Ist das eine Schweinsnase? Nein, aber der Blick in die Kiste mit Fundstücken offenbart andere Besonderheiten. FOTO: PV
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Ist das eine Schweinsnase? Nein, aber der Blick in die Kiste mit Fundstücken offenbart andere Besonderheiten. FOTO: PV

Das Schwein im Scherbenhaufen

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Gießen(chh). In 411 Jahren sammelt sich so einiges an. Auch im Botanischen Garten von Gießen, dem ältesten Universitätsgarten dieser Art in Europa. Generationen von Gießenern sind schon durch die grüne Lunge der Stadt gelaufen. Natürlich auch Besucher. Und womöglich sogar Schweine. Das belegt ein Blick in die Fragmentsammlung zur Geschichte des Botanischen Gartens.

Verbindung in die Vergangenheit

Sind es Reste? Fragmente? Müll? Bringen Scherben Glück? Was ist es? Viele Fragen beschleichen einen beim Blick in die Kisten mit Scherben, Metallstücken, Glasbruch, Knochen und Fruchtkernen. Entstanden ist die Sammlung durch Erdarbeiten im Zuge der Pflanzung des Darwinpfads. Von Hand gesiebt, wurden sämtliche Fundstücke aussortiert und aufbewahrt, um Einblicke in die Geschichte des Gartens zu erlangen. "Es war mir wichtig, eine Verbindung aufzubauen zu den Menschen, die vor uns in einer langen Reihe seit 1609 in diesem Garten gearbeitet haben", sagt Prof. Volker Wissemann, der wissenschaftliche Leiter des Botanischen Gartens, der die Erde damals eigenhändig nach Dienstschluss und am Wochenende siebte.

"Fast ist es wie bei den sieben Zwergen, wenn man mit einer Scherbe eines Krugs oder einer Schüssel in der Hand fragt: Wer hat aus meinem Krug getrunken, wer hat aus meiner Schüssel gegessen?", sagt Wissemann. Diese Verbindung in die Vergangenheit mache den Botanischen Garten so lebendig. Durch viele Situationen in der Geschichte der Ludoviciana, der heutigen JLU, nicht zuletzt besonders stark durch den Krieg, habe es Zäsuren, Brüche, Neuanfänge, Beendigungen gegeben. "Die Kontinuität der Institution des Gartens hingegen findet sich repräsentiert in den Fragmenten. Keramiken, die mehrere Jahrhunderte repräsentieren. Glasbruchstücke, die eine erstaunliche Variation in der Glasdicke zeigen, für offensichtlich sehr unterschiedliche Anwendungen. Fruchtkerne unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Herkunft, die zeigen, dass Menschen nicht nur heute zur Erholung im Garten sitzen und reife Marktfrüchte naschen, sondern auch Mitarbeiter der letzten Jahrzehnte dies taten", erzählt Wissemann.

Besonders schön sei der Fund eines zweiten Halswirbels eines Hausschweins gewesen. Schließlich sei bekannt, dass es der Gartenleitung früher erlaubt war, auf einem kleinen Areal ein Schwein für den persönlichen Bedarf zu mästen. "Vielleicht war es das Schwein, das Hermann Hoffmann gehörte, und vielleicht hat er seinen Kollegen Justus von Liebig zum Essen eingeladen, in die Baracke im Garten, die Liebigs Labor werden sollte. Vielleicht ist es die langersehnte Devotionalie zu Liebig, aber vielleicht auch nur ein Rest", sinniert Wissemann und macht damit deutlich, was diese Sammlung so besonders macht: Sie weckt die Imagination und schafft Verbundenheit. Daher sei sie auch wichtig für die Entscheidung gewesen, mit dem Bau der neuen Gewächshäuser die Tradition des Gartens fortzuführen.

Die Neubauten sind ein weiterer Baustein in der Gesichte des Gartens. Gut möglich also, dass künftige Generationen ebenfalls in der Erde graben und über die Relikte sinnieren, die sie dereinst in der grünen Lunge der Stadt finden werden.

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