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Die menschliche Essenz auspressen (v. l.): Dominik Wilgenbus, Michael Hofstetter und Lukas Noll.

Slapstick trifft auf italienische Musik

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Gießen (mm). "Wir konzentrieren uns auf den Humor", sagt Regisseur Dominik Wilgenbus. Aufs Timing. Auf die Details. Und auf den Slapstick. Leichte Muse bedeutet harte Arbeit. Ein Musterbeispiel dafür ist Gioachino Rossinis "Barbier von Sevilla". Mit der berühmten komischen Oper des Italieners beginnt die Musiktheatersaison am Stadttheater. Premiere im Großen Haus ist am Samstag, 14. September, um 19.30 Uhr.

"Der Barbier von Sevilla" erzählt gewissermaßen die Vorgeschichte zu Mozarts "Le nozze di Figaro", die ebenfalls weiterhin am Haus am Berliner Platz zu sehen ist. Diesmal aber geht es um den Grafen Almaviva, der die hübsche Rosina erobern will. Doch das schöne Kind wird von seinem Vormund Doktor Bartolo bewacht. Der alte Knacker will sein reiches Mündel selbst so schnell wie möglich heiraten - da kennt der Italiener kein Pardon. Um die perfiden Pläne zu vereiteln, steuert Almavivas Freund Figaro allerlei Einfälle bei. Nach Liebesbriefen, Verkleidungen und Verwechslungen - ja, da ist Mozart dann nicht weit - triumphiert am Ende natürlich die Liebe. Bis es so weit ist, darf sich das Publikum an Serenaden, Duetten und Ensemblestücken dieser Opera buffa erfreuen. 1816 wurde der 24-jährige Rossini mit seinem mediterranen Bravourstück quasi über Nacht berühmt.

Regisseur Wilgenbus setzt in seiner Inszenierung auf die punktgenaue Verzahnung der geschwätzigen Dialoge mit der pulsierenden Musik. Aber auch die Protagonisten, überzeichnete Figuren aus der Universum der Commedia dell’Arte, brauchen ihre Streicheleinheiten, um gut zu funktionieren. Wilgenbus legt den Fokus auf die Situationskomik einer kleinen Welt, in der die großen Gefühle verhandelt werden: Der Bühnenraum von Ausstatter Lukas Noll lässt alle auf einem überlebensgroßen Frisiertisch agieren. Spiegel, Kamm und Bürste sind mannshoch, werden aber gleichwohl als Spiegel, Kamm und Bürste benutzt. Nolls Kostüme sollen die ironische Überzeichnung des Geschehens illustrieren.

Das Philharmonische Orchester Gießen spielt unter dem Dirigat seines scheidenden Generalmusikdirektors Michael Hofstetter. Er hält die Musik mit ihren beinahe mechanisch wirkenden Phrasen für kongenial. Auch Wilgenbus setzt bei seinen Darstellern auf mechanische Effekte. "Wir haben die menschliche Essenz quasi ausgepresst und in Apparaturen abgefüllt", sagt er am Dienstag beim Pressegespräch im Theater.

Rossinis Gesangspartien gelten als Paraderollen. Der lyrische Tenor Enrico Iviglia, der schon in Madrid und Tokio gefeiert wurde, will als Conte Almaviva begeistern. Daniele Macciantelli (Basilio), dessen abgründiger Bass ideal für die berühmte Verleumdungsarie erscheint, lässt nicht nur Doktor Bartolo erzittern. Daneben sind Sopranistin Naroa Intxausti als Rosina (Rossini schrieb die Rolle ursprünglich für einen Mezzosopran), Grga Peroš als Figaro und der köstliche Tomi Wendt als Bartolo zu erleben. Heidrun Kordes gibt die Marzelline und der beste Bariton-Stuntman der Welt, Alexander Hajek, wird gleich in mehreren Rollen brillieren. Nach der Premiere am Samstag sind die nächsten Vorstellungen am 22. September, 13. Oktober (Hofstetters Abschiedsdirigat) und 12. Dezember, jeweils um 19.30 Uhr.

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