Schulung in Verantwortlichkeit "notwendig"

Gießen (srs). Die Vorträge sind gehalten. Moderatorin Regina Oehler wendet sich an die 400 Zuhörer in der Uni-Aula: Sie dürfen jetzt Fragen stellen. Doch auf dem Podium nimmt der Referent Prof. Horst-Eberhard Richter das Mikrofon selbst an sich, um nachzuhaken.

Gießen (srs). Die Vorträge sind gehalten. Moderatorin Regina Oehler wendet sich an die 400 Zuhörer in der Uni-Aula: Sie dürfen jetzt Fragen stellen. Doch auf dem Podium nimmt der Referent Prof. Horst-Eberhard Richter das Mikrofon selbst an sich, um nachzuhaken. "Bietet denn die Naturwissenschaft praktische Lösungen für das Problem der Friedlosigkeit?", fragt er den neben ihm sitzenden Hirnforscher Prof. Wolf Singer. Er erntet ein Kopfschütteln. "Und später vielleicht? In der Zukunft?", will der Gießener Psychoanalytiker und Psychosomatiker wissen. Singer hebt ungewiss die Schultern. Die beiden renommierten Forscher sprachen am Samstag bei Auftaktveranstaltung des "Funkkollegs Psychologie" des HR.

Seit Samstag bietet das zweite Radioprogramm des Hessischen Rundfunks in Kooperation mit der JLU und der Volkshochschule die Möglichkeit, sich weiterzubilden zum Thema "Wer wir sind und wie wir sein könnten".

Die Ausgangsfrage des Funkkollegs stellte Richter mit einem Auftrag gleich. "Wer wir sind", erklärte der Gießener Ehrenbürger, "das erfahren wir erst, wenn wir entdecken, was in denen steckte, die vor uns waren." Daraus schließt er: "Unsere Fehler übertragen sich auf die, die uns folgen. Deshalb dürfen wir nicht scheitern." Richter berichtete von Erfahrungen zu Anfang seiner beruflichen Laufbahn als Familientherapeut in den fünfziger Jahren. "Oft kam bei den Kindern in Form von Jährzorn, Wut oder Schlafstörungen zum Ausdruck, was die Eltern verschwiegen." Dies habe er auch in seiner eigenen Familie beobachtet. "Was uns als Eltern bedrückte, gaben wir unbewusst den Kindern weiter." Richter schilderte den späten Erfolg seines 1960 veröffentlichten Buches "Eltern, Kind und Neurose". Die Generation der 68er habe seine Beobachtung geteilt und ihre Unfreiheit im "Versagen der Vorgängergeneration" erkannt.

Richter äußerte sich auch zum Verhältnis von Frau und Mann. "Man merkt, dass man sich selbst verändert", sagte er. Aussagen Sigmund Freuds, wonach Männer sich ihrer Energie in der Kulturarbeit nicht durch die in ihrer Sexualität "ungehemmten" Frauen berauben lassen dürften, seien vor Jahrzehnten noch als fortschrittlich angesehen worden. Wenn heute mehr Frauen in verantwortlicher Position der Finanzwelt säßen, wäre die Finanzkrise in dieser Form nicht eingetreten, glaubt der Psychoanalytiker. "Augenblicklich liegt das Gewicht zu sehr auf der Entwicklung des Intellekts. Die Finanzkrise wurde ja nicht von Dummen angerichtet." Es gebe keine ausreichende Schulung in Verantwortlichkeit, Gerechtigkeit und Rücksichtnahme.

Singer, Leiter des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung in Frankfurt, beschrieb Versuche seiner Wissenschaft, das Ich-Zentrum im Gehirn zu finden. "Es gibt jedoch kein Kontrollzentrum." Singer verglich die Struktur mit einem Verbindungsnetz von Flugzeugstrecken. "Es gibt Umsteigemöglichkeiten zu jedem benachbarten Ort, aber auch Langstreckenverbindungen." Die Koordination des Gehirns erfolge wohl "durch sich selbst organisierende, temporär synchronisierende, rhythmische Aktivitäten".

Singer schilderte etwa die Fähigkeit des menschlichen Gehirns, Mitgefühl herzustellen. Ein weit verzweigtes System von speziellen Nervenzellen - sogenannte Spiegelneuronen - werde durch andere Menschen aktiviert und rufe spiegelbildlich Gefühle des anderen wie Freude und Schmerz in uns wach. Kultur und menschlicher Geist sei nicht durch einen "Masterplan" entstanden, sondern "Schritt für Schritt" durch Evolution und die Fähigkeit des Menschen, Wissen durch Erziehung weiterzugeben. Genetisch seien Gehirne von heutigen Menschen und von Primaten vergleichbar. Doch die Einbettung in eine andere sozio-kulturelle Welt verändere die "Architektur" des Menschengehirns.

Gastgeber der Auftaktveranstaltung war die Professur für Pädagogische Psychologie der Justus-Liebig-Universität. Prof. Joachim Stiensmeier-Pelster betonte, Gießen sei die Kinderstube der deutschen Psychologie, da hier im April 1904 der erste Kongress für experimentelle Psychologie stattgefunden hatte.

Musikalisch begleiteten Thomas Heidepriem, Peter Reiter und Tony Lakatos von der HR-Bigband das Programm. Die Gäste konnten vor und nach den Vorträgen auf einem Wissensmarkt an psychologischen Experimenten teilnehmen.

HR2 sendet das "Funkkolleg Psychologie" 26 Wochen lang jeden Samstag von 9.25 bis 9.55 Uhr. Die Beiträge werden sonntags von 10.05 bis 10.35 Uhr in HR-info wiederholt. Weitere Informationen im Internet unter .

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