Wort zum Sonntag

Sehnsuchtsvolle Not

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Da kämpft ein Vater verzweifelt um seinen Sohn, hin- und hergerissen zwischen Hoffen und Bangen. "Ich glaube, hilf meinem Unglauben!", schreit er verzweifelt Jesus entgegen (M 9,24). Welch ein paradoxer Satz! "Ich glaube": ein Bekenntnis. "Hilf meinem Unglauben": ein sehnsuchtsvoller Hilfeschrei ob des eigenen Zweifels.

Trifft nicht dieser Satz in seiner Paradoxie die Grundspannung unseres Lebens? Gerade waren wir uns noch sicher, schon zieht es uns den Boden unter den Füßen weg. Gerade noch setze ich voller Vertrauen einen Schritt vor den anderen, und schon strauchele ich verunsichert. Kann ich dann auf Gott vertrauen? Kann ich auf ihn rechnen, wenn ich gleichzeitig zweifle? In diese Frage hinein höre ich Gott zu Mose sagen: Ich bin, der ich sein werde.

Unverfügbar für uns Menschen, undefinierbar. Aber da! Auch in unserem Zweifel. Gott entscheidet, wie und wann er sich uns zeigt: im brennenden Dornbusch, säuselnden Wind oder in der Wolke, die das Volk Israel in der Wüste begleitet und schützt. Zornig, zugewandt und zärtlich. Und sagt von sich: Ich bin, die ich sein werde.

Ich schließe daraus, dass ich ohne mein Zutun in jeder Situation meines Lebens auf Gott hoffen kann. Selbst im Zweifel begegne ich Gott, der mir in verschiedenen Bildern, Erfahrungen und Gestalten entgegenkommt. Unsere Beziehung ist dynamisch. Gott begegnet mir, wo immer ich mit meinen Freuden, Fragen und Unwägbarkeiten meines Lebens unterwegs bin: im Schon-Glauben und im Noch-Zweifeln.

Und wenn ich mich vor meinem Unglauben fürchte, nicht weiß, wohin mit mir - meine Unsicherheit gar in sehnsuchtsvoller Not mündet, so weiß ich doch wenigstens dieses: Solange meine Sehnsucht nach Hoffnung und Vertrauen nicht endet, stellst du Gott, meine Füße auf weiten Raum und trägst mich auf Adlerflügeln deiner Liebe. Möge auch Sie diese Gewissheit oder Hoffnung durch das neue Jahr begleiten!

Pfarrerin Martina Schmidt,

ev. Leiterin der Telefonseelsorge Gießen-Wetzlar

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