Walter Klock (l.) im vergangenen Jahr bei einer Gelbwesten-Demo auf dem Berliner Platz. Rechts neben ihm Reichsbürger-Aktivist Sven A. FOTO: ARCHIV
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Walter Klock (l.) im vergangenen Jahr bei einer Gelbwesten-Demo auf dem Berliner Platz. Rechts neben ihm Reichsbürger-Aktivist Sven A. FOTO: ARCHIV

Volksverhetzung bei Facebook?

Gießen: Schwere Vorwürfe gegen Bodybuilding-Legende

  • Burkhard Möller
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Er kennt Arnold Schwarzenegger persönlich und hat einst eine Bodybuilder-WM nach Gießen geholt. Im Alter von fast 90 sieht sich die Kraftsport-Legende Walter Klock nun in einem Flugblatt mit dem Vorwurf der Volksverhetzung konfrontiert. Sein Sohn Stefan hat Strafanzeige gegen die Urheber erstattet.

Diesmal waren es nur 1000 Teilnehmer bei der Nachttanzdemo am vergangenen Samstag. Von Demo-Nächten bleibt gleichwohl immer etwas zurück in der Stadt. Am Sonntagmittag sind es weiße Flugblätter, die am Rande der Demonstration verteilt wurden und am Ludwigsplatz dutzendfach auf dem Asphalt herumliegen.

Der Ort dürfte kein Zufall sein, denn die unbekannten Verfasser zielen auf die Betreiberfamilie des 50 Meter entfernt liegenden Fitnessstudios Clox ab. "Walter Klock - ein extrem rechtes Aushängeschild für Gießen" lautet die Überschrift des beidseitig bedruckten Flyers.

Die Vorwürfe, die gegen Walter Klock und die Familie erhoben werden, haben es in sich und beziehen sich auf einen offenen Facebook-Account, in dem unter seinem Namen rechtsradikale und antisemitische Inhalte verbreitet werden. Höhepunkt waren Ende Januar mehrere geteilte Artikel, in denen das Ausmaß des millionenfachen Mords an den Juden während der Nazizeit bestritten wird. In dem Beitrag des Portals "Morbus Ignorantia" wird die Zahl aller KZ-Opfer mit rund 270 000 angegeben, "davon etwa die Hälfte Juden". In einem anderen Post wird behauptet, dass tote deutsche Kriegsgefangene von den Alliierten zu jüdischen Opfer umdeklariert wurden. Geteilt wurden diese Beiträge Mitte und Ende Januar und damit rund um den 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz.

Die Verbreitung solcher Behauptungen ist in Deutschland strafbar und gilt als Volksverhetzung (siehe Infokasten). Für das Teilen bei Facebook unter anderem des Beitrags der Seite "Morbus Ignorantia" mit den falschen jüdischen Opferzahlen wurde zum Beispiel vor zwei Jahren ein 48 Jahre alter Reichsbürger-Aktivist vom Amtsgericht in Hannover zu einer Haftstrafe von zehn Monaten auf Bewährung verurteilt.

Familie schaltet Polizei ein

In anderen Beiträgen, die auf der Facebookseite Walter Klocks geteilt wurden, wird die Behauptung aufgestellt, es gebe einen "Plan, die deutsche Genetik durch Auszucht zu zerstören". Abgebildet sind eine weiße Frau und ein schwarzer Mann mit einem dunkelhäutigen Kind. In einem weiteren Post teilt Walter Klock die Aussage: "Heutzutage bedeutet Rechtsextrem, dass man extrem Recht hat" (Originalschreibweise).

Derartige Posts finden sich etliche in dem Account, wobei einige als "Falsche Information" gesperrt wurden. In dem Flyer wird Klock vorgeworfen, "rassistische Genetik" sowie "nationalistische Opferideologie" zu vertreten und Rechtsradikalen eine Bühne zu geben, die "ungehemmt Hass und menschenverachtende Hetze" betrieben.

Die in dem Flugblatt angegriffene Familie Klock hat zu den Vorwürfen am Mittwoch Stellung bezogen, nachdem die GAZ am Montag Sohn Stefan telefonisch über die Flyerverteilung informiert und um eine Stellungnahme zu den darin erhobenen Vorwürfen gebeten hatte. Er sei von dem Flugblatt überrascht worden, erklärt S. Klock. Von den Inhalten des Flugblatts distanziere er sich. "Desweiteren habe ich diesen Vorfall an einen Anwalt übergeben und Strafanzeige erstattet. Die Polizei ermittelt", schreibt S. Klock. Diesen Ermittlungen wolle er nicht mit weiteren Stellungnahmen vorgreifen. Damit bleibt vorerst unklar, was es mit der Facebookseite auf sich hat, die bei Redaktionsschluss am Mittwoch samt der zitierten Posts noch auffindbar war.

Dass die Bodybuilder-Ikone Walter Klock, der im September seinen 90. Geburtstag feiert, ein eher rechtes Weltbild vertritt, ist nicht neu. Anfang vergangenen Jahres nahm er an Demonstrationen der Gießener Gelbwesten teil, die unter dem Deckmantel sozialer Probleme rassistische Hetze verbreiteten und an einem Samstag gemeinsam mit NPD-Politikern durch Gießen zogen. Bei einer Gelbwesten-Demo im Februar 2019 hielt er auf dem Elefantenklo eine kurze asylkritische Rede. Die war harmlos, wenn man sie mit Inhalten vergleicht, die von dem Facebook-Account verbreitet werden.

Die unbekannten Verfasser des Flugblatts, die wohl in der Gießener Antifa-Szene zu verorten sind, haben mittlerweile ihre Recherchen ausgeweitet und einen Blog mit dem Titel Cloxleax veröffentlicht. Dort haben sie Screenshots von bei Facebook geteilten Beiträgen und Kommentaren der Accounts von Walter und Stefan Klock eingestellt. Denn auch der Sohn teilt unter anderem die fragwürdigen Ansichten des Philosophen Edgar Dahl, der den USA die Schuld am Zweiten Weltkrieg gibt.

Appell an "Stadtgesellschaft"

Für die Klocks kommen die Veröffentlichungen zur Unzeit. Stefan Klock will sich - wie diese Zeitung berichtet hat - mit seinem Fitness-Studio am Berliner Platz neu aufstellen. In einer Videobotschaft hatte er gemeinsam mit seinem Vater vor knapp zwei Wochen zunächst die Schließung angekündigt, um diese Entscheidung kurz darauf zu revidieren. Kunden und Freunde der Klocks starteten eine Spendenaktion, bei der bislang mehrere Tausend Euro zusammenkamen.

Clox ist in Gießen eine Institution. In dem Studio, das vor 40 Jahren von Walter Klock gegründet wurde, halten und hielten sich bekannte Gießener aus Wirtschaft, Politik und Medien fit. Einige sind mit Walter Klock, der auch als Trainer und Funktionär auf eine lange Karriere im Bodybuilding zurückblicken kann, bei Facebook befreundet. Ihnen kann kaum entgangen sein, welches Welt- und Geschichtsbild ihr Facebookfreund vertritt. Diesbezüglich fordern die Verfasser des Flugblatts die "Gießener Stadtgesellschaft" auf, "sich zu informieren, zu distanzieren und sich klar zu positionieren".

INFO

Volksverhetzung

Der Straftatbestand der Volksverhetzung wird im §130 des Strafgesetzbuchs definiert. Darunter fällt auch die Verharmlosung und Leugnung des Massenmords an den Juden. Im Absatz 3 heißt es: "Mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer eine unter der Herrschaft des Nationalsozialismus begangene Handlung der in § 6 Abs. 1 des Völkerstrafgesetzbuches bezeichneten Art in einer Weise, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, öffentlich oder in einer Versammlung billigt, leugnet oder verharmlost."

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