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Prostitution im Selbstversuch: „Als ob Sex, wenn er umsonst ist, immer so wunderbar wäre“

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Von: Karola Schepp

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Die Französin Emma Becker hat in Berlin als Prostituierte gearbeitet. In ihrem Roman »La Maison« beschreibt sie mit viel Humor und Klugheit den Alltag der Huren. © Red

Die französische Autorin Emma Becker hat zu Recherchezwecken zwei Jahre in einem Berliner Bordell gearbeitet. Ihr Buch »La Maison« sei ein »hurenmäßig gutes Buch« lobt die Kritik. Doch der autofiktionale, wahrhaft literarische Roman wirft auch Fragen auf - über die Definition von Weiblichkeit, das Sexgewerbe und die Grenzen einer Schriftstellerin. Im Interview liefert die 33-Jährige dazu überraschende Antworten.

Was fasziniert Sie an Prostitution und Wollust?

Ich bin in einem Land großgeworden, wo Sexarbeit grundsätzlich unerkannt ist, obwohl unsere Literatur und Kunst voll ist mit Bordellen und Huren. In den Büchern, die ich als junge Frau gelesen habe, wurden die Huren als Göttinnen und Künstlerinnen dargestellt. Gleichzeitig gibt es seit 1946 bei uns kein Bordell mehr. Ich bin in dieser Dichotomie aufgewachsen und wollte einfach wissen, was der Unterschied zwischen den Büchern und der Realität ist. Diese Bücher wurden meist von Männern geschrieben, als Kunden oder Schriftsteller. Ich wollte als Frau diese Realität beschreiben. Ich habe immer über Lust und Begehren geschrieben. Für mich war Sexarbeit eine andere Art von Lust und Begehren, ein Mikroskop, unter dem ich Beziehungen zwischen Männern und Frauen, Kunden und Dienstleistern studieren konnte.

In Frankreich, das wie kaum ein anderes Land mit Liebe assoziiert wird, ist Prostitution offiziell verboten. Im eher als spröde geltenden Deutschland ist sie staatlich sanktioniert. Wie erklären Sie sich das?

Die Franzosen mögen Philosophie und Poesie zu sehr, um mit der vielfältigen Realität von Sexarbeit klarzukommen. Es handelt sich hier nicht darum, Männer zu befriedigen oder um Moral, sondern um Menschen, die einfach ihren Lebensunterhalt verdienen wollen. Das ist keine philosophische Debatte mehr, sondern Realität, und vielleicht sind die Franzosen noch zu faul und erschrocken, um eine Realität wahrzunehmen, in der Frauen ihren Körper genauso benutzen können, wie sie es wollen.

Warum haben Sie sich nicht damit begnügt, für Ihren Roman nur als Beobachterin zu recherchieren? Um einen guten Kriminalroman zu schreiben, muss ich doch auch niemanden umbringen.

Sexarbeit wurde immer von Leuten diskutiert, die überhaupt keine Ahnung haben, was Sexarbeit eigentlich ist: wie es funktioniert, wie die Leute, die diesen Beruf ausüben, damit klarkommen, welche Bedingungen, was man machen darf und was nicht... Und Journalisten, obwohl sie auch wohlwollend sein wollen, können auch nichts dafür, dass ihre Vorurteile gegen Sexarbeit auch in ihren Artikeln und Büchern zu spüren sind. Das heißt, was man generell über Sexarbeit lesen kann, ist meistens durch diese Vorurteile verfälscht. Ich wollte das anders machen. Ich wollte nicht bloß rumsitzen und die Frauen mit meinen Fragen belästigen. Ich wollte auch einfach mein Leben verdienen. Nur so konnte ich einen objektiven Blick auf Sexarbeit haben, da mein Einkommen von Sexarbeit abhängig war.

Was war eher da: Ihre Neugier auf Sex gegen Bezahlung oder die Lust auf ein gnadenlos ehrliches Buch?

Ich würde sagen, die Lust auf mehr Geld und weniger Arbeit. Ich hatte überhaupt keine Neugier auf Sex gegen Bezahlung. Das hat mich nie angemacht. Ich dachte, dass es sicherlich wie normaler Sex ist (das heißt, die Männer kümmern sich hauptsächlich um ihre Lust), aber diesmal kriegt man wenigstens Geld dafür. Meine Lust, außer dass ich durch Sexarbeit mehr Zeit zum Schreiben hatte, war es, einfach diesen Frauen zu begegnen, und selbst eine von diesen faszinierenden Frauen zu werden.

»Justine« im Buch macht sich Sorgen, dass eines Tages dieser Job ihren Lebenslauf bestimmen wird. Befürchten Sie als Schriftstellerin nicht Ähnliches?

Mittlerweile bin ich damit klargekommen, dass ich eine Schriftstellerin bin; davor sollte man keine Angst haben. Wenn man ständig an seine Eltern oder den Lebenslauf denkt, kann man auch nichts schreiben. Und ehrlich gesagt war ich noch nie so stolz auf ein Buch wie auf »La Maison«.

Warum wird Sex als anrüchig angesehen, sobald jemand dafür bezahlt?

Diese Frage stelle ich mir auch. Vielleicht weil Männer nicht daran gewöhnt sind, dass Sex sehr oft schlecht ist, weil sie Sex generell für selbstverständlich halten und sich auf ihre Lust fokussieren. Sex sollte für Frauen heilig sein, aber umsonst. Wenn man für Sex bezahlt, wird Sex automatisch zu Vergewaltigung - als ob Sex, wenn er umsonst ist, immer so wunderbar wäre.

Ist Prostitution wirklich nur ein Job, eine Dienstleistung - oder richtet er nicht Schaden in der Seele einer Frau an?

Sexarbeit ist eine Dienstleistung. Das heißt nicht, dass es mit irgendwelchen Dienstleistungen zu vergleichen ist. Die Huren wissen das ganz genau. Es heißt nur, dass Sexarbeit genauso wie andere Dienstleistungen rechtmäßig behandelt werden soll. Niemand fragt einen Kellner oder Bergmann, wie es dessen Seele geht. Man versucht nur, aufzupassen, dass die Leute so gut wie möglich menschlich und respektvoll behandelt werden. Genau das wollen die Sexarbeiterinnen. Nicht Legalisierung, sondern Entkriminalisierung. Um die Seele können wir uns erst kümmern, wenn der Körper nicht mehr ständig in Gefahr steht. Und ehrlich gesagt: Um mein Wohlbefinden hat sich niemand gekümmert, bevor ich in einem Bordell arbeitete. Die Leute, die behaupten, sich um das Wohlbefinden der Frauen zu kümmern, können auch gerne mit Kassiererinnen und Lieferanten anfangen oder Leuten, die 50 Stunden die Woche arbeiten, um ihre Kinder füttern zu können. Armut ist das Problem, und die richtet an der Seele viel mehr Schaden an, als es irgendein Job tut.

Sie beschreiben die Macht, die die Huren in »La Maison« über Männer haben. Welche Macht habe ich denn als Frau, wenn Männer meinen Körper mieten können? »Die Möglichkeiten einer Hure, nein zu sagen, sind ziemlich beschränkt«, schreiben sie.

Genauso wie die Möglichkeiten eines Kellners beschränkt sind: er/sie muss sowieso kellnern, um sein Leben zu verdienen. Allerdings hat ein Kellner das Recht, respektiert zu sein. Er darf auch seinen Job hassen. Trotzdem muss er weitermachen. Niemand mietet meinen Körper. Man mietet meine Zeit. Solche Formulierungen tragen dazu bei, dass es so viele Missverständnisse über Sexarbeit gibt. Man sollte auch dazu nie Sexarbeit und Menschenhandel verwechseln: Das eine ist ein Beruf, das andere reine Ausnutzung. Die sind nicht zu vergleichen, nicht in meinem Buch und nicht in der Wirklichkeit.

Hat sich Ihr Blick auf Männer durch die Arbeit im Bordell verändert?

Männer sind im Bordell genauso anstrengend wie im normalen Leben. Der Unterschied ist nur, dass sie wenigstens im Bordell nach einer Stunde wieder abhauen. Durch diesen Job bin ich eine viel strengere Feministin geworden. Ich habe komischerweise gelernt, nein zu sagen, meine Zustimmung zu verbessern. Ich bin auch gegenüber Männern sarkastischer geworden.

Sie sind also Feministin?

Allein dass man einer Frau diese Frage stellt, weil sie ein Buch über Sexarbeit geschrieben hat und dafür selbst zur Sexarbeiterin geworden ist, sagt auf jeden Fall viel aus über den gemeinsamen Blick auf Frauen, ihre Körper, und was sie damit machen dürfen. Hurenfeminismus existiert seit Jahrzehnten. Es ist ein Teil des Intersektionellen Feminismus. Da denkt man, dass Frauen selbst entscheiden können, was Frausein ist, und wie man es erleben darf.

Kaum eine der Huren im Buch empfindet beim Sex echte Lust. Wie kann eine Prostituierte zwischen Sexgeschäft und Paarleben trennen?

Huren können tatsächlich Lust während der Arbeit empfinden - und das genau hat damals für mich die Trennung schwieriger gemacht. Es gibt einen Unterschied zwischen Kunden und Freunden, jeder definiert es für sich selbst. Das war für mich das Schwierigste an der Arbeit: Wann ist es Arbeit, wann ist es reine Lust? Aber diese Frage habe ich mir sehr oft auch als »normale Frau« gestellt. Die Probleme, die man als Sexarbeiterin empfindet, sind gar nicht so weit weg von den Problemen der Frauen im Allgemeinen.

Sie beschreiben im Buch zwei Bordelle: das »Coco’s« mit seinem »brutalen, traurigen Schatten« und das »La Maison«, eine Art Familie und Garten der Lüste. Aber sieht die Realität nicht anders aus: Menschenhandel, Kriminalität, Drogensucht, Straßenstrich...?

Weil Leute einfach nur eine Realität kennen. Das heißt nicht, dass sie keine andere Realität kennenlernen möchten, sondern dass es einfach kaum Darstellungen gibt, in denen Sexarbeit als Arbeit beschrieben wird. Wenn man über Sexarbeit anders redet als sonst, wird einem automatisch Glamourization und Verschönerung vorgeworfen. Wenn ich sage, dass La Maison ein toller Ort war, wo die Frauen sich meist gut fühlten, wo die Arbeit keine Vergewaltigung war, sage ich überhaupt nicht, dass Zwangsprostitution, Drogensucht und Menschenhandel nicht existieren. Ganz im Gegenteil: Genau weil solche Sachen existieren, wirkt La Maison wie ein Wunder.

Huren tauchen oft in der Literatur, Oper oder bildenden Kunst auf. Aber sie werden aus der Sicht eines Mannes beschrieben. Autorinnen beschreiben höchstens weibliche Lust an sich. Was glauben Sie, wird Ihr Buch bewirken?

Mein einziges Ziel mit dem Buch war, dass man die Sexarbeiterinnen nicht mehr als Opfer oder Heldinnen beschreibt, sondern als Arbeiterinnen. Dass man diese Frauen wieder als Menschen erkennt, deren Realität nicht einfach nur Weiss oder Schwarz ist, sondern voller Freude und Enttäuschungen, Hoffnung und Erschöpfung, genauso wie bei jedem Menschen. Und dass die Leute, die das freiwillig machen, gar nicht durchgeknallt oder völlig krank sein müssen. Man sollte auf jeden Fall »freiwillig« neu definieren, in einer Welt, in der jeder unbedingt arbeiten und nützlich sein muss.

Am Ende von »La Maison« formulieren Sie, dass sie »zweifellos die falsche Seite dieser Geschichte gewählt« hätten und als Mann der »König der Freier« gewesen wären. Was meinen Sie damit?

Nach vielen Monaten habe ich verstanden, was ich damit gemeint habe: dass ich einfach ein besserer Mann gewesen wäre, als Männer selbst es sind. Komischerweise habe ich auch nie bedauert, dass ich kein Mann war. Ich denke, dass Frauen einfach Männer sind, die dazu noch Empathie und Resilienz haben. Durch die Vulgarität und emotionale Behinderung der Männer wurden Frauen dazu gezwungen, Poesie und Humor zu lernen.

Sie schreiben stets autofiktional. Worum wird es in Ihrem nächsten Buch gehen und werden Sie dafür wieder bis an Ihre Grenzen gehen?

Ich bin mittlerweile Mutter geworden. Wenn das nicht ein perfektes Beispiel ist, was es bedeutet, an seine Grenzen zu kommen, dann weiß ich auch nicht mehr. Ich habe schon immer gedacht, dass das Leben manchmal viel lustiger und radikaler ist als die Fiktion selbst.

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