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Seine Geschichte erzählen statt vorlesen

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Von: Dagmar Klein

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Eva Demski © Dagmar Klein

Gießen (dkl). Es war die erste Präsenzveranstaltung des Literarischen Zentrums Gießen (LZG) nach acht Monaten Corona-Lockdown. Einlass und Sitzverteilung im KiZ brauchten daher etwas Zeit. Die Nachfrage war groß, berichtet Geschäftsführerin Janine Clemens, wohl auch wegen der bekannten Autorin Eva Demski. Sie kam nach Gießen, um aus ihrem Buch »Scheintod« zu lesen, das im Zentrum der zwölften Auflage des Frankfurter Lesefestivals »Frankfurt liest ein Buch« steht.

Das Rahmenprogramm in Frankfurt ist riesig, die Stadt am Main kann auch auf geführten Touren neu entdeckt werden. Bei einigen Lesungen nimmt Demski persönlich teil. So auch in Gießen, wo sie bei anderen Anlässen schon zu Besuch war, etwa für Interviews mit Horst Eberhard Richter.

Welchen Anlass es gab, dieses bereits 1984 erstpublizierte Buch jetzt vorzustellen, wollte Moderator Hans-Jürgen Wirth wissen, der selbst Verleger ist. Eigentlich keinen, antwortet Demski. Nur die Tatsache, dass die Organisatoren des Lesefestivals für dieses Jahr ihr Buch auswählten. Dazu gehöre auch eine Neuausgabe, was laut Nachwort die 14. Ausgabe ist. »Das hätte ich nicht gewusst. Ich zähle nicht alles durch«, sagte sie und schmunzelte.

Eine schöne persönliche Verbindung sei für sie, dass das erste Festival-Buch »Kaiserhofstraße« von Valentin Senger war. Sie kannte ihn persönlich, hat sein Skript dem Luchterhand-Verlag zur Publikation vorgeschlagen. Bevor sie ihr eigenes erstes Buch »Goldkind« dort unterbringen konnte. Ob jemand sich an »Kaiserhofstraße« erinnere, fragte sie ins Publikum. Nicht nur das, sogar daran, dass Senger zur Lesung in Gießen war. Diese Zeitung berichtete darüber. Genauso wie er wolle sie es auch machen: Nicht vorlesen, sondern erzählen. Und so geschah es weitgehend an diesem regnerischen Sommerabend im KiZ, begleitet von Jazzklängen aus dem Innenhof der Kongresshalle nebenan.

Demski wurde 1944 in Regensburg geboren, ihr Vater war der Bühnenbildner Rudolf Küfner. Die Familie zog nach Frankfurt, dort absolvierte sie ihre Schulzeit bis zum Abitur. Das Studium der Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie schloss sie nicht ab, sondern begann als Dramaturgieassistentin am Schauspiel Frankfurt. Parallel arbeitete sie als freie Verlagslektorin und Übersetzerin. 1969 bis 1977 war sie Mitarbeiterin beim Hessischen Rundfunk, machte viele Beiträge für das Kulturmagazin Titel, Thesen, Temperament. Seither lebt sie als freie Schriftstellerin in Frankfurt, ist mehrfach geehrt. In dieser politisch explosiven Zeit heiratete sie 1967 den Strafverteidiger Reiner Demski, lebte aber nur kurz mit ihm zusammen. Es war eine Zweckehe, weil der Jurist nur als Verheirateter ein Referendariat in Frankfurt bekam.

Konfrontation nach 35 Jahren

Sie ging das Arrangement ein, weil sie fasziniert war von dem »irren Vogel«, zu dem auch seine offene Homosexualität gehörte. Sie waren sich geistig nach, kreierten einen »Weltentwurf«, in dem Faulheit und Genießen eine wichtige Rolle spielten. »Und das hatte die RAF mit Sicherheit nicht in ihrer Weltsicht«, sagte sie. Es war die Zeit der ersten RAF-Attentate in Frankfurt, viele gerieten ins Visier der Behörden, auch Strafverteidiger der linken Szene.

Warum wurde Reiner Demski 1974 tot aufgefunden? Das erfuhr das Publikum bei der Erzähl-Lesung im KiZ nicht. Das Buch handelt von den zwölf Tagen nach seinem Tod bis zu seiner Beerdigung. Zwölf Tage, in denen seine junge Witwe versucht, die Lebensfacetten ihres Mannes zu klären. Das Buch schrieb Demski zehn Jahre später - und hat es danach nie wieder gelesen. Wie war das für sie, sich nach gut 35 Jahren wieder damit zu konfrontieren? »Ich dachte, es wäre besser vernarbt. Das Wieder-Einlesen war heftig.« Aber sie schafft es mit der ihr eigenen Weltsicht, die »immer eine Portion Komik bereithält«. FOTO: DKL

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