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Seltener Schmetterling muss Bauprojekt in Gießen weichen: Population verschwindet

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Von: Christoph Hoffmann

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Die Schmetterlinge, die hier gelebt haben, sind umgesiedelt worden.
Die Schmetterlinge, die hier gelebt haben, sind umgesiedelt worden. © Oliver Schepp

Für ein umstrittenes Bauprojekt muss ein seltener Schmetterling weichen. Laut Naturschützern soll die Population durch die Umsiedlung stark zurückgegangen sein.

Gießen – Der Ameisenbläuling ist ein seltener Schmetterling. Auf den Wiesen „In der Roos“ in Gießen-Rödgen* gab es ihn aber, sogar zwei Arten. Wegen des dort geplanten Baugebiets wurden die Falter jedoch umgesiedelt. Der NABU betont nun, durch die Aktion sei eine der Arten verschwunden, die andere deutlich zurückgegangen. Die Stadt sieht das anders.

In Rödgen kollidieren zwei emotionsgeladene Themen: Umweltschutz und der Bedarf an Wohnraum. „In der Roos“, einer Wiesenfläche mitten im Dorf, soll ein Baugebiet entstehen. Dagegen wehren sich jedoch jene Rödgener, die in den Wiesen ein Naherholungsgebiet sehen. Um das Areal erschließen zu können, ließ die Stadt ab Sommer 2020 den auf den Wiesen ansässigen Ameisenbläuling einfangen und auf die außerhalb des Ortes gelegenen Krebswiesen bringen. Doch diese Umsiedlung ist offenbar gescheitert. Diese Meinung vertritt zumindest der NABU Hessen.

Gießen: Population der Schmetterlinge geht nach Umsiedlung zurück

„Der Versuch, in Rödgen zwei seltene, zu den Bläulingen gehörende Tagfalterarten von der Fläche In der Roos wegzufangen und auf die Krebswiesen umzusiedeln, hat wohl zum Erlöschen der Population einer der Arten, des Hellen Wiesenknopf-Ameisenbläulings geführt“, teilt der Naturschutzbund mit und beruft sich dabei auf ein im Januar vorgelegtes Gutachten der Stadt Gießen. Auch ein Erfolg der Umsiedlung für die zweite Art, den Dunklen Wiesenknopf-Ameisenbläuling, sei eher unwahrscheinlich: „2020 waren insgesamt 396 Schmetterlinge gefangen und zu den Krebswiesen gebracht worden, wo es bereits 384 Tiere gab. Eine Nachkontrolle 2021 zeigte dort aber keinen Anstieg der bereits vorhandenen Population, sondern einen Rückgang auf 246 Tiere.“

Laut NABU wurden in der Roos im Jahr 2020 nur noch fünf Exemplare der Hellen Bläulinge gefangen und umgesiedelt. 2021 sei auf den Krebswiesen kein einziges Individuum dieser Art nachzuweisen gewesen. „Auf jeden Fall ist kein Anstieg der Falterzahlen, sondern ein Rückgang und somit keine erfolgreiche Umsiedlung erkennbar“, sagt Gerhard Eppler, Landesvorsitzender des NABU. Es müsse endlich Schluss gemacht werden mit dem Umsiedlungsexperiment. Er forderte die Stadt auf, von der Planung des Baugebietes abzusehen.

Die liegt momentan ohnehin auf Eis. Die Koalition aus Grünen, SPD und Gießener Linke ist im September 2021 einem Antrag der Oppositionsfraktion Gigg/Volt gefolgt und hat die Weiterarbeit am Rödgener Baugebiet beendet. Nach dem Beschluss darf mit der Erschließung erst begonnen werden, wenn ein beim Verwaltungsgerichtshof in Kassel anhängiges Normenkontrollverfahren, das der Rödgener Ortslandwirt und Besitzer der Wiesen, Konstantin Becker, im Mai 2020 angestrengt hatte, abgeschlossen ist.

Seltener Schmetterling verschwindet in Gießen: Umsiedlung oder Wetter schuld?

Abgesehen davon teilt die Stadt die Einschätzung des NABU nicht. „In Voruntersuchungen aus 2014, 2018 und 2019 war die Population des Hellen Ameisenbläulings im Gebiet In der Roos stark rückläufig, er wurde 2019 überhaupt nicht mehr gefunden“, teilt Stadtsprecherin Claudia Boje mit und fügt an: „Das heißt, aus unserer Sicht war die Population dort schon natürlicherweise am Erlöschen.“ Dass 2020 überhaupt noch fünf Exemplare gefunden und umgesiedelt werden konnten, sei der intensiven täglichen Suche der beauftragten Biologen zu verdanken. „Der Helle Ameisenbläuling ist leider in seinem Erhaltungsstand stark gefährdet“, sagt Boje und verweist auf eine Untersuchung des Hessischen Landesamts für Naturschutz, Umwelt und Geologie aus dem Jahre 2020. „Dies ist aber ein überregionales Problem und nicht der Umsiedlung einer Rest-Population von fünf Exemplaren geschuldet.“

Hinzu kommen, und das werde auch in dem vom NABU angesprochenen Gutachten ausgeführt, die vergleichsweise ungünstigen Witterungsbedingungen 2021. »“Umstand, dass die Bläulinge auf die Witterungsverhältnisse empfindlich reagieren, ist nicht ungewöhnlich“, betont Boje und verweist auf ein Bundesstichprobenmonitoring aus 2016, wonach die Varianz bei solchen Zählungen höchst unterschiedlich ausfallen könne.

Der Naturschutzbund sieht dennoch die Umsiedlung als Grund für die Misere. Gerade bei den hoch spezialisierten Bläulingen seien die Ansprüche an den Lebensraum sehr hoch, vor allem mit Blick auf Nahrungsquellen, Eiablage und Raupenentwicklung. „Natur lässt sich nicht einfach nachbauen“, betont Eppler. Deshalb habe der Schutz bestehender Art-Vorkommen am ursprünglichen Standort absolute Priorität. (Christoph Hoffmann)

In der Vergangenheit gab es immer wieder Demonstrationen gegen das geplante Bauprojekt in Rödgen. Kritisiert wurde unter anderem der Verlust lebensnotwendiger Bodenfunktionen, die durch Bebauung und Versiegelung verloren gehen.

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