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Seelsorge in Corona-Zeiten

  • vonDPA
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Meist sind es persönliche Krisen, die Menschen bei der Telefonseelsorge anrufen lassen. Seit einigen Wochen kommt noch eine globale Krise hinzu. Kein Wunder, dass der Dienst derzeit gefragt ist. Auch in Gießen.

Die Kontakte zu Mitmenschen sind seit Monaten heruntergefahren. Freunde und Familienmitglieder konnten sich teils seit Wochen nicht sehen, geschweige denn in die Arme nehmen. Dazu die latente Angst, sich anzustecken: Die Folgen der Corona-Pandemie machen vielen Menschen zu schaffen. "Aber einige können damit besser umgehen als andere", sagt Martina Schmidt. Die Pfarrerin ist Leiterin der Telefonseelsorge Gießen-Wetzlar. Die Einrichtung ist so etwas wie ein Seismograf für die Empfindsamkeiten der Gesellschaft. Schmidt sagt: "Die Einsamen fühlen sich derzeit noch einsamer, die Ängstlichen noch ängstlicher."

Seit Beginn der Corona-Pandemie hat die Nachfrage nach seelsorgerischen Diensten stark zugenommen. Das berichten mehrere Verantwortliche von Krisentelefonen aus allen Teilen des Landes. Auch auf Gießen trifft das zu, sagt Schmidt. Konkrete Zahlen könne sie nicht liefern, da die Anrufversuche, bis die Hilfesuchenden einen Ansprechpartner erreichen, nicht in den einzelnen Dienststellen gezählt würden. "Aber sicherlich ist es so, dass sich derzeit mehr Menschen an uns wenden. Natürlich auch, weil die Corona-Pandemie eine Stresssituation darstellt."

Mehr Gewalt

Wer die Rufnummern 0 800-111 0 111 oder 0 800-111 0 222 der Telefonseelsorge Gießen/Wetzlar wählt, kann sicher sein, sein Anliegen vertraulich vorbringen zu können. Die ehrenamtlichen Helferfragen nicht nach Namen, Telefonnummern bleiben anonym, Inhalte werden nicht aufgezeichnet.

Dass die Wartezeit auf ein Gespräch mit dem Gießener Sorgentelefon auch in Krisenzeiten nicht allzu lange dauert, hat zwei Gründe: Zum einen arbeitet die Dienststelle in Gießen mit den Kollegen aus Marburg, Fulda, dem Main-Kinzig-Kreis und Kassel zusammen. Ist eine Leitung belegt, übernehmen die Kollegen. Zum anderen liege die gute Erreichbarkeit am Einsatz der freiwilligen Helfer, betont Schmidt: "Es hat mich sehr bewegt, wie unsere Mitarbeiter in die Verantwortung gegangen sind, als der Shutdown kam. Wir waren stets sehr gut besetzt und konnten viele Anrufe entgegennehmen."

Die Corona-Pandemie und die damit einhergehenden Beschränkungen seien dabei ein großes Thema gewesen. "Gerade Menschen, die psychische Probleme haben, sind noch stärker belastet. Dieser Rückzug, zu dem wir alle gezwungen wurden, verstärkt dieses Gefühl", sagt Schmidt. Besonders für diese Personengruppe seien die Kontaktverbote, die auch ein Treffen mit den Therapeuten untersagten, eine Ohnmachtserfahrung.

Doch nicht nur psychisch kranke Menschen hätte in den vergangenen Wochen das Sorgentelefon angerufen. "Die Normalität war ja für alle weg. Keine Schule, Angst um den Arbeitsplatz und die Existenz, Sorgen um die Familie: Das hatten wir alles."

Erfolge erleben

Ein großes Thema sei auch die Belastung auf engem Raum gewesen, sagt die Pfarrerin. In Haushalten, in denen es schon zuvor Probleme gegeben hätte, sei das besonders problematisch. "Man konnte sich ja gar nicht aus dem Weg gehen oder sich zurückziehen. Dadurch steigt auch die Gefährdung für Gewalterfahrungen." Schmidt glaubt aber, dass diese Probleme in den kommenden Wochen noch verstärkt bei den Krisentelefonen aufschlagen werden. Die Erklärung dafür liegt auf der Hand: "In solch einer Situation ist es schlichtweg nicht möglich, ein geschütztes und ungestörtes Telefonat zu führen."

Für die freiwilligen Helfer ist es nicht leicht, auf die Sorgen durch eine weltweite Pandemie passende Antworten zu finden. Das sagt auch Pfarrerin Schmidt. "Das normale Leben ist ja für alle zusammengebrochen. Alle waren Anfänger, es gab keine Profis." Dennoch hätten die Ehrenamtlichen auf ihre Ausbildung zurückgreifen und unterstützen können.

"Die Zeitungen, der Fernseher, das Internet: Alles war von Corona und Ängsten bestimmt. Wir wollten daher etwas Positives entgegensetzen. Zum Beispiel die Menschen ermuntern, den Fernseher mal auszuschalten, rauszugehen oder einen Tagesplan zu erstellen. Blumen pflücken, die Fenster putzen oder einen Freund anrufen. So verschafft man sich Erfolgserlebnisse - und denkt nicht immer nur daran, was einem fehlt."

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