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„Schwerer Verlust“ droht: Förderung für Sprach-Kitas in Gießen endet

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Von: Katrin Hanitsch

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Vier Gießener Kindergärten profitieren von Fördergeldern des Bundes und dürfen sich Sprach-Kitas nennen. Doch damit soll nun bald Schluss sein.

Gießen - Bildungschancen von Kindern verbessern soll das Programm der Bundesregierung „Sprach-Kitas“. Doch Ende des Jahres soll die Förderung auslaufen. Auch für die betroffenen Kindertagesstätten in Gießen bedeutet das einen großen Einschnitt. Die Phase des Spracherwerbs kann für Kinder entscheidend für ihr weiteres Leben sein. „Sprache ist der Schlüssel zur Welt“, schreibt das Bundesfamilienministerium auf der Infoseite zum Bundesprogramm „Sprach-Kitas“. Um den Jüngsten in der Gesellschaft diesen Schlüssel mit auf den Weg geben zu können, wird seit 2016 jede achte Kita in Deutschland gefördert.

In Gießen profitieren vier Einrichtungen davon. Die AWO-Kitas „Kinder der Welt“, „Lotte Lemke“ und das KiFaz Marie Juchacz sowie die DRK-Kita „Henrys Weltentdecker“ sind Sprach-Kitas. Zusätzliche Fachkräfte können mit den Kindern an der Sprachkompetenz arbeiten. Dabei geht es nicht nur um Kinder mit Förderbedarf ; die Verbesserung der Sprachkompetenz wird auch in den Kita-Alltag integriert.

Doch damit soll nun Schluss sein, die Bundesmittel laufen Ende des Jahres aus. Die Länder, Bildungsgewerkschaften und die Opposition üben Kritik, es gibt eine Petition gegen das Aus der Sprach-Kitas mit mehr als 200 000 Unterstützern. Am 17. Oktober soll es eine Anhörung im Petitionsausschuss des Bundestages geben. Der Protest wird größer. Die Bundesregierung argumentiert, das Programm sei von Anfang befristet gewesen. Außerdem werde die sprachliche Bildung einen hohen Stellenwert im geplanten Kita-Qualitätsgesetz einnehmen.

Gießen: Gelder vom Bund laufen aus - Wegfall des Programms wäre „tiefer Einschnitt“

Die betroffenen Kitas in der Stadt überzeugt das nicht. „Wenn das Programm ausläuft, bedeutet das für uns einen tiefen Einschnitt, da die darüber finanzierte Fachkraft Sprachkita sehr viele Impulse einbringt“, sagt Heiko Krause, Pressesprecher des DRK Marburg-Gießen, das die Kita „Henrys Weltentdecker“ am Gelände des alten Schlachthofs betreibt. Die Fachkraft, die als Außenstehende Impulse in die Kita geben könne, sei ein wichtiges Mitglied des Teams geworden. „Der Wegfall ist ein schwerer Verlust, gerade in unserem Bereich in der Weststadt.“

Die zusätzliche Kraft - eine Erzieherin mit entsprechender Weiterbildung - könne sich Zeit nehmen, um mit einzelnen Kindern oder Kleingruppen qualitativ an der Sprache zu arbeiten. „Wir haben viele Kinder mit Migrationshintergrund, daher ist es wertvoll, so eine zusätzliche Möglichkeit der sprachlichen Bildung zu erhalten.“ Auch für die Eltern sei die Fachkraft ein wichtiger Ansprechpartner geworden, wenn es um die sprachliche Bildung der Kinder gehe, sagt Krause.

Bei der AWO sieht man das ähnlich. Deren drei Kitas haben »von den Sprachprojekten des Bundes fachlich sehr profitiert«, sagt Gaby Nickel, Fachbereichsleitung Kinderbetreuung. Für 185 Kinder in den vier Kitas war die alltagsintegrierte sprachliche Bildung über Jahre eine Bereicherung, den Wegfall bedauert die AWO. Alltagsintegriert - das bedeutet in den AWO-Kitas, dass die Sprachförderung in Routinesituationen und während Spielzeiten stattfindet, ohne dass diese explizit so gekennzeichnet wird. Die Lern- und Sprachentwicklung der Kinder werde systematisch beobachtet und dokumentiert.

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Sprachliche Förderung schon in der Kita soll für bessere Bildungschancen in der weiteren Laufbahn der Kinder sorgen. © DPA Deutsche Presseagentur

Förderung von Sprach-Kitas in Gießen: Austausch mit anderen Kitas fällt weg

Durch die Förderung habe man auch digitale Medien anschaffen können, die gezielt und pädagogisch unterstützt im Alltag der Kinder eingesetzt werden, sagt Nickel. Aktuell konzentriere man sich auf die interne Teamweiterentwicklung. Ein wesentlicher Aspekt des Projekts - der Austausch mit anderen teilnehmenden Kitas im Netzwerk Gießen-Lahn-Dill - falle weg.

Die Gießenerin Katharina Gnadt ist eine dieser zusätzlichen Sprach-Kita-Fachkräfte und arbeitet in einer Kindertagesstätte in Frankfurt. „Diese Stelle kann nicht von den anderen pädagogischen Fachkräften aufgefangen werden“, sagt sie. „Die Ansprüche an das pädagogische Personal sind bereits so hoch und wachsen stetig. Hinzu kommt der Personalmangel, unbesetzte Stellen, viele Ausfälle durch Krankheit. Meine Kita-Kollegen müssen im Alltag schon genug leisten.“ Als zusätzliche Fachkraft habe sie Zeit und Kapazität, sich um die sprachliche Förderung zu kümmern.

Gießener Sprach-Kitas: Erste Signale der Bundesregierung - Weg vom Modellprojektcharakter

Koordiniert wird das Netzwerk Gießen-Lahn-Dill von Christina Peters und ihrer Kollegin Sybille Merkel. Sie sind bei der Stadt Wetzlar angestellt und Fachberaterinnen Sprach-Kitas für den Verbund Mittelhessen. Sie betreuen 25 Sprach-Kitas von sechs Trägern, bieten Schulungen für die Fachkräfte und begleiten die Prozesse in den Einrichtungen. Dass das Programm nun enden soll, hat Peters überrascht - gerade vor dem Hintergrund, dass in diesem Jahr viele aus der Ukraine geflüchtete Kinder in die Kitas gekommen sind, die sprachliche Unterstützung gebrauchen können. Sie erinnert daran, dass sich die Fachkräfte in den vergangenen Jahren vielfach weitergebildet haben. Wenn sie nicht mehr da sind, fehle ein Multiplikator.

Angesichts des lauter werdenden Protests und erster Signale von Bundesfamilienministerin Lisa Paus schöpft die Fachberaterin ein wenig Hoffnung. Dabei müsse die Sprachförderung nicht zwingend über das Bundesprogramm finanziert werden. „Wir wollen in die Regelfinanzierung und weg vom Modellprojektcharakter“, fordert sie. (Katrin Hanitsch)

Zum zweiten Mal in Folge hat eine Gießener AWO-Kindertagesstätte beim Deutschen Kita-Preis eine Auszeichnung erhalten.

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