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Showroom der Gefühle

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Körper beben. Leiber zucken. Der Pas de deux hat wieder Konjunktur. Bei der TanzArt-Gala im Stadttheater bietet die Bühne den Moment für die Ewigkeit.

Virtuos, impulsiv, atemraubend - vom Barock bis in die ferne Zukunft fliegt die TanzArt-Gala durch Zeit und Bühnenraum. Elf Ensembles und zwei Solisten ziehen am Montag im Großen Haus des Stadttheaters zum Abschluss des TanzArt-ostwest-Festivals die Blicke auf sich. Der Pas de deux liegt im Trend. Sechs anspruchsvolle Duette stehen auf dem Programm, Innovationen inklusive. Die Bühne wird zum Showroom der Gefühle. Unterhaltung ist Trumpf. Bei aller Kunst kommt der Humor nicht zu kurz.

Das Bach-Buben-Ballett aus Koblenz nimmt synchron und gewollt asynchron den Barockmeister auf die Schippe. Zum ersten Satz seines Brandenburgischen Konzerts Nr. 3 erwecken die Tänzer von Choreograf Steffen Fuchs die Epoche des Komponisten satirisch zu neuem Leben.

Noch einer, der Spaß versteht: Als lebendig gewordene Oscar-Statue im goldgelben Ganzkörperdress zuckt Joshua Haines in einer eigenen Choreografie über die Bühne. Seinem "Oscar" fällt es sichtlich schwer, sich in die Gesellschaft zu integrieren.

Mit "Futur drei" aus "Metropolis", dem jüngsten Streich von Gießens Tanzdirektor Tarek Assam, beginnt die Tanzcompagnie des Hauses den Abend. Zur Musik von "48nord" wabern die Tänzer durch die Zukunft, oder wie es in der Kritik dieser Zeitung im Februar nach der Premiere hieß: "Zu sehen sind blasenbehangene asexuelle Geschöpfe, die wie unter Drogen im Gegenlicht umher- zucken. Schöne neue Welt - mal anders."

Danach führt Assam eloquent als Moderator durch die Show. Er bedankt sich bei allen Beteiligten des Festivals und ruft zu einer Spendenaktion für das durch zwei Wirbelstürme gebeutelte Mosambik auf.

Als Kontrast zum Ernst des Lebens rockt das Tanztheater aus Kassel mit dem "Re-recreator" die Bühne. Choreograf Johannes Wieland bietet zu brachialem Heavy-Metal-Sound zuckende Körper. Die Anarchie nach Art der Nordhessen ist plastisch, derb, grandios. Vergleichsweise leise Töne legt die Dance Work Factory Bordeaux an den Tag. Sie beschreibt in "Trans/Parency" von Pascal Touzeau den Augenblick, in dem das eigene Leben wie in einem Film vorüberzieht. Die Tänzer agieren in einem Nirgendwo zwischen Wahn und Wirklichkeit.

Apropos Wahn: In seinen "Metamorphosen" zeigt das Ballett des Theaters Pforzheim aus der Sicht von Direktor Guido Markowitz die Liebe als Abhängigkeit. Gefühle sind zur Musik von Philip Glass kaum auszuhalten. Evi van Wieren und Isaac di Natalle ackern in einem dynamischen Beziehungsfeld.

Die Tanzcompagnie der Landesbühnen Sachsen gibt sich zum ersten Mal die Ehre bei der Tanzgala. Sie rückt in ihrem Stück "Kalpa" von Wencke Kriemer de Matos die Zeit in den Mittelpunkt. Die Tänzer Alena Krivileva und Zhiyelun Qi biegen sich in Richtung Unendlichkeit. Ebenfalls ein Neuling im Aufgebot ist das Ballett der Oper Wroclaw aus Polen. Es hat mit "Close" eine Choreografie von Anna Hop im Gepäck. Zu Frédérick Chopins Mazurka Nr. 13 a-Moll schweben Ines Furuhashi-Huber und Daniel Agudo Gallardo sinnlich-poetisch dahin. Die Tanzcompagnie aus Bern stellt "Just" von Estefania Miranda ins Rampenlicht. Marieke Monquil und Toshitaka Nakamura haben darin ein Problem: Sie scheinen, wie die uniformen Kostüme andeuten, in einem Körper vereint. Ergebnis sind sehenswerte Paarbewegungen. Das Ballett Chemnitz setzt auf "Unleash". Katarzyna Kozielska entfesselt (= unleash) das emotionale Gefangensein. Vier Tänzerinnen vollführen mit ihren Partnern in vier parallelen Pas de deux spannungsreichen Spitzentanz. Sie wollen sich aus bewährten Strukturen lösen. Doch was kommt danach?

Etwa das "Poem" des Tanztheaters Münster. Choreograf Hans Henning Paar lässt Maria Bayarri Pérez und Leander Veizi zur Musik von Max Richter ein Liebesgedicht erspüren, während das Ballett Trier eine "Reise in die Hoffnung" unternimmt. Roberto Scafati wirft Chiara Rontini und Bogdan Muresan in kalte Flüchtlingsfluten.

Im zweiten Stück des Gießener Ensembles präsentiert Assam mit "Metro_Cruise" eine Kombination aus Szenen seiner beiden Stücke "Metropolis" und "Wave" (2018), ehe sich Nina Plantefeve-Castryck, die vor knapp zehn Jahren als 17-Jährige noch zur Gießener Tanzcompagnie zählte, als Solistin ihren Weg bahnt. In ihrem Stück bleibt sie kühl und artifiziell. Nach drei Stunden geballter Performance eilen alle Akteure noch einmal zum nicht enden wollenden Schlussapplaus auf die Bühne.

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