In der provisorischen Leichtbauhalle beginnt heute der erste Prozess. FOTO: SCHEPP
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In der provisorischen Leichtbauhalle beginnt heute der erste Prozess. FOTO: SCHEPP

Neuer Gerichtssal

Schwere Verbrechen in Leichtbauhalle in Gießen

  • vonOliver Schepp
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Wegen der aktuellen Abstandsregeln wird das Landgericht Gießen große Verfahren um schwere Verbrechen künftig in einer neuen Leichtbauhalle abhalten.

Sabine Schmidt-Nentwig ist sichtlich beeindruckt. "Vor zweieinhalb Wochen war das hier alles noch grüne Wiese." Jetzt steht die Präsidentin des Gießener Landgerichts in einer 800 Quadratmeter großen Leichtbauhalle, die einen provisorischen Gerichtssaal beherbergt. Wobei "provisorisch" ein falsches Bild vermittelt. Der externe Sitzungssaal, der nun neben der HEAE anzufinden ist und das Landgericht monatlich 32 000 Euro Miete kostet, stellt so manch üblichen Verhandlungsraum in den Schatten. Das haben Schmidt-Nentwig, ihr stellvertretender Geschäftsführer Christian Schombert sowie Regierungspräsident Christoph Ullrich am Donnerstag bei einer Führung demonstriert.

Die mit der Corona-Pandemie einhergehenden Abstandsregelungen hatten auch die Verantwortlichen des Gießener Landgerichts vor Probleme gestellt. "Es war schnell klar, dass auch unser großer Sitzungsraum für Verhandlungen mit mehreren Prozessbeteiligten nicht geeignet ist", sagt Schmidt-Nentwig. Die Idee einer Halle kam aus Limburg. Das dortige Landgericht hat in einem Industriegebiet ein Zelt aufgebaut, in dem größere Verhandlungen über die Bühne gehen sollen. Bei einem Vor-Ort-Termin überzeugten sich Schmidt-Nentwig und Schombert von der Idee, der Umsetzung konnten sie allerdings nicht viel abgewinnen. "Als wir dort waren, fegte ein Unwetter über das Zelt. Man hat sein eigenes Wort nicht mehr verstanden", sagt Schmidt-Nentwig. Die Lösung: Eine robuste Leichtbauhalle. Regierungspräsident Ullrich sagte umgehend zu, eine geschotterte Fläche neben der HEAE bereitzustellen. "Wenn wir etwas können, dann Zelte aufstellen", sagt Ulrich mit einem Lächeln und erinnert daran, dass er 2015 in der Hochzeit des Flüchtlingsstroms das Amt übernommen hat.

Sechs Zellen und ein hoher Zaun

Zusammen mit Tobias Jouck von der ausführenden Baufirma Much erklärte Schombert die Räumlichkeiten. Durch den Haupteingang, der mit einem Metalldetektor ausgestattet ist, gelangt man in den Besucherraum, der 26 Plätze bereithält. Hinter dem Glas befindet sich der 400 Quadratmeter große Verhandlungssaal, der Platz für neun Angeklagte und 18 Verteidiger bietet. Jeder Sitz ist mit einer Plexiglasscheibe abgeschirmt. Videoskameras, Mikrofone und Bildschirme gehören ebenso zur Ausstattung wie Heizung und Klimaanlage. "Zudem sind die Wände und die Decke mit einem Schallschutz versehen, damit die draußen wartenden Zeugen nicht beeinflusst werden können"; erklärt Jouck.

Während Besucher, Zeugen und weitere Prozessbeteiligte den Haupteingang nutzen können, werden die Angeklagten durch einen Eingang auf der Rückseite in die Halle gebracht. Direkt neben diesem Eingang sind sechs Container aufgebaut, die als Präsenzzellen dienen. "Vom Bus zu den Zellen sind es nur zwei bis drei Meter. Außerdem verläuft um das Gelände ein hoher Zaun. Das bietet ein hohes Maß an Sicherheit", sagt Schombert. Denn, so RP Ulrich: "Hier werden keine Falschparker verurteilt."

Bei solch großen Verhandlungen geht es oft um schwerwiegende Verbrechen. Am heutigen Freitag beispielsweise startet ein Prozess gegen eine Gruppe, die Geldautomaten in die Luft gesprengt hat. Sieben Personen sind angeklagt, sechs davon sitzen derzeit in Haft. "Das wird unsere Feuertaufe", sagt Schmidt-Nentwig. "Wir sind aber zuversichtlich, dass alles reibungslos ablaufen wird."

Wie lange die Leichtbauhalle hier stehen wird, ist ungewiss. "Das hängt natürlich von Corona ab. Aber ein Jahr lang werden wir sie definitiv brauchen", sagt die Präsidentin. Beim Blick auf die Ausstattung würde es nicht verwundern, wenn der eine oder andere Vertreter des Landgerichts die Halle auch gerne länger nutzen würde.

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