Landete durch einen glücklichen Zufall als Junge in der Türkei beim Ballett: Erkan Kurt. FOTO: DKL
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Landete durch einen glücklichen Zufall als Junge in der Türkei beim Ballett: Erkan Kurt. FOTO: DKL

Vom Solotänzer zum Tanzpädagogen

  • vonDagmar Klein
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Erkan Kurt ist am Stadttheater neuer Assistent von Ballettdirektor Tarek Assam. Dass er überhaupt Tänzer geworden ist, verdankt der Sohn einer türkischen Gastarbeiter- familie eher einem glücklichen Zufall.

Anfang März war Erkan Kurt eine Woche zur Probe bei der Tanzcompagnie, auf Einladung von Ballettdirektor Tarek Assam. Beide Seiten waren sich schnell einig, dass eine Zusammenarbeit gut funktionieren würde. Doch dann kam der Corona-Lockdown.

Kurt konnte nicht zurückfliegen in die Türkei, er musste seine Vertragsangelegenheit mit dem Staatsballett Izmir per Telefon regeln. Und an seinem neuen Arbeitsplatz startete er nicht mit dem Training der Tanzcompagnie, diese war ins Homeworking verbannt, sondern mit der Einführung in die Büroarbeit. Was durchaus ein neuer Arbeitsbereich für ihn ist. "Bei großen Ballett- ensembles ist man nur für Training und Einstudieren zuständig, nicht für die Dienstpläne und sonstige organisatorische Dinge."

Bei einem kleinen Ensemble wie am Gießener Stadttheater ist er als Assistent des Ballettdirektors für alles zuständig. "Das ist vielseitig, es macht mir große Freude." Und das strahlt er auch aus.

Konservatorium in Izmir besucht

Erkan Kurt hat einen ungewöhnlichen Weg genommen. Er wurde 1976 in Leverkusen als Sohn einer Gastarbeiterfamilie geboren. Seine Mutter wollte 1984 mit den drei Kindern zurück in die Türkei, der Vater blieb in Köln und verdiente das Geld. "Das war nicht einfach für uns Kinder. Wir sprachen perfekt Deutsch und nur wenig Türkisch, mussten also extra Sprachunterricht nehmen, um in der türkischen Schule mithalten zu können."

Ab 1988 besuchte er für acht Jahre das Konservatorium in Izmir, wo er auch Unterricht im klassischen Ballett erhielt. Dazu kam es eher durch Zufall. Seine Schwester und eine Cousine wollten unbedingt dorthin, also schickte die Mutter auch ihn mit, "weil ich so ein überaus lebhaftes und energiegeladenes Kind war".

Die Mädchen wurden nicht angenommen, aber er. "Obwohl ich gar keine Vorstellung von dem hatte, was Ballett ist oder Theaterarbeit bedeutet. Das gab es in unserer Familie nicht." Im Grunde staunt er noch heute darüber.

Allmählich erkannte er das Besondere des Berufs, wurde ehrgeizig und hatte die großen russischen Balletttänzer als Vorbild, Nurejew und Nijinski. "Ich wurde nicht so gut wie die", sagt er selbstkritisch, "aber ich war erfolgreich".

Der übliche Weg in der Türkei ist bis heute: Wenige erhalten sofort nach dem Konservatorium einen Vertrag, dann aber auf Lebenszeit, die anderen jobben mit Einzelverträgen. "Das ist ein System, das zu Bequemlichkeit und Cliquenwirtschaft führt und das Niveau insgesamt niedrig hält." Was ihn abgestoßen hat. Er nahm den Vertrag zunächst an, auch weil er nicht zum Militär wollte.

Wieder half der Zufall: die neue Schulleiterin vermittelte ihn an das Royal Ballet of Flanders in Antwerpen, wo bereits ihre Tochter tanzte. "Ich hatte keine Ahnung vom europäischen Tanzsystem, kannte weder Namen noch Theater. Das alles habe ich erst nach und nach kennengelernt, vor allem an deutschen Theatern."

Und ihm gelang der Schritt als Solist in die großen Ensembles. 1998 wurde er Solotänzer beim Ballett der Semperoper Dresden, 2002 folgte Leipzig, dann München. Er wurde Solist beim National Ballet of Canada in Toronto, ging 2011 nach Chemnitz.

Sein Repertoire umfasst zahlreiche Rollen berühmter Choreografen wie John Neumeier, Hans van Manen. Was er vermisst hat, waren türkische Kollegen, daher war er für Gastauftritte oder -verträge auch immer mal wieder in Izmir.

Nach Verletzungen begann er sich mit Mitte Dreißig anders zu orientieren, suchte Aufgaben im Zeitgenössischen Tanz. Vor allem aber nahm er seine Arbeit als Ballettmeister auf, machte 2016 bis 2018 noch eine Ausbildung zum Ballettpädagogen im Tanzloft Berlin, wo die klassische Waganova-Methode gelehrt wird. Sein Anliegen ist, die Tänzer zu unterstützen und zu motivieren, denn das habe er selbst oft vermisst, da einige Ballettmeister eher militärischen Drill praktizieren. Das Training in Gießen war schon immer anders. Weiterhin gehören Paolo Fossa und Susanne Fromme zum Team, die für den zeitgenössischen Tanz zuständig sind.

Wöchentliche Corona-Tests

Nun ist Erkan Kurt also in Gießen gelandet. Er freut sich darauf, dass in der nächsten Woche erstmals wieder mit dem ganzen Ensemble geprobt werden kann. Bislang war Training am Stadttheater nur in halber Gruppengröße möglich. Alle müssen sich wöchentlich auf SARS-CoV-2 testen lassen, doch das nehmen sie gern in Kauf, wenn sie nur wieder zusammen trainieren und tanzen dürfen.

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