oli_messerabwehr_061021_4c_1
+
Thomas Prem trägt eine Schutzweste. Sie kann schützen, gleichzeitig schränkt sie die Bewegungsfreiheit ein.

Verteidigung nach vorne

So schützen sich Gießener Polizisten vor Messerattacken

  • Christoph Hoffmann
    VonChristoph Hoffmann
    schließen

Sie sind überall verfügbar, jeder hat sie zu Hause: Messer. Für Polizisten sind Stichwaffen eine große Gefahr, auf die sie sich im Training besonders vorbereiten. Da Angriffe mit Messern in den vergangenen Jahren massiv zugenommen haben, kommt der Ausbildung eine neue Bedeutung zu.

Die Tat hat nicht nur in Mittelhessen für Fassungslosigkeit gesorgt: Am Morgen des 24. Dezember 2015 stach ein betrunkener Mann am Herborner Bahnhof auf einen Polizisten ein. Jede Hilfe kam zu spät, der Beamte erlag seinen Verletzungen. »Der Mord an unserem Kollegen war ein absolutes Alarmsignal«, sagt Hauptkommissar Thomas Prem, der bei der Gießener Polizei für das Einsatztraining zuständig ist. Aber nicht nur wegen der Tat von Herborn schenkt die Polizei dem Messer mehr Aufmerksamkeit.

2010 kam es in Gießen zu 24 und im übrigen Kreisgebiet zu 29 Straftaten, in denen eine Stichwaffe eingesetzt wurde. 2020 registrierte die Polizei in der Stadt 102 und im übrigen Kreisgebiet 73 solcher Straftaten. Im ersten Halbjahr 2021 liegt die Zahl in Stadt und Landkreis bereits bei 92.

Prem hat vor sich auf dem Tisch einige Messer liegen. Die Auswahl reicht vom verbotenen Klappmesser bis zum handelsüblichen Taschenmesser. Auch Alltagsgegenstände wie Scheren, Brieföffner, oder Schraubenzieher seien gefährlich, betont der Polizist. »Mit der entsprechenden Motivation und Eskalation sind diese Alltagsgegenstände völlig ausreichend, um erhebliche Verletzungen herbeizuführen.«

Die schusshemmende Weste, die ebenfalls vor Prem liegt, soll vor dem Schlimmsten schützen. Sie ist mit einer Metallplatte verstärkt, die auch Messerstiche abwehrt. Ein Schnittschutzschal gehört ebenfalls zur Ausrüstung, das gleiche gilt für schnittfeste Handschuhe. »Wir sind froh, dass wir diese Ausrüstung haben«, sagt Prem. Allerdings gebe es auch einen Haken. Die Weste beispielsweise sei schwer und steif, sie schränke die Bewegungsfreiheit ein. Die Handschuhe hingegen seien so dick, dass mit ihnen eine Durchsuchung nicht möglich sei. Natürlich habe man, wenn schützende Handschuhe im Eilfall benötigt werden, selten Zeit, sie rechtzeitig anzuziehen, sagt Prem. »Daher ist das Einsatztraining umso wichtiger.«

Hinter dem alten Polizeigebäude in der Karl-Glöckner-Straße haben die Gießener Beamten ein großes Trainingsgelände geschaffen. Auch der Umgang mit Messerangriffen wird dort geschult. Um zu verstehen, welche Folgen Messerstiche haben können, stellen die Beamten solche Attacken regelmäßig nach.

Ausrüstung gut und hinderlich zugleich

Die »Opfer« tragen dabei einen weißen Papieranzug, die »Angreifer« nehmen statt eines Messers einen offenen Stift. »Am Ende der Übung sehen die Anzüge aus wie Grafitti«, sagt Prem. In der Realität könne das tödlich enden, zumal die Beamten durch den Stress eine Verletzung mitunter gar nicht merken würden. »Zwei Minuten reichen aus, um einen Menschen verbluten zu lassen.«

Es gibt nicht die eine korrekte Verhaltensweise über Abwehrtechnik, die Beamten vor solchen Situationen schützt, betont Prem. Dafür seien die Begebenheiten zu unterschiedlich. »Generell gilt aber: Gefährlichkeit erfassen und Abstand herstellen.« Dem Angreifer das Messer aus der Hand zu schlagen, funktioniere vielleicht im Film, in der Realität jedoch nicht. Ein Taser sei oft ebenfalls nicht geeignet, da die Beamten dafür spezielle Körperregionen treffen müssten, was im Nahkampf nahezu unmöglich sei. Der Einsatz der Schusswaffe sei wegen der drastischen Folgen nur das allerletzte Mittel. Die Floskel »Angriff ist die beste Verteidigung« sei aber sehr wohl ein probates Mittel.

»Wir haben aus dem gelernt, was nicht funktioniert«, sagt Prem. Bestimmte Abwehrtechniken würden zwar einen ersten Stich abwehren, aber das reiche oftmals nicht. »Der Angreifer hört meist nach dem ersten Stich nicht auf. Es kann daher eine Option sein, in die aktive Verteidigung überzugehen.« Gleichzeitig dürften die Beamten nicht in Schockstarre verfallen und müssten sich auch bei einem Treffer weiter verteidigen. Das sei im Übrigen auch eine Erkenntnis aus der Tat in Herborn, betont Prem. »Damals war der erste schwerwiegende Treffer nicht der tödliche.«

Und wenn Herborn die Beamten noch etwas lehrt, dann die Tatsache, dass eine tödliche Attacke in der vermeintlich profansten Situation erfolgen kann. Der 46-Jährige Kollege starb an Heiligabend nach einer Fahrkartenkontrolle.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare