Lebenslänglich, besondere Schwere der Schuld, Sicherheitsverwahrung: Wegen dreifachen Mordes muss die Frau aus Aachen für viele Jahre hinter Gitter.
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Lebenslänglich, besondere Schwere der Schuld, Sicherheitsverwahrung: Wegen dreifachen Mordes muss die Frau aus Aachen für viele Jahre hinter Gitter.

Fall Riconelly

Die Serienmörderin: Morde aus Habgier in Gießen und Düsseldorf

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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Die 36 Jahre alte Tuba S. soll in Gießen und Düsseldorf drei Menschen aus Habgier ermordet haben. Verurteilt wurde sie, doch gestanden hat sie nie.

Gießen - Dass Frauen töten, kommt selten vor. Dass sie dann mit roher Gewalt drei Tötungsdelikte begehen, ist wohl eine noch größere Ausnahme. Tuba S. ist so eine Ausnahme. Nur dank der akribischen Arbeit der Gießener Ermittler kann die Serienmörderin 2018 verurteilt werden.

Und dann muss Tuba S. doch noch weinen. Die 36 Jahre alte Frau ist während des im Januar 2017 eröffneten Prozesses am Landgericht Gießen meist teilnahmslos geblieben. Als ob sie das alles nichts anginge. Dabei wird ihr vorgeworfen, zwischen April und Mai 2016 den ehemaligen Zauberkünstler Riconelly alias Erich Noll in Gießen sowie eine Frau und deren Tochter in Düsseldorf aus Habgier mit bloßen Händen ermordet zu haben. Tuba S. also vergießt im Gerichtssaal bittere Tränen. Weil Noll in seinem Tagebuch schreibt, dass sie ihn bestohlen hat. Und weil aus ihrem Antwortbrief vorgelesen wird, in dem sie den Rentner beschuldigt, sich auf ihre Kosten bereichern zu wollen. Die Schilderungen ihrer drei Morde hingegen lässt Tuba S. stoisch über sich ergehen.

Auch deshalb wird ein psychiatrischer Gutachter sie später als Psychopathin bezeichnen und das Gericht eine lebenslange Haftstrafe mit anschließender Sicherungsverwahrung aussprechen. Damit ist Tuba S. eine der wenigen Frauen, die in Deutschland nicht auf Bewährung freikommen werden.

Der 3. April 2016 ist ein Sonntag. Um 7.11 Uhr geht bei der Feuerwehr Gießen ein Notruf ein: In einem Mehrfamilienhaus an der Sudetenlandstraße brennt es. Die Einsatzkräfte können das Feuer unter Kontrolle bringen und entdecken in der Wohnung eine männliche Leiche. An jenem Tag ist auch Staatsanwalt Thomas Hauburger vor Ort. »Beim Eintreffen bot sich uns ein diffuses Bild«, sagt er vier Jahre nach den Ereignissen, »weil ein Unfall nicht ausgeschlossen werden konnte.« Zum Beispiel fanden sich keine Aufbruchsspuren an der Tür.

Der 79 Jahre alte Tote ist in Gießen kein Unbekannter: Noll hatte sich einen kleinen Namen als Zauberkünstler Riconelly gemacht. Zudem war er 2003 wegen des sexuellen Missbrauchs von zehn Jugendlichen zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden. Zu dieser Zeit war der alleine in der Nordstadt lebende Mann auf Krücken angewiesen. Könnte er mit einer Zigarette eingeschlafen sein und so den Brand ausgelöst haben?

Diese Frage kann nach der Obduktion mit Nein beantwortet werden: Die Rechtsmedizin der Uni Gießen entdeckt massive Spuren der Gewalt gegen den Hals und den Oberkörper des Rentners. Damit ist klar: Noll wurde getötet und das Feuer sollte die Tat verdecken. Früh wird über einen Raubmord spekuliert: In der Nachbarschaft hatte Noll oft geprahlt, er habe viel Geld.

Mit diesem Bild der Verdächtigen suchte die Polizei nach Zeugen in Düsseldorf.

Eine Sonderkommission nimmt ihre Arbeit auf und beginnt mit Ermittlungen im nahen Umfeld des Toten. Zu Beginn gerät ein Mann in den Blick, der als Ziehsohn von Noll gilt. Doch ein Motiv kann bei ihm nicht festgestellt werden. Dann werden auch alte Nachbarn befragt – darunter auch die damals 34-jährige Tuba S., die in Aachen lebt.

Bei ihrer Vernehmung habe sich Tuba S. zugewandt und auskunftsfreudig gezeigt, erinnert sich Hauburger an seine erste Begegnung mit ihr. »Weil ihre Angaben so ausführlich waren, gab uns das die Möglichkeit, vieles zu überprüfen.« So schickt Tuba S. den Ermittlern den Screenshot eines Kontoauszugs, um zu beweisen, dass sie zur Tatzeit nicht am Tatort gewesen sei. Doch es ist für Polizei und Staatsanwaltschaft ein Leichtes, den Auszug als wenig professionelle Fälschung zu erkennen. »Ein Verhalten wie das von Tuba S. ist mit einem hohen Risiko verbunden«, sagt Hauburger, »und es zeigt: Es gibt nicht den perfekten Verbrecher.«

Viele Indizien sprechen dafür, dass Tuba S. etwas mit dem Mord an Noll zu tun hat: Zwei Jahre zuvor hatte sie ihm als Nachbarin 3000 Euro aus der Brieftasche gestohlen, wovon sie ihm 1900 Euro zurückzahlte. Dennoch zeigte sie der Rentner wegen Diebstahls an. Die Ermittler finden an einem Finger des Toten eine komplexe DNA-Mischspur, die Tuba S. zugeordnet wird. Sie war zur Tatzeit mit ihrem Smartphone in einer Funkzelle nahe des Tatorts eingebucht. Die Aachenerin wird Ende Mai 2016 vorläufig festgenommen; sie bestreitet aber die Vorwürfe.

Die Gießener Ermittlungsbehörden lassen am 25. Mai die Wohnung von Tuba S. in Aachen durchsuchen. Dabei machen sie einen Zufallsfund: Sie finden zwei in einer Taschentuchpackung versteckte EC-Karten der Volksbank Düsseldorf sowie eine Schmuckschatulle. »Im Rahmen von Durchsuchungen sind solche Zufallsfunde nicht selten und sehr wichtig«, sagt Hauburger. Die Gießener nehmen mit ihren Düsseldorfer Kollegen Kontakt auf, um mehr über die beiden Frauen zu erfahren, denen die Bankkarten gehören. Hauburger sagt: »Uns ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht in den Sinn gekommen, dass dies auf weitere Tötungsdelikte hindeuten könnte.«

Doch die Nachricht der Polizei in der nordrheinwestfälischen Landeshauptstadt lässt die Gießener aufhorchen: Bei den Karteninhaberinnen handelt es sich um eine 86 Jahre alte Frau und deren 58-jährige Tochter. Sie wurden am 10. Mai tot im Stadtteil Bilk aufgefunden. Die Düsseldorfer Ermittler gehen von einem erweiterten Suizid aus, weil sich in einem aufgeklappten Sudokuheftchen die Worte »Es tut mir leid, Mama« fanden. Doch bereits die dortige Rechtsmedizin hatte den Sachverhalt anders eingeschätzt.

In Gießen ordert die Soko die Akten des Düsseldorfer Falls und ist sich schnell sicher: Der von den Kollegen angenommene Suizid ist ein Doppelmord. Dafür sprechen auch die Aufzeichnungen der Videokameras aus einer Filiale der Düsseldorfer Volksbank. Darauf zu sehen ist eine mit Schals vermummte, kleine und stämmige Person, die am 7. Mai mit den beiden EC-Karten an einem Automaten Geld abhebt. »Die Statur dieser Person«, sagt Hauburger, »hat an die von Tuba S. erinnert.«

Man muss sich das einmal vorstellen: Am 2. April überwältigt Tuba S. gegen 17 Uhr Riconelly in dessen Wohnung, kniet sich auf ihn und erwürgt ihn mit bloßen Händen. Sie verlässt die Wohnung und kehrt später wieder zurück, um den Brand zu legen. Anfang Mai wird Tuba S. von der Gießener Polizei vernommen. Nur wenige Tage später spricht sie in Düsseldorf eine vermutlich wildfremde Frau auf der Straße an und hilft ihr dabei, die Einkäufe in deren Wohnung zu tragen. Dann erwürgt sie die 86-Jährige mit einem Halstuch. Als die Tochter hinzukommt, überwältigt Tuba S. sie, flößt ihr gewaltsam ein Medikament ein, mit dem die 58-Jährige wehrlos ist, aber noch die Geheimzahl der Bankkarten verraten kann. Dann erstickt Tuba S. sie mit einem Kissen. Am Tatort manipuliert sie Spuren und hebt dann Geld von den Konten ab – mit den Halstüchern ihrer Opfer vermummt.

Ist Tuba S. wirklich fähig zu einer solchen Kaltblütigkeit? Hauburger sagt, er habe sich abgewöhnt, Menschen eine Tat zuzutrauen – oder eben nicht. »Was zählt, sind die objektiven Beweise. Aber die Indizien sprechen ganz eindeutig gegen diese Frau.«

Die Beweislast ist erdrückend, auch wenn Tuba S. die Tat bis heute nicht gestanden hat. In dem Indizienprozess wird ihr Leben bis ins kleinste Detail beleuchtet: Eine schwierige Kindheit und vor allem Probleme mit der Mutter, welche die Homosexualität ihrer Tochter nie akzeptieren wollte. Nach einem abgebrochenen Studium der Medizintechnik an der Technischen Hochschule Mittelhessen in Gießen versucht es Tuba S. mit einer Ausbildung zur Krankenschwester. Dort wird sie entlassen, weil sie Patienten und Mitarbeitern Geld sowie in der Klinik Medikamente stiehlt. Die Morde habe die verschuldete Tuba S. aus Habgier begangen, ist sich das Gericht unter dem Vorsitz von Richterin Regine Enders-Kunze sicher. Der psychiatrische Gutachter Dr. Tobias Krusche hält die Angeklagte für gefährlich. Sie sei schuldfähig, habe sich innerhalb kurzer Zeit von einer Diebin zu einer manipulativen Dreifachmörderin entwickelt. Ihr fehle Empathie; stattdessen habe sie, wie für Psychopathen typisch, die Schuld bei anderen gesucht.

124 Zeugen sowie elf Sachverständige werden in dem Prozess am Landgericht Gießen gehört. Am Ende lautet für Tuba S. Ende Januar 2018 das Urteil: Lebenslänglich mit anschließender Sicherungsverwahrung. Weil die Gießener Ermittler sich nicht zufrieden gegeben haben. »Man muss, besonders wenn es um einen Mord geht, sehr akribisch arbeiten«, sagt Hauburger. »Man muss wirklich jeden Stein umdrehen, und das haben wir getan.« Es hat sich ausgezahlt. (Kays Al-Khanak)

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