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gehörten viele Jahre zum Erscheinungsbild des Selterswegs. Jeden zweiten Samstag trafen sie sich bei den Drei Schwätzern. REPRO: DKL

Die schwarz gekleideten Frauen

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Die wegen Corona derzeit nicht zu besichtigende Ausstellung mit politischen Plakaten der 80er Jahre im Oberhessischen Museum gibt Anlass, sich den dort dokumentierten Themen wieder einmal zuzuwenden. Diesmal im Blick: die schwarz gekleideten Frauen aus Gießen.

Zehn Jahre lang sorgte eine Gruppe Frauen auf dem Seltersweg dafür, dass die Atomkatastrophe von Tschernobyl nicht in Vergessenheit geriet. Alle zwei Wochen trafen sie sich samstags bei den Schwätzern. Initiatorin war die Fotografin Barbara Lenz.

Am 1. Mai 1986 schreckte eine Meldung die Menschen aus ihren frühsommerlichen Aktivitäten. Der Super-GAU war eingetreten, ein Atomkraftwerk (AKW) war explodiert, radioaktive Strahlung ausgetreten, die der Ostwind rund um die Welt schickte. Die folgenden Wochen und Monate waren bestimmt von Unsicherheit und Angst. In den Nachrichten wechselten die Empfehlungen: nicht ins Freie gehen, Produkte aus dem eigenen Garten nicht essen, Kinder nicht im Sandkasten spielen lassen.

Es gab bereits zuvor diverse Bürgerinitiativen, die den Ausstieg aus der Atomenergie gefordert hatten, nun kamen neue hinzu, auch die schwarz gekleideten Frauen, die sich durch besondere Beharrlichkeit auszeichneten. Zehn Jahre lang trafen sie sich alle zwei Wochen samstags bei den Drei Schwätzern. Initiatorin Barbara Lenz erzählt, dass der Protest zunächst darin bestand, dass die BI gegen Atomkraft dienstags nach Bonn fuhr, um vor dem Innenministerium zu demonstrieren. Das war sehr aufwendig und so entstand die Idee zu dieser lokalen Protestform.

Mütter der Plaza de Mayo als Vorbild

Nach dem Vorbild der "Mütter vom Plaza de Mayo" in Argentinien, die von der Regierung Auskunft über ihre verschwundenen Angehörigen forderten, trugen die Gießener Frauen schwarze Kleidung, anfangs auch ein weißes Kopftuch. Bereits im Oktober 1986 berichtete der "Stern" über vergleichbare Aktivitäten in Deutschland, das zentrale Foto kam von der angehenden dpa-Fotografin Katja Lenz, die Tochter von Barbara Lenz.

Die schwarze Kleidung und die um den Hals gehängten Plakate mit kurzen Statements blieben bis zum Schluss Teil des Protestes. Die Frauen standen anfangs nur schweigend im Kreis und irritierten damit vor allem männliche Passanten. Die laut gerufene Empfehlung, sie sollten besser am Kochtopf stehen, mussten sie mehrfach ertragen. Es gab zu Beginn der Mahnwachen noch wesentlich aggressivere Pöbeleien. Doch viele Menschen waren interessiert, man kam ins Gespräch, die Schwarzgekleideten erhielten Zuspruch und Lob. Gleichgesinnte aus anderen Gießener Gruppen kamen wechselnd dazu, etwa Frauen für den Frieden, aus dem Frauenkulturzentrum oder von der Partei Die Grünen.

Eine Frau schuf ein Puppentheaterstück über ihr Anliegen, das sie im Ulenspiegel zeigten. Für besonders viel Aufmerksamkeit sorgte die Seltersweg-Aktion "Henkersmahlzeit" im September 1986, als Festmahl zwei Jahre später wiederholt. Eine lange Tafel wurde aufgestellt, dafür brachten die Teilnehmenden Tische und Stühle, Essen und Trinken mit. Das vermeintlich fröhliche Fest fand unter dem ironischen Bannerspruch "denn es gibt keinen Grund zur Beunruhigung" statt.

1993 Umweltpreis der Stadt verliehen

Durch die Beschäftigung mit dem Thema stießen die Frauen, von denen die meisten vorher unpolitisch waren, auf das weite Feld der Umweltzerstörung. Schon damals regten sie an, Plastiktüten beim Einkaufen zu vermeiden. In dem 1990 erschienenen psychoanalytisch geprägten Buch "Nach Tschernobyl regiert wieder Vergessen", werden die schwarz gekleideten Frauen Gießens als ein positives Beispiel für den offenen Umgang mit Angst bezeichnet. 1993 erhielten sie den Umweltpreis der Stadt Gießen. An der Atompolitik änderte sich damals nichts. Als die Frauen ihren Protest 1996 medienwirksam beendeten, waren einige sehr enttäuscht. Es brauchte noch eine atomare Katastrophe, die in Fukushima 2011, ehe sich zumindest hierzulande die Politik änderte.

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