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Wie derzeit viele Gastronomen sucht auch Juliane Färber, die das »Ritzis« betreibt, Unterstützung für ihr Team.

Personalsuche

Nach der Corona-Zwangspause: Gießener Gaststätten fehlt es an Servicekräften

  • Daniel Beise
    VonDaniel Beise
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In den Kneipen und Restaurants fehlt das Personal. Auch in Gießen suchen viele Wirte händeringend nach Unterstützung. Dass die ausbleibt, liegt auch an der fehlenden Attraktivität der Jobs.

Gießen – Sucht man auf Jobportalen nach Stellen in der Gießener Gastronomie, findet man erst mal nur eine Handvoll Gesuche nach Fachkräften. Ein gezielter Blick in die sozialen Medien aber zeigt: Es sind um die 20 Kneipen, Restaurants, Bars und Cafés, die zudem teils mehrere Leute suchen. Die schon vor der Corona-Pandemie bestehende Personalnot in der Branche verschärft sich nun mit der Wiedereröffnung akut, wie Gastwirte berichten.

Es ist deutschland- und auch weltweit eine ähnliche Entwicklung: Gaststätten mussten als erste dichtmachen und können neben der Kultur gerade als die letzten Gewerbe wieder öffnen. In sieben Monaten Lockdown konnten Aushilfen kaum gehalten werden; sie haben sich umorientiert. Für fest angestellte Fachkräfte gab es dagegen Kurzarbeitergeld. Zumindest bei ihnen gab es in der Region keine Kündigungswellen, wie Johannes Paul, Sprecher der Arbeitsagentur Gießen, bestätigt.

Personalmangel in Gießener Gaststätten: Alle suchen nun gleichzeitig

Hessenweit sind es laut dem Branchenverband Dehoga seit April 2020 schon zwölf Prozent weniger sozialversicherungspflichtig Beschäftigte. »Das zeigt deutlich, wie viele die Branche verlassen haben«, sagt Julius Wagner, Hauptgeschäftsführer des Verbands in Hessen. Samt fehlender Aushilfen sei die Not »massiv«.

Ricardo Evert, der das Bar-Restaurant »Who killed the pig« am »Alten Schlachthof« betreibt, kann verstehen, dass viele Kellnerinnen und Barkeeper ihre neuen Nebenjobs jetzt nicht kündigen, um ins »nach wie vor ja unsichere« Gastgewerbe zurückzukommen. Evert musste seine Minijobber wegen der Krise freistellen, nun sucht er wieder welche mit Erfahrung. Die Hälfte der Belegschaft sei weg.

»Das war schon immer ein Bereich, wo nicht ideal bezahlt wird«, erläutert der Gastronom und fügt an: »Wir zahlen zwar über Mindestlohn, aber in den vergangenen Jahren haben immer weniger die Motivation, in der Gastronomie zu arbeiten.« Das sagen viele Wirte. »Gleichzeitig gibt es in Hessen unglaublich viele offene Stellen insbesondere für Fachkräfte«, betont Verbandschef Wagner.

Gießen: Studierende fehlen den Restaurants und Bars

»Schon vor Corona war es schwer, Leute zu finden, die am Wochenende oder nachts arbeiten«, berichtet Marian Radovcic von der »Zwibbel«. »Und da nun alle gleichzeitig suchen, macht es das noch schwieriger.« Sein Aushilfs-Team sei größtenteils zurückgekommen, doch auch er nehme gerne noch welche auf.

»Es gibt kaum Reaktionen auf unsere Jobanzeige«, erzählt auch Alisha Wutschka, Assistentin von Ismail Yeniay, der das »Paprica« und die »Brasserie zum Gambrinus« betreibt. »Das war vor einiger Zeit noch vollkommen anders.« Das Unternehmen beschäftigt viele Studierende. Aufgrund des engen Kundenkontakts seien viele zudem nach wie vor vorsichtiger.

Und ein weiteres Problem kommt hinzu: Einige Studierende haben ihre Wohnungen oder WG-Zimmer gekündigt und sind kostensparend erst mal wieder ins Elternhaus zurück. »Ja, das haben wir auf jeden Fall auch mitbekommen«, untermauert Pascal Meyer, Chef im »Mr. Jones« am Bahnhof. Er suche »händeringend« nach Leuten in Voll- und Teilzeit sowie Minijobber.

Viele Gaststätten in Gießen suchen Service-Kräfte

Bei den überschaubaren Bewerbungen seien nun außerdem vermehrt Neulinge dabei, die noch nie Berührung mit einem Gastro-Job hatten, erzählt »Ritzis«-Chefin Juliane Färber. Da komme natürlich die Einarbeitungsphase hinzu, wozu wiederum anfänglich mehr Profis notwendig sind - bzw. mehr von ihrer Zeit. Viele seien abgesprungen oder - teils ohne abzusagen - nicht zum Vorstellungsgespräch erschienen.

Färber erzählt weiter: »Zwei Krankenschwestern haben sich bei uns zum Kellnern einmal in der Woche beworben. Weil ihnen das Geld hinten und vorne nicht reiche, haben sie gesagt.

Viele weitere suchen neben den erwähnten Gaststätten in Gießen Service-Kräfte: »Apfelbaum«, »Knossos«, »Golden Plaza«, »Ulenspiegel«, »Bootshaus«, »Türmchen« - um nur ein paar zu nennen.

62 Milliarden Euro Verlust für Branche

62 Milliarden Euro hat die Branche laut Dehoga inklusive Hotellerie im ersten und zweiten Lockdown deutschlandweit verloren. Zum Vergleich: 2019 lag der Umsatz bei 94 Milliarden Euro. 325 000 Mitarbeiter sind gegangen - dabei waren die Beschäftigtenzahlen im Jahrzehnt zuvor stetig gestiegen.

»Viele Betriebe reduzieren ihre Öffnungszeiten, weil es nicht rentabel ist und schlicht das Personal fehlt«, weiß Verbandsvertreter Wagner von Dehoga Hessen. Einer nach dem anderen suche im Zuge der Wiedereröffnungen nun vor allem auf Social Media nach Unterstützung. »Das ist wohl in allen größeren Städten so.«

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