Percy Grommelt ist als junge Krankenschwester nach Deutschland gekommen. FOTO: SCHEPP
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Percy Grommelt ist als junge Krankenschwester nach Deutschland gekommen. FOTO: SCHEPP

Schwester Percys Appell

  • Christine Steines
    vonChristine Steines
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Als vor einigen Wochen 22 philippinische Pflegekräfte ans UKGM kamen, wurde ihnen fast ein roter Teppich ausgerollt. Sie sind angesichts des Fachkräftemangels hoch willkommen. Das war vor über 40 Jahren schon einmal so, auch damals holte man sich Hilfe aus Südostasien. Percy Grommelt war 1975 eine von diesen "Engeln in Schwesterntracht".

Im Wohnzimmer stehen Kisten und Päckchen. Lauter Hilfsgüter für die Landsleute auf den Philippinen. Percy Grommelt ist schon länger in Deutschland, als sie in ihrem Geburtsland gelebt hat, aber dennoch sind die Menschen dort ihr nah. "Es gibt auf dem Land so viel Armut", sagt sie. Und so viel Korruption. Gerade erst hätten die Funktionäre das Geld der Krankenversicherten in ihre eigenen Taschen gewirtschaftet. Menschen, die auf medizinische Versorgung angewiesen seien und kein Geld hätten, gingen nun leer aus. Ein Dilemma.

Auch nach all den Jahren hat die 70-Jährige noch manchmal Sehnsucht nach den Philippinen. Auf der anderen Seite ist Deutschland längst ihre Heimat. Sie lebt seit Ende der 80er Jahre in Gießen, ihr Mann (Hans Joachim Grommelt war bis 2013 Leiter des städtischen Umweltamtes und ist im BUND aktiv) und sie haben einen großen Freundeskreis mit vielen philippinischen Landsleuten. Vor Corona war das Haus oft voller Menschen, die zusammen kochen, essen und feiern.

Als vor einigen Wochen 22 junge Philippina im UKGM ankamen, sprach Percy Grommelt ein paar Grußworte: "Nutzt eure Chancen, macht eine Fachausbildung", rief sie den Kolleginnen zu. Gießen sei eine kleine, freundliche Stadt, in der man sehr gut leben könne. Und auch: "Ihr habt so viel Glück, hier zu sein, ihr habt es leichter als wir damals".

Warum eigentlich? Weil die jungen Kollegen gut vorbereitet werden, die Krankenschwestern in den 70ern wurden dagegen ins kalte Wasser geworfen. Die zierliche Frau lacht, wenn sie an ihr erste Zeit in Bad Drieburg denkt. Sie und ihre Freundin waren ausgebildete, erfahrene Krankenschwestern, aber sie verstanden kein Wort Deutsch. Sie liefen mit dem Wörterbuch unter dem Arm herum und verständigten sich mit Händen und Füßen. Nicht nur im Krankenhaus, sondern auch im Alltag. "Wenn wir Hühnchen kaufen wollten, machten wir Kikeriki", erzählt sie und bewegt die Arme wie Flügel. Sie seien exotische Erscheinungen gewesen, die bei schönem Wetter mit dem Regenschirm herumliefen, um sich vor der Sonne zu schützen. "Die Deutschen wollten damals alle braun werden, und wir wollten unbedingt hell bleiben." Viel Zeit für die Erkundung des neuen Landes sei jedoch nicht geblieben, denn die Schichten auf den Stationen waren lang, und nach Feierabend war Sprachunterricht angesagt. Die Entscheidung, für immer die Heimat zu verlassen, hatte damals mehrere Gründe: Zum einen wollte sie weg aus dem totalitären, korrupten Marcos-System, zum anderen wollte sie etwas von der Welt sehen. Und letztlich waren damals wie heute die Krankenschwestern, die ins Ausland gehen, für die Daheimgebliebenen eine wichtige Existenzsicherung. Für die Frauen ist es selbstverständlich, Geld nach Hause zu schicken. Auch bei Percy, die acht Geschwister hat, war das so.

Kollegen, Ärzte und Patienten hätten sie freundlich aufgenommen, erinnert sich die 70-Jährige, sie hätten sich rührend gekümmert und sie zu sich nach Hause eingeladen. Wie immer im Leben gehört auch ein bisschen Glück dazu, die richtigen Menschen für entscheidende Weichenstellungen zu treffen. In Percys Fall war das ein Chefarzt, der das Talent der jungen Fachkraft förderte und sie zur weiteren Fachausbildung ermunterte. Percy war in Manila bereits Unterrichtsschwester gewesen, sie hatte in einem Rettungsflugzeug der Luftwaffe Kriegsverletzte versorgt und sie kannte sich mit modernen Gerätschaften aus. Sie war eine mutige, zupackende Pflegerin, die Verantwortung übernehmen konnte.

In dieser Zeit lernte sie auch ihren Mann kennen. Er war der Hauptgrund, warum sie ein interessantes Jobangebot während eines USA-Aufenthaltes nicht annahm, sondern nach Deutschland zurückging. Sie absolvierte in Göttingen die Fachausbildung in Anästhesie und Intensivmedizin; in diesem Bereich war sie auch später an der Uniklinik Gießen tätig. Sie hat ihren Beruf immer gerne ausgeübt, gleichzeitig empfand sie die Arbeit als körperlich und psychisch sehr belastend. "Das war damals schon so und ist sicher heute erst recht der Fall", sagt sie. Percy Grommelt zog sich im Jahr 2000 aus dem Pflegeberuf zurück. Stattdessen setzte sie sich in Gießen und Frankfurt für Philippina ein, die in der Hoffnung auf ein besseres Leben durch Heiratsagenturen an die falschen Männer (oder Zuhälter) geraten und schließlich in der Illegalität gelandet waren. Viele dieser Frauen hatten Gewalterfahrungen durchlitten. Mit Unterstützung der damaligen Frauenbeauftragten Ursula Passarge organisierte sie Pflegehelferinnenkurse. Mit einem solchen Abschluss konnten die Frauen sich eine eigene Existenz aufbauen.

Heute lebt sie zurückgezogener, aber wie ihre Pakete im Wohnzimmer beweisen, ist sie nicht nur in Gedanken bei den Menschen auf den Philippinen, die Hilfe brauchen - jetzt in der Pandemie mehr denn je. Denn wie immer sind es die Armen, die am meisten leiden.

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