Das Kraftvolle an ihr kann man hören, nicht sehen: Viola Wilmsen. Foto: Anna Klemm
+
Das Kraftvolle an ihr kann man hören, nicht sehen: Viola Wilmsen. Foto: Anna Klemm

Die sensitive Virtuosität

  • Manfred Merz
    vonManfred Merz
    schließen

Im Stadttheater steht das Sinfoniekonzert erneut im Zeichen der Pandemie. Solistin Viola Wilmsen verzaubert das Publikum dennoch. Das Orchester spielt prächtig auf.

Auch für das zweite Sinfoniekonzert der laufenden Spielzeit galt am Dienstag: Pandemiebedingt ist die Zahl der Besucher stark reglementiert, weshalb zwei Vorstellungen anberaumt werden. Unter der Leitung von Generalmusikdirektor Florian Ludwig präsentiert das Philharmonische Orchester jeweils die Sinfonie Nr. 1 c-Moll von Johannes Brahms, in der ersten Vorstellung ergänzt durch das Oboenkonzert D-Dur von Richard Strauss. Danach stellt Ludwig dem Brahms die "Sept nouvelles variations" des zeitgenössischen Komponisten Alois Bröder an die Seite.

Die Aufteilung des Programms liegt an der Länge der einzelnen Werke, die in Summe coronabedingt derzeit nicht hintereinander aufgeführt werden dürfen. Nach Angaben des Theaters hat der Hessische Rundfunk beide Teile mitgeschnitten. Im Radio sollen alle drei Kompositionen zu hören sein. Dieser Text bezieht sich auf das erste Konzert des Abends.

Auf der Bühne steht die Solistin Viola Wilmsen (und nicht wie vorn im Programmheft notiert Viola Solmsen). Die junge Oboistin, Jahrgang 1985, verzaubert das Publikum durch ihre gleichermaßen sensitive wie kraftvolle Virtuosität.

Die ersten drei Sätze des spätromantisch anmutenden Konzerts für Oboe und kleines Orchester D-Dur von Strauss aus dem Jahr 1945 gehen nahtlos ineinander über, lediglich vor dem Schlussdurchgang existiert eine Fermate. Das erfordert Konzentration und Kondition. Das Orchester nimmt sich unter Ludwigs auf Harmonie bedachtem Dirigat immer wieder zurück und lässt der Oboe Raum zur Entfaltung. Wilmsen zieht alle Register ihres Könnens. Die endlosen Läufe absolviert die Künstlerin in einem atemberaubenden Tempo, bei dem die Nuancen hin und wieder ein wenig auf der Strecke bleiben. Strauss nannte sein Konzert nicht ohne Grund eine "Werkstattarbeit" - in die Furchen der Kompositionshistorie haben im Lauf der Epochen einige Tondichter ihren Samen für das feinste aller Holzblasinstrumente gesät, ohne ihn auf Dauer zum Erblühen zu bringen.

Wilmsen ist seit 2012 Solo-Oboistin des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin. Zuvor war die "Echo Klassik"-Preisträgerin in gleicher Position drei Jahre an der Deutschen Oper der Bundeshauptstadt aktiv. Ausführlicher Applaus ist der Virtuosin am Dienstag gewiss. Als Zugabe spendiert sie den "Pan", das erste Stück aus den "Sechs Metamorphosen nach Ovid" von Benjamin Britten.

Seidig feine Präzision

Ludwig betätigt sich am Abend neuerlich als gut gelaunter Moderator und liefert erklärende Hinweise zu den Stücken. Das gesamte Konzert stellt er unter den Titel "Inspiration". Zur Sinfonie Nr. 1 c-Moll op. 68 von Brahms aus dem Jahr 1876 erwähnt der Dirigent auch den Namen Beethoven. Brahms habe dessen Stil nicht nur "assimiliert", sondern auch weitergeführt. Und tatsächlich klingt der elegante erste Satz immer dann am schönsten, wenn er auf Beethoven verweist. Brahms offenbart hier eine ungebändigte Leidenschaft, ohne sich mit seinem Kontrahenten Wagner zu messen.

Das Ensemble musiziert in den Ecksätzen unter Ludwigs raumgreifender Führung mit seidig feiner Präzision und belässt es in den beiden Mittelteilen beim geduldigen Herantasten und gediegenen Ausformulieren. Das Finale erinnert erneut an Beethoven und dessen Forderung, eine Moll-Sinfonie in der gleichnamigen Dur-Tonart enden zu lassen, weshalb Brahms nach einem langsamen Beginn um das strahlende C-Dur nicht herumkommt. Solider Applaus für ein prächtiges Orchester.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare