+
Igal Avidan bei seinem Vortrag in Gießen. FOTO: BF

Skeptischer Blick auf Trumps Friedensplan

  • schließen

Gießen(bf). In der Jüdischen Gemeinde hielt der israelische Journalist und Autor Igal Avidan einen Vortrag über die politische Situation in Israel. Der in Berlin lebende Freiberufler schreibt sowohl für diverse deutsche als auch für israelische Zeitungen und berichtet für Rundfunksender. Daneben hat er zwei Bücher veröffentlicht, eines über Mod Helmy, den "arabischen Schindler", eines über den Staat Israel.

Bündnis mit Risiken

In seinem Vortrag kritisierte Avidan unter anderem Donald Trumps Friedensplan für Nahost, in dem er viele Risiken sieht, etwa in einem Bündnis zwischen den einander verhassten Gruppen der palästinensischen Partei Fatah und der Terrororganisation Hamas oder in der Demilitarisierung der Palästinenser. Auch die geplanten Milliardeninvestitionen in die palästinensische Wirtschaft sieht Avidan kritisch, da nicht geregelt sei, von wem die Investitionen übernommen werden sollen. Die Absicht, eine Zwei-Staaten-Lösung herbeizuführen, werde zudem von den jüdischen Siedlern niemals akzeptiert, weshalb sich die Konflikte zwischen ihnen und den Palästinensern weiter zuspitzen würden, prophezeite Avidan. Trotzdem sei der größte Teil der jüdischen Siedler gemäßigt und lebe eher aus ökonomischen denn aus ideologischen Gründen in den Siedlungsgebieten. "Die Mehrheit der jüdischen Siedler ist an einer Kooperation mit den Palästinensern interessiert", sagte er.

Obwohl er sich Frieden mit den Palästinensern wünsche, sehe er persönlich das Konzept einer Zwei-Staaten-Lösung als nicht zielführend an. Viele Palästinenser würden das genauso sehen, auch wenn es zumeist anders dargestellt werde. "Ich bin vor allem für eine Lösung, welche die Menschen vor Ort haben möchten", betonte er. Dies sei bei Trumps Friedensplan aber nicht berücksichtigt worden. Stattdessen sei der Friedensplan ein Erfolg für den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu, der sich all die aufgeführten Punkte in dem Plan gewünscht hätte, und für Trump. Zweifellos würden sich beide einen Vorteil bei anstehenden Wahlen erhoffen.

Sollte der Plan umgesetzt werden, könne er sich durchaus vorstellen, dass Israel wieder unter Terror leiden werde, sagte Avidan. Trotzdem habe der Friedensplan auch etwas Positives hervorgebracht, indem er den Nahost-Konflikt nach langer Zeit wieder in das öffentliche Bewusstsein gerückt habe. Es würden wieder Gespräche angeregt, wie man die Konfliktsituation in Israel lösen könne. "Und vielleicht entsteht ja entgegen aller Erwartungen letzten Endes doch etwas Positives aus Trumps Initiative", sagte er.

Neben dem Diskurs zu diesem tagesaktuellen Anlass war Avidans Thema des Abends die Parlamentswahl in Israel im März. Die Gesellschaft sei gespalten und die überaus hohe Wahlbeteiligung bei den Wahlen im Vorjahr habe gezeigt, dass die Menschen etwas bewegen möchten in ihrem Land.

"Mit besonderem Interesse beobachte ich das Ergebnis des Bündnisses Blau-Weiß", sagte Avidan, der dem Bündnis kritisch gegenübersteht. "Blau-Weiß sind drei Parteien mit vier Politikern, die ein sehr großes Ego haben", sagte er. Doch trotz politischer Unerfahrenheit sei Mitglied Benny Gantz beim israelischen Volk sehr beliebt. Eine interessante Rolle bei der Parlamentswahl nehme auch Avigdor Liebermann ein. Auf den stramm rechten Politiker seien alle Parteien angewiesen, weil es ohne ihn keine Mehrheit gebe.

Wahlen im März

Mit Spannung betrachtet Avidan auch das Abschneiden von Netanjahu, besonders im Hinblick auf seine derzeitige Anklage wegen Korruption und Betruges. Seine ehemaligen Mitstreiter hätten sich von ihm abgewandt und würden sogar als Kronzeugen gegen ihn aussagen, erzählte er.

Auch bestehe eine eindeutige Verbindung zwischen Wählerstimme und Wohnort. "Die Geografie bestimmt die Wahlergebnisse", sagte der Redner. Es sei zu beobachten, dass die Menschen in den wohlhabendsten Gegenden Israels, etwa in Tel Aviv, Mittelinks wählen würden, während die Ärmeren, etwa in Jerusalem. rechte, orthodoxe und arabische Parteien wählten. So sei es alles andere als leicht, den Ausgang der Parlamentswahl vorauszusagen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare