+
Abstand halten! Bei Sommerlad kein Problem, zeigt Geschäftsführer Frank Sommerlad. FOTO: SCHEPP

Einzelhandel und Corona

Sommerlad in Gießen: Flächenkönig ohne Kunden

  • schließen

Nur 800 von 32000 Quadratmetern seiner Verkaufsfläche darf das Möbelhaus Sommerlad in Gießen öffnen. Dabei wäre die Verkaufsstätte überaus coranagerecht.

Rechts und links hinter dem Haupteingang der Möbelstadt Sommerlad sitzen am Donnerstagmittag zwei Mitarbeiter mit Schutzmasken. Vor einem steht ein Glasbehälter mit Jetons; für jeden Kunden einen. Drei der Chips liegen im Glas. Durch die Drehtür kommt ein älteres Ehepaar und fragt nach Gartenmöbeln. "Tut mir leid. Die Abteilung ist leider nicht geöffnet", sagt der Mitarbeiter.

Womöglich haben die abgewiesenen Kunden danach die Straßenseite gewechselt, denn während in der Möbelstadt Sommerlad seit einem Monat gähnende Leere herrscht, steppt ein paar Meter weiter im Obi-Baumarkt auch an diesem Donnerstag der Bär.

Sommerlad-Chef Frank Sommerlad will das nicht kommentieren, aber für die Entscheidung gegen die Öffnung der großen Möbel- und Einrichtungshäuser hat der Unternehmer nur Kopfschütteln übrig. "Warum macht man keine Quadratmeter-Lösung? Wir kämen auch mit 50 oder 100 Quadratmeter pro Kunde sehr gut klar", sagt Sommerlad.

Frank Sommerlad ist im Gießener Einzelhandel so etwas wie der Flächenkönig. Mit 32 000 Quadratmetern ist das Handelshaus im Gewerbegebiet Grüninger Pfad seines Wissens nach die Verkaufsstätte mit der größten Verkaufsfläche in der Stadt. "Das ist großflächiger Einzelhandel, aber es bedeutet nicht, dass wir eine hohe Kundenfrequenz haben. Wir sind ein Möbelhaus mit niedriger Kundenfrequenz", sagt Sommerlad. In den weitläufigen Fachabteilungen würde er jede noch so scharfe Abstandsregel, die in der Coronakrise gelte, "übererfüllen".

Momentan gilt die Regel 20 Quadratmeter pro Kunde. Selbst, wenn es 100 Quadratmeter wären, könnten sich im Möbelhaus gleichzeitig 320 Kunden aufhalten. Wer schon einmal bei Sommerlad war, weiß, dass es eigentlich nur im Erdgeschoss, wo auch die sogenannten Randsortimente angeboten werden, wuseliger zugeht. Die Accessoires machten bei ihm aber nur 15 Prozent des Umsatzes aus, den großen Rest des Geschäfts mache Sommerlad mit dem Verkauf von Möbeln. "Bei Ikea ist das Verhältnis 50 zu 50", fügt Sommerlad hinzu.

Seines Wissens nach sei dieses Verhältnis auch ausschlaggebend für die Entscheidung gewesen, die Möbelhäuser - anders als die Autohäuser - nicht öffnen zu lassen. Sommerlad: "Die Politik stellt sich unter Möbelhandel offenbar nur Ikea vor. Die Ikea-Filialen sind von Kunden hochfrequentiert, die klassischen Möbelhäuser niedrig." Auch vor den Türen der Möbelstadt kämen sich die Kunden kaum in die Quere. Von den 600 Parkplätzen, die wegen der großen Verkaufsfläche bei der Gebäudeplanung ausgewiesen werden mussten, seien auch an den umsatzstarken Tagen viele stets frei.

Viele Beschäftigte in Kurzarbeit

Auch Sommerlad hat - wie einige andere Einrichtungshäuser in der Region - seit Donnerstag geöffnet. Aus der dreimal so großen Küchenabteilung wurde der erlaubte 800 Quadratmeter große Verkaufsbereich herausgeschnitten; am Vormittag schaute sogleich die Ordnungspolizei vorbei, ob alles seine Ordnung hat. Die Öffnung hat eher eine symbolische als eine wirtschaftliche Bedeutung. "Das ist auch ein Signal an die Mitarbeiter, dass es weitergeht", erklärt der Chef. Die 550 Menschen zählende Belegschaft macht derzeit in weiten Teilen Kurzarbeit. Sommerlad lebt im Moment von den im Winter getätigten Umsätzen. "Wir haben seit über einem Monat keinen einzigen Kunden gehabt. Das tut uns nicht nur weh, das geht auch an die Substanz", betont Sommerlad.

Er hofft, dass die Möbelhäuser - wie in Nordrhein-Westfalen - nach dem nächsten Gipfel von Bund und Ländern Anfang Mai coronagerecht öffnen dürfen. Dafür hat Sommerlad Vorkehrungen getroffen: An den leeren Kassen hängen große Plexiglasscheiben. "Die werden wir noch lange brauchen", ahnt der Unternehmer.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare