Sinfonie der Großstadt Berlin

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Mehr als 20 Jahre lang hat Jason Lutes an seinem großen Comic-Roman über das Berlin der niedergehenden Weimarer Republik gearbeitet. Im Dezember vergangenen Jahres ist die Gesamtausgabe seiner Trilogie erschienen. Über deren Entstehungsgeschichte berichtet der Amerikaner nun im Literarischen Zentrum.

Wenn man Sascha Feuchert, den Vorsitzenden des Literarischen Zentrums Gießen, nach seinem persönlichen Highlight im aktuellen Programm des Zentrums fragt, dann bekommt man wie aus der Pistole geschossen die Antwort: "Jason Lutes". Ein Graphic Novel-Künstler als Höhepunkt eines an schriftstellerischen Hochkarätern reichen Programms? Das macht neugierig. Doch beim Blättern durch Lutes neuestes Werk, die "Berlin Gesamtausgabe" (Carlsen Verlag), wird schnell klar, warum das so ist.

1996 hatte der 1967 in New Jersey geborene Jason Lutes die Arbeit an einem großen Comic-Roman über das Berlin der Weimarer Republik begonnen. In mittlerweile drei Bänden, die nun als deutsche Gesamtausgabe vorliegen, erzählt der Comi-Zeichner die Schicksale verschiedener Menschen vor der Kulisse der untergehenden Weimarer Republik. Es sei eine "Sinfonie der Großstadt", geworden, schwärmt Volker Kutscher im Vorwort, der selbst das Berlin der Zwanzigerjahre in seinen Büchern aufleben lässt und mit seinem Krimihelden Gereon Rath die Vorlage zur erfolgreichen Fernsehserie "Babylon Berlin" geschaffen hatte.

Ausgerechnet dem Amerikaner Lutes gelingt es, die Atmosphäre der Berliner Jahre in schwarz-weißen Panels wiederzuerwecken. Sein Zeitpanorama spannt sich von 1928 bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten. Lutes erzählt die Geschichte anhand von mehreren Personen, quer durch alle Gesellschaftsschichten und dadurch besonders authentisch. Die Erlebnisse der Kunststudentin Marthe Müller, des Journalisten Kurt Severing, des Arbeitermädchens Silvia – hier werden sie mit wenigen Zeichenstrichen und Sprechblasen greifbar.

Als Comic-Zeichner sieht sich Lutes der europäischen Tradition verpflichtet. Georges Prosper Remi alias Hergé, der Schöpfer der "Tim und Struppi"-Comics, ist eines seiner Vorbilder. Entsprechend klar sind auch Lutes’ Konturen, seine Bilder eher ruhig, erinnern zuweilen auch an Heinrich Zilles historische Berliner Milieu-Zeichnungen. Der Plot wird in zahlreichen Handlungssträngen erzählt und folgt, genauestens recherchiert, keiner Geschichte im klassischen Sinn, sondern entfaltet ein Panorama mit vielfältigen Figuren über einen mehr als vierjährigen Zeitraum. "Ein ungemein beeindruckendes Berlin-Panorama", lobt der Deutschlandfunk. Kein Wunder, dass der Amerikaner während seiner Deutschlandtour in den Literaturhäusern großer Städte wie Hamburg, Berlin, Hannover, Frankfurt und Stuttgart ein begehrter Gast ist. Das Literarische Zentrum Gießen freut sich umso mehr, dass er auch dem kleinen, aber feinen Zentrum an der Wieseck seine Aufwartung macht.

(Repro: J. Lutes/Berlin – Steinerne Stadt)

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