Den Medizinistudierenden geht es weniger um biologische Aufklärung, sondern um den Umgang mit der eigenen Sexualität. SYMBOLBILD: SCHEPP
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Den Medizinistudierenden geht es weniger um biologische Aufklärung, sondern um den Umgang mit der eigenen Sexualität. SYMBOLBILD: SCHEPP

Sexual-Aufklärung

Mit Sicherheit in Gießen verliebt

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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Eine Gruppe von Gießener Studierenden spricht mit Kindern und Jugendlichen in Schulen über Sexualität. Das Motto lautet "Mit Sicherheit verliebt".

Bereits Kinder können heute relativ einfach an pornografische Inhalte gelangen: Das Internet macht’s möglich. Nur hat das Bild, das dort von Sexualität vermittelt wird, nicht immer viel mit der Realität zu tun, sagen Katharina Ruwoldt und Nora Schenck. Die beiden Frauen sind Medizinistudierende an der Justus-Liebig-Universität. Sie sind die Leiterinnen der Lokalgruppe von "Mit Sicherheit verliebt" (MSV), einem bundesweiten Projekt hauptsächlich von Medizinstudierenden, die an Schulen Aufklärung betreiben und sensibilisieren wollen. "Sexualität ist kein Tabuthema", sagt die 23 Jahre alte Nora Schenck. "Wir wollen einen guten und gesunden Umgang mit dem Thema vermitteln."

Aktuell gibt es eine MSV-Projektgrupppe in jeder deutschen Universitätsstadt, die eine medizinische Fakultät hat. Eine Art Dachverband bildet die Bundesvertretung Medizinstudierender Deutschland. In Gießen zählen zehn Studierende zum harten Kern von MSV. Hinzu kommen bis zu zehn weitere Studierende, die immer wieder zur Gruppe dazustoßen. Es sind nicht nur Medizinstudierende. Auch Lehramtsstudierende sind mit dabei. Wer Psychologie studiert, kann ebenfalls mitmachen.

Das Angebot richtet sich an Schülerinnen und Schüler der Klassen sechs bis zehn. Die Teilnahme daran ist für die Kinder und Jugendlichen freiwillig. "In dem Alter gibt es auch Sexualkunde im Unterricht, und dann beginnt auch das Interesse, sich damit zu beschäftigen", sagt Schenck. Bevor die Studierenden aber in die Klassen gehen, absolvieren sie zuvor einen Basisworkshop, in dem sie die verschiedenen Konzepte für die jeweiligen Jahrgänge kennenlernen. Denn die Sechstklässler haben andere Fragen und müssen anders angesprochen werden als ein Jugendlicher, der die zehnte Klasse besucht.

Der personelle Aufwand, den die Studierenden betreiben, ist groß: In der Regel gehen immer zwei Männer und zwei Frauen in die Schule - falls die Gruppe wegen geschlechterspezifischer Themen getrennt werden muss. "Man muss sich Zeit nehmen", sagt die 25 Jahre alte Katharina Ruwoldt. Meistens nehmen sich die Studierenden deshalb einen Schultag Zeit - mindestens aber drei bis vier Stunden.

Auch Sex in Medien Thema

Es geht weniger um biologische Aufklärung, sagen die Frauen - dazu gibt es ja unter anderem den Schulunterricht. Hauptsächlich werde der Umgang mit der eigenen Sexualität oder die Konfrontation mit sexualisierten Medien im Alltag thematisiert. Kinder und Jugendliche sollen Fragen zu den Themen stellen können, die sie mit ihren Lehrkräften oder gar ihren Eltern nicht ansprechen wollen. Dann reden die Studierenden mit den Schülerinnen und Schülern über den Besuch beim Frauenarzt, das erste Mal, Schwangerschaftsverhütung und sexuell übertragbaren Krankheiten.

Dabei gelten feste Regeln - um Hemmungen zu nehmen: "Jeder darf aussprechen, niemand wird ausgelacht", fasst Ruwoldt zusammen. Gleichzeitig muss niemand alles preisgeben. Dafür gibt es zum Beispiel eine Box, in der die Kinder und Jugendlichen ihre Fragen anonym einwerfen können. Diese werden dann im Laufe des Projekttages von den Studierenden beantwortet.

Ruwoldt betont, dass bereits Kinder Zugriff auf pornografische Inhalte haben. "Wir wollen für dieses Thema sensibilisieren", betont sie. "Es sind Schauspieler und das Szenario ist nicht real. Sexualität ist Intimität und Begegnung auf Augenhöhe." Pornos hingegen seien kein Vorbild für Kinder und Jugendliche ohne sexuelle Erfahrung. Ein weiteres Thema ist der Umgang mit Fotos in den Sozialen Medien: Welche Bilder kann man öffentlich zeigen, welche nur den Freunden - und welche löscht man besser wieder?

Ganz normal

Für die ehrenamtlich tätigen Studierenden sind es die kleinen Geschichten, die im Kontakt mit den Schülerinnen und Schülern hängenbleiben. Ruwoldt erzählt von zwei Mädchen, die Angst hatten, dass ihr Jungfernhäutchen beim Sport reißen könnte. "Wir haben Studien gewälzt und konnten ihnen dann auf wissenschaftlicher Basis erklären, dass dies nicht passiert wird." Erleichtert seien die Mädchen gewesen. Und Schenck erinnert sich an ein Mädchen, das ohne Hemmungen von ihrer Menstruation erzählte: "Sie hat gezeigt, dass es das Normalste der Welt ist."

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