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Der Blick aus dem Fenster muss reichen. Viele Menschen leiden unter den anhaltenden Kontaktbeschränkungen. ARCHIVFOTO: SCHEPP

Corona-Pandemie

Senioren in Gießen leiden stark unter Isolation

  • Christine Steines
    VonChristine Steines
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Die häusliche Isolation wegen Corona zermürbt derzeit Alt und Jung. Besonders alten Menschen fehlen Kontakte. Sozialarbeiter und Pfarrer in Gießen beobachten das mit Sorge.

Gießen – Leere Tische, leere Stühle. Im Gemeinderaum der Johannesgemeinde trifft sich normalerweise der Bibelkreis. Doch normalerweise gibt es seit einem Jahr nicht mehr. Pfarrer Michael Paul zeigt bedauernd in den verwaisten Raum. „Ich weiß, wie sehr den Menschen die Zusammenkünfte fehlen“. Die Senioren kommen nicht nur, um miteinander zu beten und zu singen. Es gibt auch „Erzählches“ nebenbei. „Was macht das Knie?, wie geht’s den Kindern?, ich habe einen tollen Film gesehen“ – der ganz normale Austausch, der wichtig ist für ein soziales Wesen wie den Menschen. Pfarrer Paul ruft „seine“ Senioren an, und wenn sie das wünschen, besucht er sie. Er ist als Seelsorger auch häufiger Besucher im Johannesstift und nimmt sehr genau wahr, wie die Situation den alten Menschen zusetzt. Er kümmert sich, er weiß, dass den gläubigen Menschen ein Gespräch mit dem Pfarrer guttut. Aber er weiß auch, dass der Zuspruch kein Ersatz ist für die früher übliche Geselligkeit, nach der sich alle sehnen. „Das ist schmerzlich, gar keine Frage“, sagt der Theologe.

In anderen Kirchengemeinden sieht es ähnlich aus. Besuchsdienste halten außer den Geistlichen den Kontakt, aber häufig sind auch die Ehrenamtlichen bereits im fortgeschrittenen Alter, so dass auch diese Begegnungen nicht möglich sind. Nach der Erfahrung von Pfarrer Andreas Specht, dem stellvertretenden Dekan, kümmern sich Pfarrer und Pfarrerinnen mit Engagement und Einfallsreichtum um die Menschen in ihren Gemeinden. Sie wägen ab zwischen dem Wunsch, Nähe herzustellen und der Notwendigkeit, sich und andere zu schützen.

Auch Ines Müller kennt diese Situation. Die Leiterin des städtischen Seniorenbüros weiß, wie sehr Leiter und Leiterinnen der sechs Seniorentreffs selbst darunter leiden, dass sie ihren Leuten keine Angebote machen können. Die Treffen zum Klönen, Singen oder zur Gymnastik fallen jetzt schon lange aus. Etwa 120 Senioren erreicht die Stadt mit ihren Treffs, in den Stadtteilen gibt es engagierte Runden, die Spaß miteinander haben und Ausflüge planen. Was jetzt davon bleibt, sind Einzelkontakte und immer wieder kleine Gesten, die zeigen: „Wir denken an dich, wir haben dich nicht vergessen“. Plätzchen zur Weihnachtszeit, Kräppel zur Fastnacht, ein Blümchen zu Ostern.

Auch digitale Angebote gibt es. Die werden laut Müller auch gut angenommen. Aber ein Ersatz für „echte“ Veranstaltungen sind sie eben nicht. Generell ist es ein Problem in der Seniorenarbeit, dass viele Menschen gar nicht erreichbar sind. Der Stadt ist bekannt, dass es viele Senioren gibt, die isoliert in ihren Wohnungen leben. Wenn sie dann auch noch gesundheitlich angeschlagen sind, verlieren sie völlig den Anschluss an die Welt vor der Wohnungstür.

Auch Holger Claes seufzt, wenn er an die Begleiterscheinungen der Pandemie denkt. “Das verändert uns alle„, sagt der Leiter des Diakonischen Werks. Claes ist Vorsitzender des Seniorenbeirats und kennt sowohl die Strukturen der Stadt als auch die kreativen Projekte, die es gibt, um Menschen einzubinden. Vieles liege jetzt schon viel zu lange auf Eis, beklagt er. “Der Höhepunkt der Woche ist für manche der Einkauf im Supermarkt. Das ist traurig„. Claes bedauert die Entwicklung auch deshalb, weil sie vermeidbar gewesen wäre. Wenn frühzeitig auf die Virologen gehört worden wäre und es eine Verständigung auf die Linie der Bundeskanzlerin gegeben hätte, wäre die jetzige Hängepartie nicht entstanden, vermutet Claes. “Uns fehlen weitsichtige Strategien„, sagt er.

Achtsam bleiben

Einig sind sich Geistliche und Sozialarbeiter in ihrer Einschätzung, dass es durchaus auch Senioren gibt, die mit der Situation gut zurecht kommen - insbesondere dann, wenn sich ihr Alltag nicht stark verändert hat. Wer vorher bereits zurückgezogen gelebt hat, leidet nicht unter Kontaktbeschränkungen. Da alte Menschen keine homogene Gruppe sind, ist auch der Umgang mit einer Krise unterschiedlich. Es gibt, das bestätigt Müller, durchaus auch Senioren, die das Ganze nach dem Motto “Wir haben schon ganz andere Probleme bewältigt„, gut und mit großer Zuversicht wegstecken.

Eine Hoffnung auf Besserung wird es dann geben, wenn ein Großteil der Bevölkerung geimpft ist. Dann wird in die Seniorentreffs wieder Leben einziehen und auch der Bibelkreis der Johannesgemeinde wieder tagen. Auf diesen Raum freut sich übrigens auch die iranische Communitiy. Die Christen sehnen sich nach einem Wiedersehen - wie so viele.

“Wir alle sollten achtsam bleiben und schauen, wer in der Nachbarschaft Hilfe und ein gutes Wort gebrauchen könnte„, rät Holger Claes, der Vorsitzende des Seniorenbeirats. Infos rund um die Seniorenarbeit in Gießen gibt es im Seniorenbüro. Tel. 0641/306-2062, E-Mail: seniorenbuero@giessen.de

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