Die "Hussel"-Filiale an der Ecke Seltersweg/Plockstraße bleibt weiterhin geöffnet.	FOTO: FRIEDRICH
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Großes Gesprächsthema in Gießen: Wie geht Shopping ab Montag in der Innenstadt? (Archiv)

Corona-Lockerungen

Shoppen in Gießen: So blicken Geschäftsleute aus Seltersweg und Co. auf die Teil-Öffnung

  • Christoph Hoffmann
    VonChristoph Hoffmann
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Ein Termin in der Stadt? Bisher war das meist gleichbedeutend mit Arbeit oder Arztbesuch. Ab sofort kommt eine weitere Komponente hinzu: Shoppen. Verkäufer der Gießener Innenstadt blicken mit gemischten Gefühlen auf die leichte Lockerung des Lockdowns.

Gießen - »Termin sichern« steht in dicken Lettern auf der Facebookseite des Schuhhauses Waldschmidt. Geschäftsführer Dirk Wallbott wirbt damit für Montag, an dem erstmals nach vielen Wochen wieder Kunden das älteste Schuhgeschäft Gießens betreten dürfen. »Bis jetzt haben wir drei Termine vergeben«, sagt Wallbott am Freitagmittag, »ich hoffe, es kommt noch der ein oder andere hinzu«. Der Geschäftsmann macht sich aber keine Illusionen: »Wir werden sicherlich keinen großen Umsatz machen.«

Am Mittwoch hat die Ministerkonferenz vorsichtige Öffnungsschritte des Corona-Lockdowns beschlossen. Dazu gehört auch, dass der Einzelhandel öffnen darf - allerdings nur nach vorheriger Terminvereinbarung und Datenerfassung des Kunden. Die Regelung gilt, solange die Inzidenz nicht über 100 steigt. Im Landkreis Gießen lag sie am Freitag bei 74,6.

Mehr Kundenpflege als Profit

Gunter Schlegel, der zusammen mit Ralf Sommerkorn die Buchhandlung »Up to date« in der Liebigstraße betreibt, hat es da leichter. Denn genauso wie etwa Baumärkte dürfen Buchhandlungen ab Montag wieder ganz normal öffnen, also ohne Terminvergabe. »Das ist sehr erfreulich und ein Privileg«, sagt Schlegel mit Blick auf die anderen Einzelhändler. Dabei wäre die Öffnung aus rein betriebswirtschaftlicher Sicht gar nicht notwendig gewesen. Durch die Möglichkeit, Bücher online zu bestellen und im Laden abzuholen, hat die kleine Buchhandlung während der vergangenen Wochen ordentliche Geschäfte gemacht. »Der Umsatz war genauso hoch wie vor dem Lockdown«, sagt Schlegel.

Davon können viele Geschäftsleute aus der Innenstadt nur träumen. Markus Pfeffer, der Geschäftsführer des BID Seltersweg, sieht in der Lockerung daher einen ersten wichtigen Schritt. Es gebe aber auch noch viele offene Fragen, zum Beispiel zur Mindestquadratmeterzahl oder zum Anmeldeprozedere. »Sowohl der Einzelhandel als auch das Ordnungsamt warten noch auf Auslegungshinweise vom Land«, sagt Pfeffer und kündigt an, dass es bei der Terminvergabe in der kommenden Woche eine Erleichterung geben soll. Demnach sollen Händler und potenzielle Kunden über die Stadtmarketing-App »Gießen entdecken« Termine vereinbaren können.

Claudia Loh, die in der Plockstraße das Modegeschäft »Loh Fashion« betreibt, wird Schlegel und seiner Buchhandlung sicherlich alles Gute wünschen. Warum aber ausgerechnet Buchläden öffnen dürfen und ihr Modegeschäft nicht, erschließt sich der Inhaberin nicht. »Wir haben hier 125 Quadratmeter Verkaufsfläche, hohe Decken, Desinfektionsmittel und gute Möglichkeiten zu lüften. Hier könnten problemlos zwei Kunden hineinkommen und einkaufen - und das ohne Terminvergabe.« Sie habe sich daher mehr erhofft als diesen ersten Öffnungsschritt.

Auch kurzfristige Zeitspannen

Zumal das neue Konzept vermutlich nicht sonderlich lukrativ ist. »Es wird nicht viel bringen. Wenn alles gut läuft, erhoffen wir uns etwa 30 Prozent vom normalen Umsatz.« Wenn man die Fixkosten bedenke, sei das mehr oder weniger ein Nullsummenspiel. Trotzdem wird Loh ihren Laden öffnen, sie freut sich auch auf ihre Gäste. »Die Stammkunden sind heiß auf neue Ware. Und ich will natürlich nicht, dass sie alles im Internet kaufen. Es geht also vor allem um Kundenbindung.«

Ähnlich sieht Paula Vordemfelde vom Modehaus Köhler die Angelegenheit. »Uns geht es in erster Linie darum, ein Zeichen zu setzen, dass wir noch da sind.« Bisher hätten sich schon einige Kunden angemeldet, die dann für eine Stunde lang das Angebot des Modehauses durchstöbern können. »Es sind aber auch noch viele Termine frei, und die Kunden können auch kurzfristig buchen«, sagt Vordemfelde. In den anderen Geschäften der Innenstadt verhält es sich ähnlich.

Vermutlich wird kein Laden in der City in den kommenden Tagen hohe Umsätze generieren, dafür ist die Fußgängerzone zu sehr von Laufkundschaft geprägt. Vordemfelde freut sich aber trotzdem auf die Öffnung. »Wir haben enorm Lust und wollen zeigen, dass wir Konzepte haben, durch die man trotz Corona sicher einkaufen kann. Wir sind für jeden Kunden dankbar.«

Damit dürfte Vordemfelde den vielen anderen Geschäftsleuten der Innenstadt direkt aus der Seele gesprochen haben.

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