Erich Kubys Buch "Rosemarie" (Untertitel: "Des deutschen Wunders liebstes Kind") ist in diesem Jahr als Neuauflage im Schöffling-Verlag erschienen. 	FOTO: VERLAG SCHÖFFLING
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Erich Kubys Buch »Rosemarie« (Untertitel: »Des deutschen Wunders liebstes Kind«) ist in diesem Jahr als Neuauflage im Schöffling-Verlag erschienen. FOTO: VERLAG SCHÖFFLING

Sexskandal mit Langzeitwirkung

  • Karola Schepp
    VonKarola Schepp
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Die Ermordung der Frankfurter »Lebedame« Rosemarie Nitribitt war der Skandal der Adenauer-Ära. Und er beschäftigt noch heute. Erst im Mai dieses Jahres hat der Schöffling-Verlag eine Neuauflage des 1958 erschienenen Buchs »Rosemarie. Des deutschen Wunders liebstes Kind« von Erich Kuby herausgebracht. Den Roman präsentierten nun Marina Gust und Roman Kurtz im Literarischen Zentrum im Rahmen der Reihe »Frankfurt liest ein Buch - und Gießen liest mit«.

Es muss schon eine besondere Bewandtnis haben, wenn der Mord an einer Prostituierten fast 50 Jahre danach noch immer ein zugkräftiges Thema ist. Der Fall Rosemarie Nitribitt erfüllt diese Voraussetzungen offenbar. Denn der ungeklärte Mord aus dem Jahr 1957 in Frankfurt, mit all seinem Skandalpotenzial der damaligen Zeit, wurde nicht nur von Erich Kuby 1958 in einem Roman literarisch leicht abgewandelt nacherzählt, sondern auch verfilmt. Für »Das Mädchen Rosemarie« mit Nadja Tiller schrieb Kuby zudem am Drehbuch mit. Es folgte 1986 eine Neuverfilmung von Bernd Eichinger mit Nina Hoss in der Hauptrolle und erst im Mai dieses Jahres wurde Kubys Buch neu aufgelegt und mit einem Nachwort von FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube ergänzt.

Mit eben jener Neuauflage beschäftigt sich aktuell das Literaturfestival »Frankfurt liest ein Buch«. Und weil traditionell auch immer das Literarische Zentrum Gießen unter dem Slogan »Frankfurt liest ein Buch - und Gießen liest mit« mitwirkt, haben sich nun in einer ausverkauften LZG-Lesung HR-Moderatorin Marina Gust als Moderatorin und Schauspieler Roman Kurtz als Vorleser einiger Passagen aus dem Buch verdient gemacht, und den Fall Nitribitt in den zeitgeschichtlichen Kontext eingeordnet.

Rosemaries prominente Kunden

Für die spießige Doppelmoral der Adenauer-Zeit war es eine Provokation, dass die Edelprostituierte Rosemarie im Frankfurt der 50er-Jahre ganz öffentlich als freie Unternehmerin ihrem Gewerbe nachging. Die junge Frau mit ihrem legendären Mercedes-Cabrio mit roten Ledersitzen und der Kundschaft aus den höchsten Etagen der Wirtschaftswunder-Gesellschaft, die sie im »Frankfurter Hof« traf, war stadtbekannt. Ihre Ermordung in den letzten Oktobertagen des Jahres 1957 im eigenen Wohnzimmer sorgte für einen Skandal. Ob der Mörder der damals 24-Jährigen einer ihrer Kunden aus dem Kreis der Bosse und Banker war oder gar Krupp-Erbe Harald von Bohlen und Halbach, mit den Rosemarie eine Liebelei verband, wurde nie geklärt. Pannen bei den Ermittlungen, verschwundene Prozessakten und nicht zuletzt der sozialkritische und von Zensur bedrohte Film von Rolf Thiele und das Buch von Erich Kuby aus dem Jahr 1958 haben wesentlich zum Nimbus beigetragen, wenngleich beide mit satirischer Verfremdung arbeiten und mit der wahren Lebensgeschichte der Nitribitt und den Hintergründen ihrer Ermordung wohl nur wenig zu tun haben. Bis heute haben sie aber das Bild von der verführerischen Prominenten-Hure geprägt, die im Fünfzigerjahre-Ambiente die feinsten Kreise ausnimmt, sich als Industriespionin und Erpresserin verdingt und von einflussreichen Drahtziehern beseitigt wird. »Alles was Rang und Namen hat und sich chick fühlt, ist bei Rosemarie zu Gast«, erinnerte Marina Gust an die reale Vorlage. Mitglieder der Industriellenfamilien Quandt, Sachs, Flick, saudische Prinzen, berühmte Rennfahrer verkehrten mit ihr. Adenauers Wiederwahl als Bundeskanzler, ein neues »Wir sind wieder wer«-Gefühl in der BRD, atomares Wettrüsten bildeten den zeitlichen Hintergrund.

»Womit die reale, die ermordete Rosemarie und jene des Films und des Buches ihre Kunden erpressen konnte, ist zwar der Schlamm von gestern, aber daraus ist in 40 Jahren die Sumpflandschaft geworden, in der Unternehmer und Banker ihre Zentralen errichtet haben.« So hatte Autor Kuby seinen Roman 1996 bei einer Neuauflage kommentiert und ergänzt, er hoffe, das Buch möge sich als »Aufklärungsmedizin« erweisen.

Doch warum gibt es davon eine Neuauflage im Jahr 2020? Warum ist es Thema eines Literaturfestivals? Dieses Phänomen ist schwer zu erklären. Denn die sexuelle Befreiung, die kurze Halbwertzeit heutiger Skandale und eine Gegenwart, in der die Wirtschaft keine »Wunderjahre« mehr erlebt, müssten eigentlich der Faszination der »Nitribitt«-Geschichte abträglich sein.

Aber es gilt Marina Gusts Einschätzung: »Das regt unsere Fantasie an.« Und dazu steuerte sie ein paar belegte Fakten bei. So wurde die erwürgte Rosemarie in ihrem Appartement aufgefunden. Ihr genauer Todeszeitpunkt ließ sich nicht mehr ermitteln, auch weil mehr als 25 Polizisten den Tatort mit ihren Spuren verunreinigt hatten und »in jeder Form Rücksicht auf die prominente Kundschaft nahmen«. Ob nun einer ihrer im »delikaten Adressbuch« vermerkten einflussreichen Kunden der Mörder war, oder Konkurrenz aus den damals aufsteigenden Bordellen oder der Handelsvertreter Pohlmann, der um seine Schulden zu bezahlen Rosemarie erwürgt und ihr rund 20000 Mark gestohlen hatte - all das ist ungesichert. Ein Profilerteam ist im Auftrag des ZDF erst in diesem Jahr zu dem Schluss gekommen, dass es wohl tatsächlich Pohlmann war. Es wird sicher nicht das letzte Mal gewesen sein, dass der Fall Nitribitt Interesse geweckt hat.

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