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Serie »Mord verjährt nicht«

Als ein Vater aus Gießen den Dealer seiner Tochter tötete

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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Als der Wiesecker Rolf S. erfährt, dass seine Tochter harte Drogen konsumiert, will er den mutmaßlichen Drogenhändler zur Rede stellen. Im Appartement von Michael E. kommt es zu einem folgenschweren Streit. An dessen Ende ist der 31-jährige Dealer tot.

Für manche Väter mag es schwer genug sein, wenn ein anderer Mann ins Leben seiner Tochter tritt. Wenn dann noch der Verdacht besteht, dass dieser Mann die Tochter mit Drogen abhängig gemacht hat - wie würden Väter dann reagieren? Der Unternehmer Rolf S. aus Wieseck fährt im Februar 1996 zum Dealer und Partner seiner Tochter und will ihn zur Rede stellen. Am Ende liegt der 31 Jahre alte Michael E. tot in seinem Appartement an der Hindemithstraße.

Am Montag, 5. Februar 1996, klingelt bei der Gießener Polizei das Telefon. Der 51 Jahre alte Rolf S. ist am Apparat. Der Selfmademillionär und Bauunternehmer sagt, er wolle Michael E. wegen Drogenhandels anzeigen. Dieser habe ein Verhältnis mit seiner 25-jährigen Tochter und sie heroinabhängig gemacht. Den Ermittlern ist der 31-Jährige nicht unbekannt: Er ist wegen diverser Delikte vorbestraft. Am Tag darauf taucht Rolf S. mit seiner Tochter im Präsidium auf; die junge Frau und Mutter sagt umfassend aus. Doch bevor die Polizei Michael E. konfrontieren kann, kommt Rolf S. noch am selben Tag auf die Idee, den Mann zu besuchen.

Der Unternehmer lässt sich vormittags von einem Bekannten in die Hindemithstraße fahren. Da hat er bereits Alkohol getrunken; ein Bewohner des Hauses, dem der 51-Jährige begegnet, bezeichnet ihn als »granatenvoll«. »Mach keinen Scheiß«, soll der Bekannte Rolf S. beim Aussteigen noch gesagt haben. Der kennt ihn seit 20 Jahren und weiß um dessen aufbrausende Art unter Alkoholeinfluss. Dieser habe nur geantwortet: »Wir werden das wie Männer austragen.«

Was danach im Appartement 57 genau passiert, wird ein Jahr später Inhalt eines aufsehenerregenden Prozesses am Landgericht Gießen sein. Auf der einen Seite ist da Rolf S.: Er sagt, er habe aus Notwehr gehandelt. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm »lediglich« Totschlag vor. Die Familie von Michael E., die als Nebenkläger auftritt, ist auf eine Verurteilung wegen Mordes aus. Dass Rolf S. mit dem Frankfurter Rechtsanwalt Ulrich Koch einen harten Verteidiger engagiert hat und die Frankfurter Anwältin der Nebenklage, Gabriele Steck-Bromme, ähnliche Geschütze auffahren kann, garantiert nicht unbedingt ein geräuschloses Verfahren.

Fakt ist: Rolf S. taucht direkt nach der Tat bei seiner Sekretärin auf, die in der Nähe der Hindemithstraße wohnt. Sie erzählt im Zeugenstand: »Plötzlich stand er mit dem Messer bei mir in der Wohnung.« Er habe apathisch gewirkt, sei betrunken gewesen und habe versucht, seinen Anwalt anzurufen. Dabei sei ihm ständig der Hörer aus der Hand gefallen. Dann meldet er sich bei der Polizei, gesteht die Tat und kündigt an, sich stellen zu wollen. Kurze Zeit später wird er festgenommen.

Ein Streifenwagen wird nach dem Anruf von Rolf S. in die Hindemithstraße geschickt. Ein Polizist findet Michael E. mit gespreizten Beinen auf dem Boden sitzend auf, das Hemd zerfetzt und blutdurchtränkt. Die Rechtsmedizin zählt sieben Stichwunden. Das Tatwerkzeug ist ein Küchenmesser mit einer 16 Zentimeter langen Klinge, die Todesursache Verbluten.

Wer sind die beiden Männer? Wie konnte die Situation derart eskalieren? Auf die Beantwortung dieser Fragen verwendet die Strafkammer viel Zeit; am Ende werden es 19 Prozesstage mit 33 Zeugen, fünf Sachverständigen und zwölf Gutachten sein.

Rolf S. gibt an, er habe erst zwei Tage vor der Tat von der Drogenabhängigkeit seiner Tochter erfahren, wäre aber seit einem Jahr über die Machenschaften von Michael E. informiert gewesen. Die Tochter habe ihre Bausparverträge gekündigt, Schmuck verkauft und ein dickes Minus auf dem Konto gehabt, um den Drogenkonsum zu finanzieren. Außerdem habe Michael E. mit ihrem Auto wohl Drogen in den Niederlanden besorgt.

Zweck seines Besuchs an jenem Februarvormittag sei es gewesen, die Drogen in der Toilette herunterzuspülen. Der Streit sei eskaliert, woraufhin der 31-Jährige plötzlich ein Messer in der Hand gehalten habe. Rolf S. will ihm dieses entrissen und in Todesangst und Panik zugestochen haben.

Für einen Bekannten des Unternehmers könnte dieses Verhalten zum wegen Betrugs vorbestraften Rolf S. passen: Wenn dieser getrunken habe, sei er wie ein gehetztes Tier mit Todesangst gewesen. Andere Zeugen beschreiben ihn als Chef, mit dem es immer wieder Streit gegeben habe.

Mehrere Zeugen stellen Michael E. kein gutes Zeugnis aus. Eine Ex-Partnerin erzählt, auch sie habe er mit Heroin versorgt, sie aber gleichzeitig davor gewarnt. Zusammen hätten sie eine Tankstelle überfallen, weil ihnen das Geld für den Stoff ausgegangen sei. Die Mutter einer weiteren ehemaligen Freundin von Michael E. sagt aus, ihre Tochter sei infolge des Heroinkonsums gestorben. Auf die Frage, ob sie nicht eingegriffen habe, sagt sie: »Ich habe alles Menschenmögliche getan.«

Dennoch scheint sich der Prozess zugunsten der Nebenkläger zu entwickeln. Denn plötzlich taucht ein Vorhang auf, an dem erst Tage nach der Tat Durchstechungen und Blutspuren festgestellt worden sind. Es scheint so, als habe sich Michael E. hinter dem Vorhang versteckt, als er tödlich verletzt wurde. War es also doch ein heimtückischer Mord? Kritik an der Polizei wird laut, weil dieses Beweismittel der Spurensicherung wohl durch die Lappen gegangen sein muss. Das Gericht veranlasst weitere Untersuchungen, die aber wenig Licht ins Dunkle bringen.

Doch schon zu diesem Zeitpunkt wachsen beim Gericht die Zweifel: Die Mutter von Michael E. muss zugeben, dass sie an den Vorhängen mit einem Papiertuch herumgewischt hat - und zwar nach der Tat. Und: Die Löcher im Vorhang sind erst gefunden worden, als der Vater von Michael E. die Einstichmuster am Körper seines Sohnes kannte. Nachdem Staatsanwalt Karl-Heinz Schmidt bereits sein Plädoyer gehalten hat, stellt der Anwalt von Rolf S. den Antrag zur Wiederaufnahme der Beweisführung. Ihm ist auf den Tatortfotos aufgefallen, dass hinter den Vorhängen noch Gardinen hingen. Also müssten die auch durchstochen worden sein, wenn sich das Opfer wirklich dahinter versteckt hat.

Der Prozess endet mit einem Paukenschlag: Rolf S. wird freigesprochen. Seine Darstellung, in Notwehr gehandelt zu haben, sei nicht zu widerlegen. Außerdem bestehe der dringende Verdacht, dass die Familie des Opfers Beweise nachträglich manipuliert hat, um einen Verurteilung von Rolf S. wegen Mordes zu erreichen. »Im Laufe des Verfahrens haben sich durch das Verhalten der Eltern und des Bruders des Opfers Zweifel bei der Kammer festgesetzt, die den Beweiswert des Vorhangs betreffen«, erklärt Richter Holger Gaßmann. Das Gericht sehe die Tragik der Ereignisse für die Familie. Gaßmann rät den Verwandten aber, den Verlust auch mit Hilfe eines Therapeuten zu verarbeiten.

Rolf S. nimmt den Freispruch ohne erkennbare Regung auf. Er ist mittlerweile verstorben.

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