubten Fußbodenmosaiks »Sonne«. Die historische Schwarz-Weiß-Aufnahme ist im Werkverzeichnis mit »Finanzministerium Wiesbaden« verzeichnet. »Das Foto war in dieser Akte«, erklärt Tobias Krimmel. Die Anfrage beim Ministerium erbrachte nur die Auskunft, dass das Foyer längst neu gestaltet war. Also hat er das Bodenmosaik als vernichtet betrachtet.

Gießen im Spätherbst 2020: Eine studentische Recherche zum Krimmel-Wandmosaik am LLG bringt die Beschäftigung mit den Spuren des Künstlers wieder in Schwung. Kunstlehrer Markus Lepper erkennt bei der Durchsicht des Werkverzeichnisses das Fußbodenmosaik mit dem Sonnenmotiv. Schließlich blickt er von der Galerie vor dem Lehrerzimmer fast täglich darauf hinunter. Er telefoniert daraufhin mit Tobias Krimmel und macht ihm die erfreuliche Mitteilung.

Das Motiv Sonne habe sein Vater mehrfach gestaltet, erzählt dieser. Für ihn war es das Symbol für »positive und heitere Willkommensstrahlen für die Kinder. Das war von meinem Vater als bewusster Kontrapunkt zu seiner eignen, düsteren und leidvollen Schulzeit im Nationalsozialismus gedacht.« Kunstlehrer Lepper freut sich nun: »Da das Schulgebäude am Rodtberg 2021 sein 60-jähriges Bestehen feiern kann, ist dies ein wunderbarer Anlass, die Sonne und ihre Strahlen neu zu würdigen.« Vom Erschaffer des Bodenmosaiks wusste man bislang nichts, auch Tobias Krimmel hat in der entsprechenden Mappe des Vaters nie einen Hinweis auf ein Werk im Innenraum des LLG gefunden. Und der Bericht zur Eröffnung des neuen Schulgebäudes in der Schulzeitschrift »Epistula« erwähnt den künstlerischen Beitrag von Krimmel nur pauschal, darauf weist Schularchivar Jürgen Dauernheim hin.

Doch gilt: Das Fußbodenmosaik erfreut sich hoher Wertschätzung. Es gehört zum Schulalltag und ist in herausragend gutem Zustand. Ein Vergleich der Fotos von 1960 und 2021 zeigt, dass auch das Umfeld in der Eingangshalle der Schule baulich unverändert ist; bis auf das erhöhte Treppengeländer.

Direktor der Darmstädter Mathildenhöhe

Einige von Krimmels Arbeiten sind figurativ gehalten, andere grafisch-abstrakt. Er gehörte zu der Generation, die in den letzten Kriegsmonaten als Jugendliche eingezogen wurden. Nach Kriegsende holte er das Abitur nach und nahm im Herbst 1945 das Architekturstudium auf. Bereits als Kind war er ein Naturtalent im Malen, Zeichnen und Gestalten in Ton. Nun beteiligte er sich erfolgreich an den Nachkriegsausstellungen in Darmstadt, übernahm 1955 den Vorsitz der Neuen Darmstädter Sezession. Er organisierte erfolgreiche Ausstellungen, wurde 1965 Kunstreferent der Stadt Darmstadt, zusätzlich ab 1975 auch noch Direktor des Instituts Mathildenhöhe. 1989 ging er auf eigenen Wunsch in den Ruhestand.

Zahlreiche überregionale Ausstellungen

Mit zahlreichen Ausstellungen hatte er auch überregional Aufmerksamkeit erlangt, etwa zum Darmstädter Jugendstil, zur Düsseldorfer Malerschule, zu Arnold Böcklin, zu Georg Büchners 150. Todestag. Und er stellte zeitgenössische Künstler aus Europa vor. Er erhielt hohe Ehrungen.

Bis zuletzt war er künstlerisch tätig, wenn auch in reduziertem Umfang, da seine Sehkraft nachließ. Der betagte Künstler starb am vierten Adventssonntag (20. Dezember 2020) im Beisein des Sohnes. Die Nachricht vom Wiederauffinden des Sonnen-Mosaiks sei noch ein kleiner Lichtblick für ihn gewesen.

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