"Sie hat heftig geweint und sich geschüttelt"

  • Kays Al-Khanak
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Gießen(khn). Die Erziehungswissenschaftlerin kann sich genau an das damals 14 Jahre alte Mädchen erinnern. Beim Beratungsgespräch des Vereins Wildwasser, der sich gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen engagiert, sei die junge Gießenerin vor fast sechs Jahren sehr offen gewesen. Sie habe von sich aus detailreich über körperliche Schmerzen berichtet, wenn ihr Vater in sie eingedrungen sein soll. Dies berichtete die 35 Jahre alte Wildwasser-Beraterin während des Prozesses gegen einen 49-Jährigen vorm Landgericht Gießen. "Ich hatte zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass ihre Aussagen nicht plausibel sind", betonte sie.

Der Vorwurf gegen den Gießener wiegt schwer: Zwischen 2005 und 2013 soll er eine seiner beiden Töchter im Haus der Familie, in einem Campingbus und nach der Trennung von seiner Ehefrau in seinem Appartement, missbraucht haben. Am vierten Verhandlungstag standen wieder zahlreiche Zeugenaussagen auf dem Programm - unter anderem die der Beraterin von Wildwasser.

Frage der Schuld zentral

Diese berichtete im Zeugenstand von den neun Gesprächen, die sie mit der heute 20 Jahre alten Nebenklägerin zwischen 2014 und 2015 geführt hatte. Für das Mädchen sei gerade zu Beginn des Kontakts die Frage zentral gewesen, warum es ausgerechnet sie getroffen und ob sie selbst Schuld am Missbrauch habe, weil sie zum Beispiel gerne kuscheln würde. Das Mädchen habe sich auch gefragt, ob sie auch "böse" werde wie ihr Vater. Gleichzeitig habe sie immer wieder gesagt, wie gern sie ihn habe. "Auf der einen Seite hat sie ihn lieb und wünscht sich, dass er seinen Job behalten kann. Auf der anderen Seite will sie, dass er bestraft wird", sagte die Wildwasser-Beraterin über das ambivalente Verhältnis.

Gerade zu Beginn habe das Mädchen mehrere Anläufe gebraucht, um von den Erlebnissen zu erzählen. "Es fiel ihr schwer, aber sie sagte, es müsse raus, auch wenn es ihr peinlich sei", erzählte die Erziehungswissenschaftlerin. Während sie darüber gesprochen habe, missbraucht worden zu sein, habe sie "heftig geweint" und sich geschüttelt.

Richter Jost Holtzmann wollte wissen, ob die Beraterin erklären könne, warum das Mädchen so offen über den mutmaßlichen Missbrauch sprechen konnte. Die 35 Jahre alte Zeugen vermutete, das liege am Wesen der Nebenklägerin, die unter einer Entwicklungsstörung leidet. "Sie nimmt es sehr wörtlich, wenn Erwachsene etwas sagen. Und ihre Mutter hat ihr gesagt, sie soll ruhig alles erzählen."

Keinen Druck ausgeübt

Gleichzeitig habe sie aber nicht den Eindruck, dass die Mutter irgendeine Art von Druck auf die Tochter ausgeübt habe. Im Gegenteil. "Sie hat auch nicht schlecht über ihren Mann geredet", betonte die Beraterin. "Es ging ihr darum, dass es ihrer Tochter besser geht."

Im Laufe der Beratungen hatten das Mädchen und die Beraterin mit Fingerpuppen gespielt. Die damals 14-Jährige habe sich für eine Eule entschieden. Dieses Tier habe den Missbrauch eines Mädchen beobachtet und den Täter zuerst mit Mäusen beworfen und eine Hornisse auf ihn gehetzt. Nichts von dem habe ihn von seinem Tun abgehalten, erinnerte sich die Beraterin an die Geschichte, die sich das Mädchen für das Spiel ausgedacht hatte. Erst als ein Schwarm Hornissen zur Hilfe geeilt sei, habe der Mann endlich vom Mädchen abgelassen.

Der Prozess wird fortgesetzt.

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