Aus dem fünften Stock dieses Mehrfamilienhauses ist im Dezember 2004 eine Prostituierte geworfen worden. FOTO: SCHEPP
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Aus dem fünften Stock dieses Mehrfamilienhauses ist im Dezember 2004 eine Prostituierte geworfen worden. FOTO: SCHEPP

"Sie hat mich noch angestarrt"

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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Es kommt immer wieder vor, dass bei einem Mord das Motiv des Täters im Dunkeln bleibt. So auch im Dezember 2004 in Gießen: Ein ehemaliger US-Soldat tötet eine thailändische Prostituierte. Nachdem er sie gewürgt hat, wirft er sie aus dem fünften Stock eines Mehrfamilienhauses vom Balkon herunter.

Ein Obduktionsbericht muss die Todesart eines Menschen in schonungsloser Sachlichkeit darstellen. Selbst dann, wenn das Geschehen nachhaltig schockiert: Im Dezember 2004 stirbt eine 53 Jahre alte Thailänderin durch die Hand eines Mannes. Der verantwortliche Rechtsmediziner notiert bei der Leichenschau einen doppelten Kehlkopfbruch - hervorgerufen durch massives Würgen. Außerdem erkennt er bei der toten Frau einen Beckentrümmerbruch, Brüche beider Schulterblätter, eine Serienfraktur von 13 Rippen sowie einen in Fetzen gerissenen Herzbeutel, Leberlappen und Darm. Die Frau hatte im Wiesecker Weg als Prostituierte in einer Tageswohnung gearbeitet. Am 5. Dezember 2004 wird sie von Albert K. erst bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt und dann nackt vom Balkon im fünften Stock hinuntergeworfen.

Als das Hochhaus 40 Jahre vor der Tat eröffnet wird, gilt diese Gebäude-Art als der letzte Schrei: In Hochglanzprospekten wird für die "Residenz am Schwanenteich" mit schönem Blick aus den oberen Stockwerken geworben. Die Immobilie am Wiesecker Weg 46/48 hat viele Jahre lang den Ruf einer gutbürgerlichen Adresse. Wann und warum es abwärts ging, ist nicht einfach zu erklären. Klar ist jedoch: Anfang des neuen Jahrhunderts besteht erhöhter Renovierungsbedarf. Außerdem werden Zimmer als Tageswohnungen von Prostituierten genutzt. Männer klingeln mehr oder weniger verstohlen an der Tür. Fahrer nobler Autos, aber auch weniger gut betuchte Freier sind abends, nachts und tagsüber zu sehen. Für sie ist das Hochhaus die unauffällige Alternative zum Bordell. Oft sind es Frauen aus Weißrussland, der Dominikanischen Republik, Litauen oder afrikanischen Ländern, die die Polizei im Laufe der Jahre dort aufgreift - manche von ihnen sind erst 16 Jahre alt. Und gerade einmal zwei Monate vor dem Tod der Thailänderin wird in dem Haus eine 63 Jahre alte Landsfrau überwältigt, gefesselt und zwei Stunden lang vergewaltigt.

Der 5. Dezember 2004 ist ein Sonntag. Ein 63 Jahre alter Mann ist gegen 8 Uhr auf dem Weg ins Schwimmbad an der Ringallee, als er die tote Thailänderin im Hinterhof am Bantzerweg entdeckt. Er ruft sofort die Polizei. Für den Beamten, der als erster am Tatort erscheint, bietet sich ein ungewöhnliches Bild: Die nackte Frau weist äußerlich keine Verletzungen auf, obwohl sie doch aus großer Höhe auf den Asphalt geschlagen ist. Auch in der Tageswohnung der Frau finden sich keinerlei Spuren der Verwüstung. Schnell können die Fahnder die Identität der Thailänderin klären: Sie lebt in einem mittelhessischen Landkreis und ist mit einem Deutschen verheiratet.

Im Polizeipräsidium wird am nächsten Tag die Sonderkommission "Thai" unter Leitung von Holger Ewe gegründet. Die rechtsmedizinische Untersuchung ergibt sogenannte konkurrierende Todesursachen: Das massive Würgen und die anschließenden Sturzverletzungen haben zum Tod der Frau geführt. Der Autopsiebericht besagt auch, dass die Thailänderin noch gelebt haben muss, als sie aus dem fünften Stockwerk geworfen wurde; sie war aber wohl bewusstlos.

Der Tatort bietet der Polizei einige Anhaltspunkte für ihre Ermittlungen. In der Wohnung finden sich Blutspuren, ein benutztes Kondom sowie Hautreste eines Mannes unter den Fingernägeln der getöteten Frau. Es dauert aber bis Anfang April 2005, bis eine Reihenuntersuchung unter 550 Männern schließlich den Durchbruch bringt: Die DNA der Speichelprobe, die ein 41 Jahre alter Mann freiwillig abgibt, stimmt mit Genspuren am Tatort überein. Der ehemalige US-Soldat lässt sich von der Polizei widerstandslos festnehmen - und gesteht die Tat sofort. Hätte er geschwiegen oder nur zugegeben, er wäre bei der Prostituierten gewesen und hätte sie lebend zurückgelassen, wäre ihm die Tat vielleicht nicht nachzuweisen gewesen.

Wer ist Albert K.? 1963 wird er im US-Bundesstaat Ohio in schwierigen sozialen Verhältnissen geboren. Als Kind erleidet er Brandverletzungen, die ihn prägen. 19 Jahre später tritt er in die Armee ein und lässt sich nach Deutschland versetzen. Dort wird er schon kurz darauf entlassen. In einem amerikanischen Veteranenclub lernt er eine Frau kennen; mit ihr hat er drei Kinder. Zur Tatzeit lebt das Ehepaar getrennt. Menschen, die Albert K. kennen, bezeichnen ihn als ruhig, freundlich und hilfsbereit.

Albert K. besucht am Vorabend des 5. Dezembers eine Weihnachtsfeier in der Nähe des Wiesecker Wegs. Die Kosten dafür werden aus der Kasse einer Lotto-Tippgemeinschaft bestritten. Nach dem Abendessen fängt der als Hausmeister tätige Amerikaner an, Whiskey-Cola zu trinken. Weil er aber der Tippgemeinschaft nicht angehört, macht der Initiator des Festes dem bald ein Ende. Albert K., schildern Zeugen später vor Gericht, habe anschließend außerhalb des Saals an der Theke auf eigene Rechnung weitergezecht. Am Ende will der 120 Kilogramm schwere Mann über 30 Gläser Whiskey-Cola getrunken haben.

Was in den nächsten Stunden passiert, kann der ehemalige Soldat nur noch bruchstückhaft rekonstruieren. Er habe die Gaststätte gegen 5 Uhr als letzter Gast verlassen und sei dann zu der Prostituierten gegangen. Sie habe 30 Euro im Voraus verlangt. Dann sei es zum Geschlechtsverkehr gekommen. Detailliert geht er gegenüber den Ermittlern auf den Sex ein. Bei der Vernehmung nach der Verhaftung fragt ihn Oberstaatsanwalt Ingo Böcher: "Haben Sie die Frau gewürgt?" Albert K. antwortet: "Ich habe ihr an den Hals gefasst, aber gewürgt ...?" Böcher weiter: "Warum haben Sie die Frau vom Balkon geworfen?" Der 41-Jährige erwidert: "Weil sie mich immer noch angestarrt hat." Der psychiatrische Gutachter Willi Schumacher will während des Prozesses wissen, ob die Frau ihn seiner Meinung nach beleidigt oder erniedrigt habe. Albert K. bricht daraufhin in Tränen aus: "Ich weiß es nicht mehr. Ich würde es so gerne ungeschehen machen. Ich denke doch an nichts anderes mehr."

Am 28. Oktober 2005 ergeht im Prozess gegen Albert K. das Urteil vor der Fünften Großen Strafkammer am Landgericht Gießen. Er wird wegen Totschlags zu einer Haftstrafe von neun Jahren und drei Monaten verurteilt. Alle Beteiligten verzichten darauf, das Urteil anzufechten.

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