Dank des kleinen Messgeräts oberhalb der Tür kann Fabian Fischer auf seinem Display sehen, wie es um die Luftqualität in der Turnhalle bestellt ist. FOTO: SCHEPP
+
Dank des kleinen Messgeräts oberhalb der Tür kann Fabian Fischer auf seinem Display sehen, wie es um die Luftqualität in der Turnhalle bestellt ist. FOTO: SCHEPP

Intelligente Technik

Die smarteste Turnhalle Gießens

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
    schließen

Die Gießener Stadtwerke experimentieren in einem Pilotprojekt an der Goetheschule mit einer Übertragungstechnik, die die ganze Stadt intelligent vernetzen könnte.

Kerstin Muscheid steuert die Hebel für die Fenster an. In der Turnhalle der Goetheschule herrscht schlechte Luft. Das hat die Schulleiterin nicht etwa mit ihrer Nase registriert, sondern anhand des Tablet-Computers von SWG-Mitarbeiter Fabian Fischer. "Der CO2-Wert in der Halle liegt bei 756 parts per million", erklärt der SWG-Mitarbeiter beim Blick auf das Display. "Laut Umweltbundesamt beträgt der Schwellenwert, ab dem man lüften sollte, 800." Diese aufschlussreichen Daten, die auch in Zeiten von Corona von großer Bedeutung sein können, sind einem kleinen Sensor in der Halle zu verdanken. Und einer neuen Funktechnik, mit der die SWG große Pläne haben.

"Long Range Wide Area Network", kurz LoRaWAN, heißt die Übertragungsart, mit der die Stadtwerke in einem Pilotprojekt die Goetheschule ausgestattet haben. "Das ist im Grunde wie das Wlan. Nur, dass LoRaWAN eine wesentliche größere Reichweite hat", erklärt Fischer. Denn während Wlan zu Hause spätestens im Keller an seine Grenzen stößt, übertragt LoRaWAN die Datenpaket 800 Meter weit. Und somit auch von der Goetheschule bis zur Zentrale der SWG.

Auf dem Tablet von Fischer tut sich etwas. Der über der Turnhallentür angebrachte Multisensor hat soeben übermittelt, dass sich die Beleuchtung geändert hat. Einen Bewegungsmelder beherbergt der kleine weiße Kasten ebenfalls. "Die Turnhalle ist belegt", zeigt das Display an. Für Schulleiterin Muscheid sind diese Daten von großem Nutzen. "Ich kann von meinem Computer darauf zugreifen und sehen, wenn sich die Luftqualität nach sechs Stunden Sport verschlechtert." Ein Hinweis an die Kollegen, die Fenster bitte zu öffnen, und das Problem sei behoben.

Neben der Turnhalle sind auch im Schulgebäude Sensoren installiert. Sie übermitteln zum Beispiel den Stromverbrauch und die Heizwerte. So kann Schulleiterin Muscheid sehen, ob vor den Ferien jemand vergessen hat, die Heizung abzustellen. Ein weiterer Sensor misst die Feuchtigkeit im Keller. "Das ist hilfreich, da wir dort unten oft Probleme haben und ich Sorgen vor Schimmel habe."

Es gibt unzählige Sensoren, die unterschiedlichste Parameter erfassen. Landwirte nutzen sie zum Beispiel zur Analyse der Bodenwerte, Imker kontrollieren mit ihnen den Zustand ihrer Bienenstöcke, Hobbygärtner können den Füllstand ihrer Zisternen im Auge behalten. Der ein oder andere Gießener wird mit solchen Sensoren auch via Smartphone die Heizung in seinem Wohnhaus steuern können. Mit der LoRaWAN-Übertragungstechnik hat das erst einmal nichts zu tun. Sie sorgt aber dafür, dass die erfassten Daten über weite Strecke übermittelt und visuell benutzerfreundlich dargestellt werden können.

Wohnbau zeigt ebenfalls Interesse

"Wenn man in Gießen 35 Knotenpunkte einrichten würde, könnte man die gesamte Stadt abdecken", betont SWG-Pressesprecher Uli Boos. Er fügt an, dass dank der Zusammenarbeit mit dem Hochbauamt städtische Liegenschaften für die Installation der Gateways genutzt werden könnten. Das biete ungeahnte Möglichkeiten. Kein Wunder, dass die Wohnbau laut Boos ernsthaftes Interesse an einer Kooperation zeigt: Mit einem weit verzweigten LoRaWAN hätte das Unternehmen von jedem Ort aus Einblicke in den Wärmeverbrauch ihrer Häuser. Die Zählerstände müssten nicht mehr manuell erfasst werden. Und wenn in einem der über 7000 Wohnungen der Keller feucht ist, erfahren das die Verantwortlichen umgehend per Mausklick.

Die Stadtwerke selbst testen derzeit ebenfalls weitere Einsatzgebiete. Im Kundenzentrum am Marktplatz melden Sensoren zum Beispiel die aktuelle Zahl der in den Räumen befindlichen Personen, was in Zeiten von Corona wichtige Erkenntnisse für die Besucherströme liefert. Auch in der Parkraumbewirtschaftung setzen die SWG die Übertragungstechnik ein, indem die Stellplätze der E-Ladesäulen kontrolliert werden. "Unsere ersten Erfahrungen bestätigen uns in der Entscheidung, auf die leistungsfähige Funktechnik zu setzen", zieht Jens Schmidt, kaufmännischer Vorstand der SWG, eine positive Zwischenbilanz.

Auch die Rektorin der Goetheschule ist mit dem Erkenntnisgewinn durch das Pilotprojekt sehr zufrieden. "Es wäre natürlich toll, wenn wir noch weitere Sensoren in den Klassenzimmern bekommen könnten." Aber schon jetzt freut sich Muscheid. Denn "ihre" Schule mag mit ihren 133 Jahren nicht mehr die jüngste sein - dank LoRaWAN ist sie jetzt aber die intelligenteste. Und das auch ohne die klugen Köpfe der Grundschüler.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare