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Stationsleiter Tobias Kempff erläutert Kirchenpräsident Volker Jung (r.) die Abläufe auf den Covid-Stationen.

»Seelsorge unverzichtbar«

  • Christine Steines
    VonChristine Steines
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Die Pflegekräfte sind noch immer erschöpft und wissen, dass die nächste Welle kommen wird. Bereits jetzt füllen sich die Betten im UKGM mit Covid-Patienten. Kirchenpräsident Volker Jung zeigte sich bei einem Besuch beeindruckt von den Leistungen der Pflegekräfte. Gleichzeitig ist er besorgt: »Dem Gesundheitswesen darf nicht nur Effizienz zugrunde liegen.

Das ist eine große Zukunftsaufgabe.«

Manchmal sind es Kleinigkeiten, an denen die Seelsorger merken, dass Menschen am Limit sind. »Es ist die Summe der Belastungen, die sie über einen langen Zeitraum tragen müssen«, beschreibt Diakon Christoph Schäufler. Die Pflegekräfte seien in der zermürbenden Zeit der Pandemie dünnhäutiger geworden. Sie seien, so formuliert es Pfarrerin Susanne Gessner, nicht mehr so stark im Fokus der Öffentlichkeit, aber immer noch seien sie es, die das Gesundheitssystem am Laufen hielten. Und zwar nicht nur die Mediziner und Pflegekräfte auf den Covid-Stationen, sondern alle.

Volker Jung (Kirchenpräsident Ev. Kirche Hessen und Nassau) besuchte sowohl eine herzchirurgische Station als auch zwei Covid-Stationen. Anschließend tauschte er sich mit der Geschäftsleitung, der Pflegedirektion, Pflegekräften und dem Betriebsrat aus. Er zeigte sich beeindruckt von der hohen Motivation der Mitarbeiter und ihrer Flexibilität. Beides habe in der Hochzeit der Pandemie dafür gesorgt, dass die Versorgung der Patienten sichergestellt war. In den Gesprächen sei deutlich geworden, dass Seelsorge ein fester und unverzichtbarer Bestandteil im UKGM sei - auch in der Pandemie. Jung trat einer immer wieder geäußerten Kritik entgegen: »Die Kirche war zu keiner Zeit abgetaucht.« Gespräche, Zuspruch und Gebete seien sowohl für viele Mitarbeiter als auch für die Patienten eine wichtige Unterstützung. Dekan André Witte-Karp erinnerte in diesem Zusammenhang an die lange Tradition der Klinikseelsorge in Gießen: Die ökumenische Betreuung sei in allen Krankenhäusern der Stadt präsent; die Pfarrerinnen und Pfarrer seien nah bei den Menschen.

Beim Besuch des Kirchenpräsidenten blieb es nicht nur beim höflichen Austausch. Auch die drängenden Probleme wurden angesprochen. Zum einen halten immer mehr Pflegekräfte dem hohen Druck nicht stand; die Zahl der Krankmeldungen ist hoch, und immer wieder steigen Mitarbeiter ganz aus dem Beruf aus.

Das ist ein Dilemma, denn es dauert mehrere Jahre, bis Berufseinsteiger so qualifiziert sind, dass sie auf einer Intensivstation eingesetzt werden können. »Spezialisten lassen sich nicht einfach ersetzen«, sagt der stellvertretende Pflegedirektor Thomas Menzel. Einig war man sich darüber, dass diese Probleme nur lösbar sind, wenn die Rahmenbedingungen - angemessene Bezahlung und akzeptable Arbeitsbedingungen - stimmen. Dies wiederum sei mit der Profitorientierung im Gesundheitswesen schwer vereinbar. Jung: »Wir alle müssen uns dafür einsetzen, dass Pflege menschlich bleibt.«

Die vierte Corona-Welle kommt, das ist unter Experten unstrittig und im UKGM schon jetzt spürbar.

Ungeimpfte Covid-Patienten

Während im letzten Winter hauptsächlich Hochbetagte betroffen waren, sind es jetzt vielfach jüngere Menschen ohne Impfung. Bei der ersten und zweiten Welle hat es noch keinen Impfstoff gegeben, doch die aktuellen Patienten hätten sich bereits schützen können. Die Pflegekräfte schildern, dass viele dieses Versäumnis zutiefst bedauern - sofern sie dies kommunizieren könnten. Die Konfrontation mit hinsichtlich der Impfung Uneinsichtigen sei auch für die Pflegekräfte nicht einfach, gab Jung ein Stimmungsbild von den Stationen wieder. Die Arbeit bedürfe nun erst recht einer hohen Professionalität und einer stabilen mentalen Haltung. An dieser Stelle kommen wieder die Seelsorger ins Spiel, denn ihnen können sie sich auch mit solchen Konflikten anvertrauen.

Mediziner und Pflegekräfte von den Covid-Stationen appellieren an Impfverweigerer, ihre Einstellung zu überdenken. Wenn es möglich wäre, würden sie jeden einzelnen Skeptiker einladen, sich bei ihnen ein Bild von dem Leid der Patienten zu machen.

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