Kann mit seinem Gesang Steine zum Weinen bringen: Orpheus. FOTO: SCHEPP
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Kann mit seinem Gesang Steine zum Weinen bringen: Orpheus. FOTO: SCHEPP

Ein singender Türsteher

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Vor der Aula im Hauptgebäude der Universität steht eine bronzene Statue der mythologischen Figur Orpheus. Was macht sie da? Wo kommt sie her? Und was hat das alles mit Harry Potter zu tun? Antworten gibt es im neuen Teil unserer Serie "Schätze der Uni".

Die Aula der Justus-Liebig-Universität hat schon viele musikalische Leckerbissen erlebt. Dem größten Sänger blieb der Eingang in den alterwürdigen Veranstaltungssaal jedoch verwehrt - er musste mit einem Platz neben der Eingangstüre vorlieb nehmen. Dabei konnte der Barde mit seinem Gesang Götter und wilde Tiere betören, selbst Felsen weinten angesichts seines bezaubernden Gesangs - zumindest, wenn man den Sagen glaubt. Die Rede ist von Orpheus, Sohn der Muse Kalliope und tragischer Held der griechischen Mythologie. Im Uni-Hauptgebäude steht eine 2,47 große Bronzestatue, die der deutsche Bildhauer Gerhard Marcks gefertigt hat.

Marcks? Genau, das ist vor allem der Erschaffer der Bremer Stadtmusikanten, die vor dem Rathaus der Hansestadt stehen. Der 1981 verstorbene Künstler hat aber auch in Gießen viele Spuren hinterlassen. Vor allem den "Wiehernden Hengst", der vor der neuen Universitätsbibliothek die Studenten begrüßt.

Dass die Statue in Gießen bewundert werden kann, ist dem einstigen JLU-Professor für Kunstgeschichte, Ottmar Kerber, zu verdanken. Er hatte Marcks 1957 besucht, um mit ihm über die von der JLU in Auftrag gegebenen Plaketten mit dem Konterfei von Justus von Liebig zu sprechen. "Dabei hat er auch die Gipsform für die Orpheus-Statue gesehen, die für das Stadttheater in Lünen vorgesehen war", erzählt Alissa Theiß, die an der JLU für die Koordination der Sammlungen zuständig ist.

"Reisen in die Unterwelt" verlängert

Kerber sei derart begeistert gewesen, dass er gleich ein Exemplar für die Gießener Universität ausgehandelt habe. Gegossen wurde sie 1959, seit 1972 ist sie nun schon in Gießen. Orpheus ist somit mehr Gießener Original als die Schlammbeiser-Figur oder die Drei Schwätzer. Der Unterschied: Orpheus ist kein Unikat. Laut Theiß ist zum Beispiel ein weiterer Guss nach Houston, Texas, gegangen, ein anderer bewache die Berliner Philharmonie. Und wenn man es nicht ganz zu genau nimmt, hat es Orpheus sogar bis nach Hogwarts geschafft.

In der Harry-Potter-Reihe bewacht ein dreiköpfiger Höllenhund den Stein der Weisen. Erst durch das Vorspielen von Musik wird er besänftigt. "Das ist ein eindeutiges Zitat auf Orpheus", sagt Theiß.

Der Sage nach stieg Orpheus in die Unterwelt hinab, um seine verstorbene Ehefrau Eurydike zurückzuholen. Durch seinen Gesang und das Spiel mit seiner Lyra konnte er nicht nur den Höllenhund Kerberos besänftigen, er bewegte auch Unterweltgott Hades dazu, Eurydike wieder freizugeben - allerdings unter der Bedingung, dass sich Orpheus beim Aufstieg in die Oberwelt nicht noch einmal umschauen durfte. Doch der Sängerbarde patzte - Eurydike musste in der Unterwelt bleiben.

In die führt derzeit auch eine Ausstellung von Studierenden der klassischen Archäologie und der Kunstgeschichte. Hier kann man ebenfalls modernen Interpretationen von Orpheus und Co. begegnen. Die "Reisen in die Unterwelt" sind im Wallenfels’schen Haus zu sehen, und das noch bis zum 29. März. Denn die Ausstellung ist um eineinhalb Monate verlängert worden.

Eine lange Zeit - aber was sind schon sechs Wochen im Vergleich zum unendlichen langen Dasein, das Eurydike in der Unterwelt fristen musste?

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