Die großen Stolpersteine sind nach einer Idee von Schauspieler Roman Kurtz im Malsaal des Stadttheaters entstanden.
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Die großen Stolpersteine sind nach einer Idee von Schauspieler Roman Kurtz im Malsaal des Stadttheaters entstanden.

Aktion

Massive Steine liegen derzeit vor Häusern – den Grund sollte jeder Gießener kennen

  • Karola Schepp
    VonKarola Schepp
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Die in den Boden verlegten Stolpersteine kann man leicht übersehen. Nicht aber jene sechs großen Stolpersteine, die auf Initiative von Schauspieler Roman Kurtz noch bis zum 9. November in der Innenstadt aufgestellt sind.

Gießen – Am Anfang stand für Stadttheaterschauspieler Roman Kurtz die Beschäftigung mit dem Tagebuch der Anne Frank, das er als Kammeroper auf der taT-Studiobühne inszenierte. Dann kam Corona. Bei seinen Spaziergängen durch die Stadt fiel sein Blick immer wieder auf einige der insgesamt 168 goldfarbenen Stolpersteine, die an letzten Wohnorten von Menschen aus Gießen verlegt sind, die im Holocaust ermordet wurden. Und als dann auch noch klar wurde, dass eine der im Tagebuch von Anne Frank beschriebenen Personen ein gebürtiger Gießener war, war die Idee für ein einzigartiges Projekt geboren.

Unter dem bewusst Interpretationsspielraum lassenden Titel »Stolpern ohne Fallen - Die Worte Anne Franks erklingen in Gießen« stehen nun eine Woche lang - bis sie am 9. November nach einem Mahnmarsch zum Gedenktag abgeräumt werden - sechs überdimensionale Stolpersteine vor sechs Häusern im Innenstadtbereich und erinnern unübersehbar an das Schicksal der einstigen Bewohner.

Stein-Aktion in Gießen schlägt Brücke von Gedenken zur Kunst

Sie schlagen aber auch die Brücke vom Gedenken zur Kunst. Zu jeder Station ist ein etwa dreiminütiger Videoclip entstanden, in dem künstlerisch über den Ort assoziiert wird. Dazu sprechen in Audioaufnahmen Ensemblemitglieder des Stadttheaters Auszüge aus dem Text von Anne Frank, die so in Beziehung zum Stadtbild gestellt werden.

Aufrufen kann man die Einspieler mit dem Smartphone bei einem Stadtrundgang mittels QR-Code auf den Steinen. »Aber wir bedienen das Publikum auch analog«, betonte Kurtz bei der gestrigen Vorstellung der Aktion im größeren Kreis. Einen Stadtplan zum Rundgang gibt es im Haus der Karten und auf der Homepage des Stadttheaters. Dort kann man auch noch bis zum Ende der Spielzeit die einzelnen Videos abrufen.

Fritz Pfeffer, Sohn des Geschäftsmanns Ignatz Pfeffer, teilte sich ein Zimmer mit Anne Frank.

Auch vor dem Haus Marktplatz 11 steht nun also bis zum 9. November ein riesiger Stolperstein zusätzlich zu den im Boden verlegten Stolpersteinen zur Erinnerung an die Kaufmannsfamilie von Ignatz und Anna Pfeffer. Ihr Sohn Fritz Pfeffer wurde in Gießen geboren, studierte Zahnmedizin, hatte seine Praxis in Berlin und flüchtete vor den Nazis nach Amsterdam. Als etwa 40-Jähriger teilte er sich im Hinterhausversteck der Amsterdamer Prinsengracht das Zimmer mit der jugendlichen Anne Frank, die das gar nicht gut fand. In ihrem Tagebuch hat sie ihn entsprechend ungnädig als »Albert Dussel« verewigt.

Dass Fritz Pfeffer gebürtiger Gießener war, wurde erst viele Jahre später bekannt. Seine Verlobte Charlotte hatte, wie Stadtführerin Dagmar Klein beim Treffen erläuterte, Jahre nach seiner Ermordung im KZ seinen Nachlass zum Flohmarkt gegeben. Dieser fand seinen Weg ins Amsterdamer jüdische Museum und es wurde nachgeforscht.

Kammeroper zu Anne Frank in Gießen zu sehen

Diese Verbindung von Gießen in das Amsterdamer Versteck von Anne Frank war ein Ansatzpunkt für die Idee von Roman Kurtz zu diesem besonderen Stadtspaziergang. Er legt aber Wert darauf, dass jeder der »Stolpern ohne Fallen«-Steine repräsentativ für alle von den Nazis ermordeten Gießener steht.

Eine Woche lang werden die im Malersaal des Stadttheaters aus Altpapier gefertigten Steine mit gemalter Goldhaube auch in der Neustadt 21, in der Moltkestraße 20, der Bahnhofstraße 34 und der Stephanstraße 28 sowie an der Ricarda-Huch-Schule zu finden sein.

Roman Kurtz hat sich bei der Recherche für seine Kammeroper »Das Tagebuch der Anne Frank«, die ab Donnerstag als Wiederaufnahme auf der taT-Studiobühne zu hören ist, und bei der Erkundung von geeigneten Stolperstein-Orten bestens vernetzt. Entsprechend groß war die Zahl derjenigen, die beim gestrigen Start des Projekts anwesend waren und Informationen beisteuerten: Allen voran Christel Buseck von der Koordinationsgruppe Stolpersteine, aber auch Anne-Frank-Darstellerin Martha Matscheko, Vertreter des Stadtschülerrats, der Arbeitsstelle Holocaustliteratur, der jüdischen Gemeinde und des Stadttheaters sowie Stadtführerin Dagmar Klein.

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